Das neue Jagdgesetz: Da geht also doch was

Von: Peter Pappert
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Herbstjagd auf Rotwild: In Nordrhein-Westfalen gibt es nach Aussage des Jagdverbandes mehr als 85.000 Jägerinnen und Jäger. Foto: stock/Reiner Bernhardt

Aachen. Sie lieben die Natur und sorgen sich um Fauna und Flora: Grüne und Jäger müssten von ihrem jeweiligen Selbstverständnis her eigentlich eng beieinander stehen. Tatsächlich gab es zwischen ihnen aber nie große Nähe.

In Nordrhein-Westfalen haben sie sich in den letzten Wochen und Monaten erbitterte und teils polemische Debatten geliefert. Grund für den Streit: das neue Landesjagdgesetz.

SPD und Grüne werden es am Mittwoch im Landtag beschließen, wobei die Repräsentanten der Jäger den größeren Koalitionspartner vom kleineren getrieben sehen.

Es ist also durchaus mit einiger Brisanz zu rechnen, wenn sich der Vorsitzende der Kreisjägerschaft Aachen, Günther Plum, und Reiner Priggen, bis März Vorsitzender der Grünen-Landtagsfraktion, wie jetzt in unserer Redaktion zum Gespräch treffen. Das Fazit vorweg: Trotz mancher Differenzen prägen gegenseitiger Respekt und häufiger Konsens die Diskussion der beiden über das neue Jagdgesetz. Der Grüne und der Jäger sind sich in der Sache doch ziemlich nahe.

Landschaft: Die Natur reguliert sich nicht von selbst; die Kulturlandschaft braucht menschliche Eingriffe, um Artenvielfalt zu erhalten. Darin sind sich beide einig. „Der Wald kann nicht wachsen, wenn zu viel Wild da ist“, sagt Plum. „Wir müssen regulieren.“ Priggen stimmt zu: „Deshalb brauchen wir Gesetze, die von Zeit zu Zeit verändert werden müssen, wenn verschiedene Interessen aufeinander stoßen.“

Jäger und Naturschützer: Der Grüne ist überzeugt, dass die Jagd als gute alte Tradition nötig ist, um Fauna und Flora zu erhalten. Der Jäger schätzt die Umwelt- und Naturschutzverbände: „Das sind Leute, die viel draußen sind, Veränderungen feststellen und darauf reagieren können.“ Dass das Naturschutzgesetz zwischen Naturschützern (Umweltverbände wie Nabu und BUND) und Naturnutzern (Landwirte, Jäger, Imker) unterscheidet, trifft die Realität offensichtlich nicht ganz. „Jäger sind wie Fischer und Imker in der Regel auch Naturschützer“, sagt Priggen. Naturschutz und Freude an der Natur seien wesentlicher Bestandteil ihres Tuns. „Wir sehen uns als Schützer und Nutzer“, bestätigt Plum.

Trotz der „eskalierten Debatte und schlimmer Töne unter der Gürtellinie“ misstrauen die Grünen nach Priggens Aussage den Jägern nicht. Den Jägern hingegen fehle das Vertrauen in die Grünen, sagt Plum. Das Gesetz sei ideologisch gefärbt und der Wählerklientel der Grünen geschuldet. „Wir ha- ben das Gefühl, dass wir nur als die Bösen gelten, die Bambis schießen.“

Image: „Verglichen mit dem, was sie tatsächlich leisten, ist das Image der Jäger zu schlecht“, stellt Priggen fest. „Das sind sie zum Teil selbst schuld, denn das taktische Vorgehen des Jagdverbandes in der Auseinandersetzung um das Jagdgesetz war eine Katastrophe. Auf Schlagfallen zu beharren oder darauf, dass man Hauskatzen schießen darf, war ein Riesenfehler. So schafft man sich selbst seine Gegner.“

Bei der Jagd gebe es „Auswüchse wie überall, sei es im Straßenverkehr, beim Reiten oder Segeln“, sagt Plum. „Wer negativ auffällt, versaut den Ruf aller. Man darf solche Einzelfälle nicht der gesamten Jägerschaft anlasten.“ Plum ist aber nicht unzufrieden. „Nach aktuellen Umfragen werden Jagd und Jäger weitgehend akzeptiert.“ Motive und Praktiken der Jagd müssten in der Öffentlichkeit jedoch besser erklärt werden.

