Staukarte

Das Wahnsinnsprojekt an der Mosel

Von: Marlon Gego und Birgit Reichert
Letzte Aktualisierung:
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So soll‘s mal aussehen, wenn die Hochmoselbrücke fertig ist: Zwischen Ürzig und Rachtig in Rheinland-Pfalz wird bis voraussichtlich 2016 quer durch wertvolle Weinberge diese bis zu 158 Meter hohe und 1,7 Kilometer lange Brücke gebaut. Doch selbst Experten aus dem Wirtschaftsministerium bezweifeln, ob die Pfeiler im Westhang überhaupt halten. Foto: dpa
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Brückenpfeiler in den besten Riesling-Lagen der Mosel: So baut das Land Rheinland-Pfalz.

Ürzig/Aachen. Man könnte jetzt einen der vielen Menschen vorstellen, die vom Wahnsinn an der Mosel betroffen sind, den Ökobauern Friedmunt Sonnemann zum Beispiel, oder den Winzer Johannes Schmitz. Ihre Probleme mit der Hochmoselbrücke, die quer durch Felder und Weinberge des Moseltals gebaut wird, sind ähnlich, ihre Argumente die gleichen.

Das wäre die eine Möglichkeit, den Wahnsinn an der Mosel zu skizzieren. Die andere ist, den Vermerk 2013/ 130180 von Andreas Tschauder zu lesen, Referat 8404 des rheinland-pfälzischen Wirtschaftsministeriums: „Das Bauwerk“, also die Hochmoselbrücke, „kann nach den einschlägigen DIN-Vorschriften für den Baugrund nicht errichtet werden“, steht darin, der Untergrund sei nicht sicher. Aber: Die Brücke wird trotzdem gebaut.

Besondere Inkompetenz

Die Hochmoselbrücke ist derzeit das größte Brückenbauprojekt Europas, und wenn sie je zu Ende gebaut wird, soll sie 1,7 Kilometer lang, sechs Spuren breit und bis zu 158 Meter hoch sein. Sie ist ein Teil des Ausbaus der B 50, der eine schnelle Verbindung zwischen der A 1 und der A 61 ermöglichen soll. Dieser 25 Kilometer lange Ausbau wird „Hochmosel-übergang“ genannt. Der Zweck sei, so war die Sprachregelung unter dem damaligen Ministerpräsidenten Kurt Beck (SPD), die Eifel mit dem Hunsrück zu verbinden. Der Ausbau nutze der Region, erklärte Beck, bringe Touristen und Arbeitsplätze. Totschlagargumente, die weder zu beweisen noch zu widerlegen sind, wie die Gegner sagen. Baubeginn war Ende 2010.

Kurt Becks Planungen sahen vor, den „Hochmoselübergang“ samt Brücke bis Mitte 2015 fertigzustellen. Doch heute, ein Jahr vor der geplanten Fertigstellung, sind noch nicht einmal alle Gutachten eingeholt, die für den Brückenbau erforderlich sind. Und schlimmer noch: Das Landesamt für Geologie warnt in einem internen Schreiben vor „erheblichen baulichen und finanziellen Risiken“ bei der Errichtung der bis zu 150 Meter hohen Brückenpfeiler auf der Westseite des Moseltals. Es wird auf geologische „Rutschflächen“ an dem Hang verwiesen, die bis zu 70 Meter in die Tiefe reichten und „nicht sicher erkundet“ seien. Das „Baugrundrisiko“ wird insgesamt als „sehr hoch“ bewertet. Zusammengefasst wird dies in jenem Vermerk 2013/130180 aus Andreas Tschauders Referat 8404.

Doch Malu Dreyer (SPD), die Anfang 2013 Nachfolgerin von Ministerpräsident Kurt Beck wurde, möchte das Projekt „keinesfalls“ infrage stellen – was wenig heißt. Denn die SPD-geführten Regierungen des Landes Rheinland-Pfalz haben sich bezüglich verschiedener Bautätigkeiten in den vergangenen Jahren den Ruf besonderer Inkompetenz erworben. Die von Kurt Beck forcierte Erweiterung des Nürburgrings um einen Freizeitpark zum Beispiel kostete den Steuerzahler mehr als 350 Millionen Euro. Versprochen wurde damals allerlei, unter anderem: scharenweise Touristen und Arbeitsplätze. Es kamen dann aber nur eine Handvoll Katastrophentouristen, die beobachten konnten, wie der landeseigene Nürburgring samt Freizeitpark in die Insolvenz ging und für 77 Millionen Euro an einen Investor aus Düsseldorf verkauft wurde, der erst mal das wirtschaftlich so wichtige „Rock am Ring“-Festival aus der Eifel vergraulte. Und der frühere Finanzminister Ingolf Deubel (SPD) wurde im Zusammenhang mit den Freitzeitparkaktivitäten des Landes wegen schwerer Untreue in 14 Fällen zu dreieinhalb Jahren Haft verurteilt.

Auch der 1993 gebaute Flughafen Frankfurt-Hahn, zu 82,5 Prozent im Eigentum des Landes Rheinland-Pfalz, erwies sich als Fehlinvestition. Die Landesregierung versprach 10 000 Arbeitsplätze im Umfeld des Flughafens, entstanden sind bis heute kaum 3000. Der Flughafen macht Jahr für Jahr Verluste in Millionenhöhe, die Passagierzahlen sinken. Und nun also die Hochmoselbrücke, die trotz Warnung von Experten innner- und außerhalb des Wirtschaftsministeriums gebaut werden soll.

Tja, und jetzt?

Der Hochmoselübergang sei von Anfang an mit dem Wissen geplant worden, dass man sich auf geologisch schwierigem Untergrund befinde, sagt Ministerpräsidentin Dreyer. „Und das bedeutet, Sicherheit war von Anfang an eine der allerobersten Prioritäten.“ Bei dem Mega-Projekt sei es selbstverständlich, dass auch immer wieder neue Gutachten erforderlich seien, sagt Dreyer. Das hydrogeologische Gutachten zum Beispiel, das nun zum Thema Sickerwasser in dem sogenannten Rutschhang auf der Eifelseite entstehen soll. „Das Einzige, was daraus noch resultieren kann, ist, dass die ein oder andere Maßnahme noch zusätzlich ergriffen wird“, sagt Dreyer.

Tja, und jetzt?

Vielleicht noch dies: Der „Hochmoselübergang“ samt Brücke ist keine Erfindung von Kurt Beck. Während des Kalten Krieges in den 60er Jahren, als der Westen sozusagen täglich mit einer Invasion der Roten Armee aus der Sowjetunion rechnete, hatte der frühere rheinland-pfälzische Verkehrsminister Heinrich Holkenbrink (CDU) die Idee, eine Truppenaufmarschstraße anzulegen. Sie sollte die Nordseehäfen in Belgien und Holland mit den Militärflugplätzen in Eifel und Hunsrück und dem Rhein-Main-Gebiet verbinden. Das Projekt, „Hochmoselübergang“ genannt, wurde jedoch vom damaligen Bundesverkehrsminister Georg Leber (SPD) abgelehnt, aus Kostengründen.

Der Kalte Krieg ist seit 25 Jahren zu Ende, aber Holkenbrinks Idee hat ihn irgendwie überdauert.

Wahnsinn.

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