Köln - Das rheinische Jerusalem im Schatten des Doms

Das rheinische Jerusalem im Schatten des Doms

Von: Alexander Stein
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Wahre Schatzgrube: Eine Archä
Wahre Schatzgrube: Eine Archäologiestudentin gräbt neben der Ostmauer der Mikwe. Die Mikwe steht im Judentum für das Tauchbad, das der Reinigung von ritueller Unreinheit dient. Foto: Alexander Stein

Köln. Lebendig soll sie werden, die lange Geschichte der Kölner Juden. Seit mindestens 1700 Jahren gibt es sie in der Stadt. Der älteste schriftliche Beweis ist ein Dekret Kaiser Konstantins aus dem Jahre 321, das den jüdischen Kölnern erlaubt, in die Curia, den römischen Stadtrat, berufen zu werden.

Die Gemeinde muss also älter sein. Seit 2007 reißen Archäologen um den Projektleiter Dr. Sven Schütte das Kölner Pflaster vor dem Historischen Rathaus auf. Schon in den 1950er Jahren hatte der Archäologe Otto Doppelfeld an gleicher Stelle gegraben, allerdings mit Fokus auf die römischen Hinterlassenschaften.

„Spärliche Überreste”

So waren schon 1957 eine Mikwe, die Grundmauern einer Synagoge und diverse von Juden genutzte Häuser ergraben worden - bis auf das „Judenbad” schüttete man jedoch alles wieder zu. „Die spärlichen Überreste der Synagoge” hätten laut Doppelfeld einen zu „beklagenswerten Anblick” geboten.

All das haben die Archäologen in den vergangenen fünf Jahren wieder freigelegt. Dabei sind sie zwischen den Grundmauern in Tiefen vorgedrungen, die abgeglichen mit den historischen Überlieferungen eine Menge verraten. „Schichttorte” nennt Grabungsleiter Schütte die aufeinander liegenden Mauerteile aus den unterschiedlichen Epochen - Zeugnis mannigfacher Zerstörung und Wiedererrichtung.

Welche Gebäude indes eine jüdische Funktion hatten oder von Juden bewohnt wurden, lässt sich oft schwer erkennen. „Hätten wir die hebräischen Schriftzeichen nicht und die Tierknochenfunde, wir wüssten gar nicht, dass wir uns in jüdischer Geschichte bewegen”, erzählt Schütte. Aber gerade diese räumliche Nähe von Juden und Christen sei spannend.

So haben sie in Köln wohl ohne größere Schwierigkeiten zusammengelebt - bis hin ins 13. Jahrhundert. Die jetzt digital rekonstruierte Bima (Lesekanzel) der mittelalterlichen Synagoge ist nachweisbar von Handwerkern der Dombauhütte gefertigt worden - sie haben in der gotischen Lesekanzel ihre Kürzel hinterlassen. Auch wurde der gleiche Stein verwendet. Im Zuge des Pestpogroms 1349 ist die Synagoge dann aber bis auf ihre Grundmauern zerstört worden. Mit den Bruchstücken der einst kunstvoll verzierten Bima wurde der Keller verfüllt. Viele Juden töteten sich aus Furcht vor Zwangstaufen selbst, die anderen wurden ermordet. Grabsteine des jüdischen Friedhofs wurden alsbald für Bauten des Erzbischofs verwendet. Keine 25 Jahre später siedelten sich zwar wieder Juden in Köln an, schon 1424 aber hatten auf Beschluss des Kölner Rats alle jüdischen Familien die Stadt zu verlassen. Nach zweijährigem Umbau wurde aus der einstigen Synagoge die Ratskapelle „St. Maria in Jerusalem”, „geweiht am Feste Mariä Geburt”. Diese christliche Nutzung endete 1943 durch eine Fliegerbombe, womit auch die Geschichte dieser Grundmauern ihr vorläufiges Ende fand. Seit der Spätantike hatten alle an dieser Stelle errichteten Gebäude den gleichen Grundriss, jüngere Mauern wurden stets auf den Überresten der alten hochgezogen. Aber zu welcher Zeit wurde das Gebäude erstmals als Synagoge genutzt?

Das Rätsel um die Becken

Unstrittig hatte das Gemäuer diese Funktion schon im 8. Jahrhundert - belegt durch Schriften und ausgegrabene Teile wie Toraschrein, Sitzbänke und eben die Bima. Damit ist es schon jetzt die älteste bekannte Synagoge nördlich der Alpen. Rätsel geben jedoch verschiedene Becken auf. Insbesondere ein trapezförmig gemauerter Raum unter der Frauensynagoge beschäftigt die Experten aus Deutschland und Israel. Form und Zeichen von ehemals vorhandenem Wasser könnten laut Schütte auf eine weitere Mikwe hindeuten, das erwiesene hohe Alter des Beckens ließe ihm zufolge dann aber nur einen Schluss zu: Eine Kölner Synagoge existierte schon in der Antike. Andere Archäologen sind zurückhaltender mit dieser Interpretation.

Spätestens im Jahr 2016 soll über der Archäologischen Zone mitten in der Kölner Innenstadt ein Museum entstehen. Es gibt allerdings Gegner dieses Vorhabens, unter anderem im Stadtrat. Schütte aber betont die Chance: „Das wird kein Geschichtsghetto, wo man die Juden ins Museum stellt und dann ist man sie los - wir zeigen die Interaktion zum Rest der Welt und dass es jüdische Kölner von Anfang an gibt.”

Es wird weiter gegraben

Die Eröffnung des Museums würde aber nicht das Ende der Grabungen markieren. Während sich die Besucher auf einer Glasempore bewegen, soll darunter geforscht werden. So ist beispielsweise der Erdboden unter den Außenwänden des provisorischen Grabungszeltes noch nicht erschlossen. Dort vermuten die Archäologen weitere Teile des Toraschreins.
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