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Das neue Leben nach dem Unfall

Von: Sabine Rother
Letzte Aktualisierung:
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Konzentration und Ästhetik bis in die Fingerspitzen. Sergey Dockter ist unter anderem Lehrer für Qi Gong und Yoga. Er vermittelt seinen Schülern, wie sie durch diese Techniken ihr Leben bereichern können.

Region. Einatmen, ausatmen – eine entschlossen-ruhige Drehung und Sergey Dockter steht auf den Händen. Die Beine sind über ihm waagerecht und sehr gerade ausgestreckt, er schaut in Richtung des linken Fußes, konzentriert bis in die Finger- und Zehenspitzen. Dabei bleibt er völlig gelassen.

Was wie ein müheloser Tanz aus Konzentration, Kraft und Eleganz aussieht, ist das akrobatisch anmutende Ergebnis einer über zehnjährigen Entwicklung. Dockter hat seinen persönlichen Weg auf unerwartete Weise gefunden – nicht zuletzt durch Qi Gong und Yoga.

„Gleichgültig, was wir tun, ob wir einen Handstand machen, am Computer arbeiten oder an den Kühlschrank gehen, es sollte mit Leichtigkeit geschehen“, sagt der 30-Jährige, der 1989 mit seiner deutschstämmigen Familie aus Tadschikistan in die Bundesrepublik übersiedelte. „Bei uns wurde viel Deutsch gesprochen, so haben wir uns hier auch schnell eingelebt“, erinnert er sich. Mit dem Start in der Grundschule begann ein anderes Leben. „Als wir später unser ehemaliges Dorf besuchten und den Kindergarten, in den ich gegangen bin, kam es mir vor, als ob dort die Zeit stehengeblieben ist.“ Deutschland ist sein Zuhause, und nach sehr unterschiedlichen Lebensphasen – unter anderem im Raum Frankfurt – sowie den Studienjahren an der Sporthochschule Köln, ist er seit kurzem in Aachen. „Die Stadt ist nicht zu groß und nicht zu klein, das gefällt mir.“

Heute unterrichtet er vor allem zwei der bekanntesten medizinisch-philosophischen Bewegungstechniken für Körper und Geist: Yoga mit seinen indischen Wurzeln und Qi Gong, das in der traditionellen chinesischen Medizin seit Jahrhunderten zum Einsatz kommt. „Yoga und Qi Gong sind sich in vielen Aspekten ähnlich“, so Dockter, der bei aller Freude am Turnen, Laufen, an Ballsport und Kampfkünsten diesen Berufsweg zunächst gar nicht konkret geplant hatte. „Ich habe damals mehr Krafttraining und alle möglichen anderen Sachen gemacht, um fit zu bleiben“, erzählt er. „Aber das Interesse war schon da.“

Die Veränderung begann mit einem Unfall, heftigen Schmerzen und der bangen Frage: Operation? Das Aus für ein gerade erst begonnenes Studium? „Während des Judo-Trainings habe ich gemerkt, das etwas mit meiner Wirbelsäule nicht stimmte“, erinnert er sich. „Als mich dann mein Partner auf die Matte warf, kam ich besonders unglücklich auf, ich war ja völlig verkrampft. Der Schmerz war extrem, ich konnte nicht mehr aufrecht gehen oder stehen...“ Die Diagnose war schnell gestellt, die Kernspintomographie eindeutig – eine „Protrusion“, die Vorwölbung einer Bandscheibe. „Natürlich habe ich auch Physiotherapie bekommen, aber die Schmerzen blieben.“

Eine harmlose Übung?

Statt in den OP ging Dockter zu seinem Lehrer Professor Wenjun Zhy beim Kölner Institut für Traditionelle Chinesische Medizin (TCM). „Ich hatte dort bereits zu Beginn meines Studiums eine Qi-Gong-AG mitgemacht“, erzählt Dockter. Still und nachdenklich hat sein Lehrer sowohl die Röntgenaufnahmen als auch seinen Schüler betrachtet und ihm als Hausaufgabe zunächst eine kleine, scheinbar harmlose Übung verordnet, eine Art Streichen über die mittlere Wirbelsäule, mehr nicht. „Ich war irritiert“, sagt er heute. „Zugleich stellte ich bei mir fest, dass nichts mehr stimmte. Die Beckenposition kam mir falsch vor, alles Körperliche war ein Chaos.“ Und er findet ein Bild dafür: „Das war so wie damals, wenn ich mein Zimmer aufräumen sollte und nur alles in den Schrank stopfte. So richtig Aufräumen war das ja nicht...“

