Das Millionengrab am Nürburgring

Von: Tobias Goerke
Letzte Aktualisierung:
Die Burg, der Ring, der Freize
Die Burg, der Ring, der Freizeitpark (Gebäudekomplex auf der rechten Seite des Fotos): Dem Desaster bei der Park-Finanzierung folgte mangelnder Besucherzuspruch. Foto: dpa

Nürburg. Dichter Nebel und viel Regen, die waldreichen 20 Kilometer von der A.61 zum Nürburgring wirken an Tagen wie diesen noch länger als sonst. Kaum ein Mensch ist zu sehen. Auf einer Lichtung steht ein Mann unter einem bunten Regenschirm.

Er ist extra aus Heidelberg angereist, um ein Oldtimer-Rennen auf der Nordschleife anzuschauen. Nein, in das Freizeitcenter am Ring wolle er nicht fahren, sagt der Mann. „Vielleicht schlafe ich noch eine Runde im Wagen.”

Wenige Kilometer weiter erhebt sich der 330 Millionen Euro teure, in metallic-grau gehaltene Nürburgring-Prunkbau an der Grand-Prix- Strecke. Er sollte das Prestigeobjekt der SPD-Landesregierung werden. 9000 Quadratmeter groß ist allein der Ringboulevard mit Geschäften von Aston Martin, Ferrari oder Nissan. An diesem Donnerstag im Herbst drücken sich auf der Flaniermeile sieben Besucher herum.

Im Indoor-Klettergarten klettert niemand, die Hauptattraktion „Ringracer” ist nach einem Testunfall nie in Betrieb gegangen. Von der Schiene dieser Achterbahn unter der 20 Meter hohen Decke nimmt genauso wenig jemand Notiz wie von der 40 Meter breiten Videowand, auf der Werbung läuft. Das „Café Boxenstopp” und viele andere Restaurants sind leer. Dabei war ganzjähriger Betrieb das Ziel, als man im Sommer 2009 das neue Freizeit- und Businesszentrum eröffnete.

Untreue, Betrug

Damals platzte in die Euphorie die Nachricht vom Scheitern der angeblich so sicheren Privatfinanzierung. Nicht nur den damaligen rheinland-pfälzischen Finanzminister und Aufsichtsratschef am Ring, Ingolf Deubel (SPD), kostete dies den Job. Die Staatsanwaltschaft begann zu ermitteln. Inzwischen stellte sich heraus, dass der vermeintliche US-Investor nur 500 Dollar auf dem Konto hatte. Noch heute laufen Ermittlungen gegen neun Manager wegen Untreue, Betrug und Urkundenfälschung. Das Land musste zahlen.

Die Regierung geriet über den Skandal in ihre schwerste Krise, ein Untersuchungsausschuss versucht seither, die Fehler bei der komplexen Finanzierung aufzuklären. Das Land Rheinland-Pfalz zog sich im Frühjahr aus dem Management zurück. Nun betreibt Hotelchef Jörg Lindner mit dem Geschäftsmann Kai Richter das landeseigene Gesamtkonstrukt am Ring. Dazu gehören auch ein Hotel und ein Feriendorf der Lindner-Kette.

„Bei Rennveranstaltungen ist hier die Hölle los, das kann man sich gar nicht vorstellen”, sagt eine Verkäuferin auf dem Boulevard. An diesem Tag hingegen hätten hingegen bis 16 Uhr gerade mal drei Kunden bei ihr eingekauft. Im Herbst des Vorjahres hatte die Frau vier Kolleginnen, die sind jetzt alle weg. Der Betreiber denke schon darüber nach, an bestimmten Wochentagen im Winter ganztägig zu schließen, sagt sie.

Im Multimedia-Museum „Ringwerk” bleiben die Türen nach den Schulferien vormittags geschlossen. Hier stehen ein Silberpfeil von 1934 oder Formel-1-Rennwagen. Aus Lautsprechern dröhnen Motorengeräusche, viele der rund 30 Besucher versuchen sich an Rennsimulatoren. „Wann kann man schon mal mit einem F-1-Boliden Fotos machen”, sagt ein Besucher. Ein anderer findet hingegen den Eintrittspreis von 19,50 Euro „ein bisschen teuer”.

Mythos „Grüne Hölle”

In einem Drehkino mit künstlichem Wind und Regen soll der Mythos „Grüne Hölle”, wie Rennlegende Jackie Stewart die Nordschleife nannte, erlebbar werden. Am Abend drängeln sich fast 50 Menschen im echten Regen vor dem Nordschleifen-Kassenhäuschen: Schweizer, Russen und viele Briten. „Das ist sehr beeindruckend, viel größer als in Silverstone”, sagt ein Besucher aus Schottland über den Ring-Ausbau. „Aber es könnten mehr Leute da sein.” Dann setzt er sich einen Rennfahrerhelm auf und tut das, wofür er den weiten Weg angetreten ist. Er fährt mit einem tiefergelegten Golf eine Runde auf der Nordschleife.
Leserkommentare

Leserkommentare (0)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert