Das weltweit erste Knorpelregister entsteht

Von: Sabine Rother
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Brennpunkt Knorpel: Diese CT-Aufnahme zeigt ein Kniegelenk mit geschädigter Knorpelschicht. Der Puffer des Gelenks ist extrem angegriffen. Foto: stock/Alfred Pasieka, Michael Jaspers (2).

Aachen. Das erste Knorpelzentrum der Region soll in diesem Jahr im Luisenhospital Aachen eröffnet werden. Dessen Schwerpunkt wird die Behandlung komplizierter Knorpelschäden sein. Möglich wird diese Spezialisierung durch den Orthopäden und Unfallchirurgen Stefan Andereya.

Er ist Mitglied einer Arbeitsgemeinschaft, die das weltweit erste Knorpelregister, gegründet 2014 in Freiburg, unterstützt.

Dort werden alle Erfahrungen bei der Behandlung von Knorpelschäden in einer Datenbank gespeichert und ausgewertet. Dabei ist dieses Register kein realer Sammelort für unterschiedliche Knorpelarten, vergleichbar mit transplantierbaren Stammzellen, sondern eine In­stanz, die die Wirksamkeit unterschiedlicher knorpelchirurgischer Therapien analysiert, vergleicht und neue Ansätze prüft.

Fünf Millionen Menschen erkranken jährlich in Deutschland an einem Knorpelschaden am Knie, der sich häufig zur Arthrose entwickelt. Ist irgendwann der Stoßdämpfer, der den Knochen schützt, zerstört, hilft nur noch ein Gelenkersatz. Orthopäden und Unfallchirurgen sind daher beständig auf der Suche nach effektiveren Behandlungsmöglichkeiten und brauchen den Vergleich zwischen den Methoden.

Wie demnächst auch das Luisenhospital sind bereits rund 60 Kliniken in Deutschland sowie Einrichtungen in der Schweiz und in Österreich dem Knorpelregister angeschlossen. Federführend ist in Freiburg das Team um Professor Philipp Niemeyer, Sektionsleiter Knorpelchirurgie in der Klinik für Orthopädie und Unfallchirurgie am Universitätsklinikum Freiburg. „Die Initiative geht von der Deutschen Gesellschaft für Orthopädie und Unfallchirurgie aus“, betont Niemeyer. „Ein wichtiger Aspekt ist dabei, dass wir von der Industrie unabhängig sind. Wir prüfen unabhängig Produkte und Operationsverfahren.“

Damit reagiert man nicht zuletzt auf Forderungen der Krankenkassen, den Sinn von Routineeingriffen stärker zu prüfen. Vorreiter dieser Initiative sind die skandinavischen Länder, wo es längst vergleichbare Register für die Bereiche Gelenkersatz und Kreuzbandverletzungen gibt. Freiburg hat in Deutschland die Projektleitung für das Knorpelregister erhalten, weil man unter anderem über eine EDV verfügt, die den Datenschutz bei einer solchen Studie garantiert.

Stimmen Patienten, die wegen eines Knorpelschadens am Knie operiert wurden, einer Erfassung im Knorpelregister zu, werden ihre Daten, die den Weg von der Diagnose bis zu Eingriff und Heilvorgang beschreiben, anonymisiert weitergeleitet. Ziel ist es dabei, die Entscheidungen der Operateure, Behandlungsergebnisse und eventuelle Komplikationen nach operativen Eingriffen zu dokumentieren. Die Patienten werden nach sechs Monaten und danach wiederholt in einem Zeitraum von zehn Jahren zum Erfolg der Behandlung befragt. Sind sie zufrieden? Wie lange hielten die Schmerzen an? Waren sie heftig? Gab es Schwellungen?

„Nur so lässt sich etwas über die Qualität von Behandlungsmöglichkeiten erfahren. Es geht um Sicherung, Verbesserung und gleichzeitig um wissenschaftliche Forschung“, sagt Stefan Andereya. „Theorie und Praxis werden so eng verzahnt, denn jeder Patient hat eine individuelle Geschichte.“ Parallel zur konkreten Beobachtung von Eingriffen und deren Erfolg werden grundsätzliche Daten erhoben. Gibt es Unterschiede zwischen Männern und Frauen? Spielen Risikofaktoren wie Rauchen und Übergewicht eine Rolle beim Knorpelverlust? Welche Auswirkung haben Fehlstellungen?

Rund 30 Experten sitzen in der Arbeitsgemeinschaft, deren Anwendungsempfehlungen sich bei Auswertung der Behandlungserfolge laufend verändern werden. „Es ist ein Unterschied, ob ich einen Defekt von drei Qua­dratzentimetern vor mir habe oder eine viel größere Fläche“, sagt Andereya. „Knorpel ist ein Material, das sich kaum selbst reparieren kann. Es wird durch die Gelenkflüssigkeit und nicht durch Blut versorgt und enthält nur fünf Prozent Knorpelzellen“, erklärt Andereya. Ist der Knorpel angeschlagen, ist er quasi dem Untergang geweiht. Es gibt Defekte, die bis zum Knochen reichen, und sogar die Kombination aus Knorpel- und Knochendefekt.

Der Vielzahl der möglichen Schädigungen steht eine gleichfalls lange Liste von operativen Verfahren gegenüber. Hoch im Kurs bei den Operateuren steht zurzeit ein zellfreies Gel auf Kollagenbasis, das als regeneratives Implantat dort eingesetzt wird, wo es an Knorpel mangelt. Wie ein Polster setzt sich der farblose Puffer an diesen Schadensstellen fest. Das funktioniert, weil Kollagen ohnehin natürlicher Hauptbestandteil des Gelenkknorpels ist und ihm sein Gerüst bietet.

„Noch aktueller ist der Einsatz eines flüssigen Kollagenprodukts, das zusammen mit einer Neutralisationslösung selbst feinste Fissuren sowie schwer erreichbare Stellen im Gelenk versorgt“, erklärt Andereya, der gerade in diesem Bereich seit Jahren forscht. Arthroskopisch gelangt dieses Präparat mit einer Spritze zum häufig tief sitzenden Defekt, wo sich durch das eingespritzte Präparat innerhalb von Minuten ein stabiler Knorpelersatz bildet. Dieses Verfahren ist jedoch nicht in allen Fällen möglich.

Neueste Erfahrungen wie diese sollen ebenso in das Knorpelregister eingehen wie die Beobachtung, dass Knorpel- und Stammzellen aus dem umliegenden Gewebe sogar in die Implantate einwandern und die Selbstheilung anregen.

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