Jetzt galt es, das „Zimmer“ neu zu gestalten, die Elemente zu sortieren – ein schmerzhafter und schweißtreibender Prozess, der jedoch in rund zehn Wochen tatsächlich zur Schmerzfreiheit führte. „Ich musste mich mit meinen eigenen Widerständen auseinandersetzen“, weiß er heute.Das Studium ging weiter, das Thema der Diplomarbeit, „Behandlung chronischer Rückenschmerzen mittels Zen-Gymnastik“, war geprägt von der neuen Ausrichtung. Parallel zum Studium durchlief Dockter nun die Ausbildung zum Qi-Gong- und Qi-Gong-Tuina-Lehrer, ist aber bis heute noch Trainer im Bereich Leichtathletik, Turnen und Fußball.

Tägliche Disziplin verbindet er mit dem Wunsch nach Eigenverantwortung, ob es Kurse für Gruppen in unterschiedlichen Sportstudios sind, Arbeit mit Kindern und alten, zum Teil dementen Menschen oder die Begegnungen beim Einzeltraining. „Die Arbeit in einer Rehaklinik im Allgäu hat mir Freude bereitet, aber das wollte ich nicht auf Dauer. Standardisierte Maßnahmen liegen mir nicht, meine Hände waren gebunden“, gesteht Dockter.

Geistige und körperliche Arbeit schenken ihm Lebensqualität, die er in großer Klarheit weitergeben möchte. „Bewegung muss aus eigenem Antrieb geschehen, man sollte so erkundungsfreudig wie ein Kind bleiben.“ In Yoga und Qi Gong zeigt er, dass Tradition und Philosophie auch ohne übersteigerten Mystizismus ihre heilende und helfende Wirkung entfalten können. Und er warnt. „Wenn die Erwartungen eines Schülers jenseits vom Erreichbaren sind, wird er Probleme haben.“.

Er fordert dazu auf, sich geduldig auf einen Entwicklungsprozess einzulassen, Ressourcen zu erkunden und auch einmal an den eigenen „Grenzen zu verweilen“. „Als in einem Kurs jemand nach zehn Minuten seine Matte aufrollte und ging, war das für mich irritierend“, gesteht er. „Heute kann ich nur sagen, dass das konsequent war, das imponiert mir.“

Verinnerlicht hat er viele Aussagen seiner Lehrer, darunter: „Übe, was ich dir an die Hand gebe, und mache es dir zu eigen...“ Bewegung, Atmung, Achtsamkeit – ein anderes Wort für Meditation – wirken sich nicht nur auf den Körper, sondern gleichfalls auf die Psyche aus. „Denken und Fühlen sind ja miteinander verbunden, da muss man gar nicht so hochtrabend reden.“

Der Grad der Schönheit

Und wieder denkt er an seine Lehrer, wenn er Qi-Gong-Übungen wie „Die ewige Acht“, den „Baum des Herzens“ oder „Die acht Brokate“ pflegt: „Ich habe gelernt, dass man bei der Ausführung der Übungen nicht von ,gut‘ oder ,schlecht‘ spricht, sondern vom Grad der Schönheit.“ Einer seiner Grundsätze: „Wir können uns an vielfältigen Herausforderungen erproben, Grenzen erfahren und daran wachsen.“ Dockter entwickelt gerade eine Software für den Fitnessbereich, doch modische Spielereien wie „Techno Yoga“ findet er lächerlich. „Zu Techno-Musik bei jedem Beat eine Übung ausführen und veganes Essen, das wäre nichts für mich.“ Er selbst hat für eine Weile vegetarisch gelebt. „Dann habe ich gemerkt, dass mir das nicht gut tut, ich hatte Mangelerscheinungen“, erzählt Dockter. „Also habe ich wieder Fleisch gegessen. So etwas muss jeder für sich entwickeln.“ Das Staunen beflügelt ihn: „Manchmal frage ich mich, wie es möglich ist, sich so leicht durch das Leben zu bewegen. Es fühlt sich jedenfalls richtig an.“

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