Hege: „Unser erstes Leitmotiv ist die Hege, um Tieren Raum zu bieten, wo sie ungestört sind“, erklärt Plum. Der sogenannte Einstand (Rückzugsraum) sei deren Wohnzimmer. „Da läuft man nicht einfach durch. Wir tun das jedenfalls nicht. Man schießt auch nicht im Einstand.“ Achten die Jäger die Hege als obersten Jagdgrundsatz? „Wenn Sie Tümpel, Hecken, Blühstreifen anlegen oder Wildobstbäume pflanzen wollen, müssen Sie das mit dem Grundeigentümer – dem Landwirt oder der Gemeinde – absprechen. Wir brauchen mehr Hecken als Unterschlupf für die Tiere.“ Priggen stimmt zu; er geht davon aus, dass die Jäger ganz überwiegend verantwortlich handeln.

Jagdflächen: Landesumweltminister Johannes Remmel (Grüne) hatte ursprünglich geplant, dass Naturschutzverbände wie der Nabu die Jagd auf Landflächen, die ihnen gehören, untersagen dürfen. Das wurde zurückgezogen, weil zur Jagd hier und da womöglich nur noch ein Flickenteppich übrig geblieben wäre, auf dem der Jäger die Übersicht über den Wildbestand verliert. Da hatten die Proteste der Jäger Erfolg. Privatpersonen können wie bisher aus ethischen Gründen die Jagd auf ihrem Grund verbieten.

Jagdsteuer: Die gab es schon mal, wurde abgeschafft und sollte nun mit dem neuen Jagdgesetz wiedereingeführt werden. Daraus wird nun doch nichts. Weil die kommunalen Spitzenverbände diese Steuer als ihre Einnahme zurückhaben wollten, stand sie zunächst nach dem Willen der SPD im Gesetzentwurf. Den Grünen sei das aber „völlig egal gewesen“, erläutert Priggen. Auch er kann verstehen, dass diese Steuer die Jagdverbände auf die Palme bringt. Denn die Jäger kümmern sich in den Revieren unentgeltlich um eine Fülle von Aufgaben: Sie legen Teiche an, bauen Futterkrippen, pflanzen Hecken, sind verpflichtet, sich um die Beseitigung von toten Tieren nach Straßenunfällen zu kümmern. Ein Jäger muss zudem Schadensersatz an Bauern zahlen, wenn Wild in seinem Revier auf Äckern oder Wiesen Schaden anrichtet.

Finanzen: Über eigenen Grund und Boden zur Jagd verfügen nicht mal fünf Prozent der Jäger, alle übrigen müssen ein Revier pachten oder sich finanziell an der Pacht eines Kollegen beteiligen. Die Pacht pro Hektar (10 000 Quadratmeter) und Jahr ist ganz unterschiedlich: 40 bis 60 Euro in der Eifel in einem Revier mit Hochwild (Hirsche), 10 bis 20 Euro etwa im Aachener Nordkreis oder 5 bis 15 Euro im Heinsberger Raum; wobei die preiswerteren Niederwild-Reviere in der Regel größer sind. Die Revierflächen sind sehr unterschiedlich: zwischen rund 75 und 700 Hektar.

Schießen: Jäger sind häufig mit zwei Vorwürfen konfrontiert: Ihr schießt zu viel! Und: Ihr schießt zu wenig! Priggen schätzt durchaus die Tradition der Jagd. „Es gibt Jäger, die das Schießen als notwendiges Beiwerk sehen. Es gibt sogar eher die Kritik, dass zu wenig geschossen wird“; das sei gerade bei Wildschweinen der Fall. „Die Jagd ist eine Leidenschaft, die man gut akzeptieren kann“, sagt Priggen. „Und wir müssen Regeln setzen.“ Kein Widerspruch von Plum.

Bleihaltige Munition ist künftig verboten. Plum hält sie noch für nötig, weil Blei Stabilität gewährleiste und so töte, dass das geschossene Tier nicht lange leiden müsse. „Jäger nehmen Neues an, wenn es so gut ist wie das Alte. Diesen Beweis hat die neue Munition noch nicht erbracht.“ Priggen verlässt sich auf seine Fachleute und entgegnet: „Die Alternativen gibt es, und sie sind einsetzbar.“

Jagdzeiten: Sie werden nach dem neuen Gesetz reduziert, aber auch verlängert (zum Beispiel beim Rehbock). „Mit den Jagdzeiten kann ich leben“, sagt Plum. „Ich halte es für gut, wenn im Januar nicht mehr geschossen wird. Das haben aber auch die wenigsten Jäger getan.“ Es sei denn, es gehe um Überläufer (junge Wildschweine ohne eigenen Nachwuchs).

Wildschweine: Sie vermehren sich stark – um bis zu dreihundert Prozent pro Jahr. Sie sind schwer zu jagen, weil sie nachts aktiv sind. „Sie sind sehr clever“, sagt Plum. „Sie sind unglaublich schnell“, ergänzt Priggen; manchmal könnten Jäger ruhig mehr schießen. Beide sind sich einig, dass es viele, fast zu viele Wildschweine gibt und der Bestand genau kontrolliert werden muss. In frostigen Notzeiten soll es trotzdem weiter möglich sein, auch diese Tiere in streng geregeltem Maß zu füttern.

Kirren: Es wird nicht verboten, sondern eingeschränkt. Die sogenannten Kirrstellen sind Orte, an denen Mais oder Getreide im Boden vergraben wird, um so Wildschweine anzulocken. Pro hundert Hektar ist nur eine derartige Stelle erlaubt. Diese Kirrstellen sind nach Plums Erfahrung nötig, um den Wildschweinbestand unter Kon-trolle zu halten. Das neue Jagdgesetz reduziert die erlaubte ausgebrachte Getreidemenge und damit die Verweildauer der Schweine; Plum nennt das unsachgemäß. Er hält zudem Kameras für erforderlich, um erkennen zu können, wann die Wildschweinrotten kommen und wie groß sie sind.

Kameras seien aus Gründen des Datenschutzes nicht akzeptabel, sagt Priggen. „Jeder, der dort vorbeikommt, wird gefilmt.“ Die Kameras seien abseits der Wege, entgegnet Plum. „Das betrifft nur den, der kreuz und quer über fremdes Eigentum läuft. Und wir müssen die Aufnahmen sofort löschen.“

Waldschnepfe: Sie steht bisher auf der Roten Liste der gefährdeten Arten, darf also nicht gejagt werden. Jetzt kommt sie auf Wunsch der Jäger und laut Votum der SPD auf die Liste der jagdbaren Arten, steht aber auf Betreiben der Grünen bis 2020 unter ganzjährigem Schutz. „Die Liste der jagdbaren Arten ist für Jäger sehr wichtig, weil diese Arten grundsätzlich geschossen werden dürfen. Wenn jedoch der Bestand einer Art zu stark zurückgeht, werden sie ganzjährig geschützt“, erklärt Priggen das komplizierte Verfahren. „Das kann man einfach über Verordnungen regeln und benötigt kein Gesetz.“

Ob Waldschnepfe oder Greifvögel: „Nur wenn Tiere grundsätzlich dem Jagdrecht unterliegen, besteht für den Jäger die Hege-Verpflichtung, sich um ein krankes Tier zu kümmern“, sagt Plum, „wobei wir uns trotzdem auch um die anderen kümmern.“

Artenvielfalt: Der Aussage seines Fraktionskollegen Norwich Rüße, die Jagd sei „kein entscheidendes Mittel, um die Artenvielfalt zu bewahren“, stimmt Priggen nur verhalten zu, während Plum klar widerspricht: „Wir sind daran interessiert, möglichst viele verschiedene Wildarten im Revier zu haben – auch Arten, die nicht gejagt werden.“ Wenn aber Beutegreifer (Raubtiere) und Greifvögel – wie im neuen Gesetz vorgesehen – einseitig geschützt würden, hätten Bodenbrüter, die ihr Nest nicht in den Bäumen haben, darunter zu leiden: Feldlerche, Fasan, Rebhuhn, Kiebitz, Blaukehlchen . . . „Die sind dann jedem Fraßfeind preisgegeben. Das schafft nicht mehr Artenvielfalt, sondern weniger.“ Deshalb sei zum Beispiel auch die Fuchsjagd notwendig.

Hund und Katze: Wenn sie wildern, sind sie eine Gefahr für Bodenbrüter; daran will Plum keinen Zweifel lassen. Das Jagdgesetz verbietet jedoch künftig, Hauskatzen zu schießen; denn laut Umweltministerium bedrohen sie die Artenvielfalt nicht. Hunde dürfen nur noch in strengen Ausnahmefällen geschossen werden. Plum hält beides für kontraproduktiv. „Wir haben eine Chip- und Kastrationspflicht für Katzen sowie deren Registrierung gefordert. Aber es ist nichts passiert.“ Beide sehen das Problem und sind sich einig: „Kein Jäger schießt gerne auf Katzen.“

Priggen wünscht sich, dass die Kommunen eine Sterilisationspflicht für frei laufende Katzen vorschreiben. „Viele machen das. Das ist die einzige Chance. In Aachen bietet das Tierheim das an. Wir haben rund eine Million Katzen in NRW; die Jäger schießen 10 000 im Jahr. So bekommt man das Problem nicht in den Griff.“

Baujagd: Das neue Jagdgesetz verbietet, dass Jagdhunde Füchse oder Dachse in deren Bau jagen. „Kein Jäger schickt seinen Hund in einen Dachsbau“, sagt Plum. „Er will ihn ja nicht verlieren, und der Dachs ist sehr wehrhaft.“ Der Fuchs hingegen solle von dem Hund gezwungen werden, den Bau zu verlassen. Das neue Gesetz will verhindern, dass sich die Tiere im Bau ineinander verbeißen. „Das ist Tierquälerei“, sagt Priggen. Plum geht trotz seiner Bedenken davon aus, dass sich die Jäger damit arrangieren können.

Intensivlandwirtschaft: „Die stark industrialisierte, ausgeräumte und veränderte Landschaft ist Hauptursache für das Artensterben“, sagt Priggen, und Plum stimmt vollständig zu. „Das sehen auch die Imker so“, ergänzt der Landtagsabgeordnete. „Die können in der Stadt mehr Honig ernten als in der ausgeräumten Flora der ehemaligen Braunkohletagebaue.“ Da klagen Priggen und Plum über Monokulturen mit Mais oder Rüben.

Plum setzt auf Gespräche mit Landwirten, um an einem Acker beispielsweise fünf Meter frei zu halten, wo nicht gegen Insekten oder Unkraut gespritzt wird. „Das muss der Jäger dem Landwirt natürlich bezahlen.“ Priggen weist auf eine EU-Initiative hin, Beihilfen daran zu koppeln, dass fünf Prozent der Landwirtschaftsfläche für Hecken oder andere Bepflanzung von Randstreifen frei gehalten werden. Beide wünschen sich mehr Hecken und Biotope.

Klagen: Es hat also eine Reihe von Kompromissen gegeben. „In manchen Punkten haben wir dem Anliegen der Jäger Rechnung getragen, in anderen nicht“, sagt Priggen. Der Landesjagdverband erwägt mit Blick auf Artikel 14 des Grundgesetzes (Eigentumsrecht) Verfassungsklage gegen das Gesetz, weil die Rechte der Grundeigentümer verletzt sein könnten und die Zahl der bejagbaren Tierarten von rund hundert auf 29 reduziert wird. Außerdem steht infrage, ob das Land überhaupt die Kompetenz hat, Fragen des Waffenrechts gesetzlich zu regeln. Priggen sieht dem gelassen entgegen.

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