Aachen/Gemmenich - Das Maß aller Domdinge: 35,3 Zentimeter

Das Maß aller Domdinge: 35,3 Zentimeter

Von: Rauke Xenia Bornefeld
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Fünf Wissenschaftler der RWTH konstruierten mit vielen Holzklötzen, farbigen Schnüren und zwei Kubikmetern Sand das Oktogon und das es umgebende Sechszehneck des Aachener Doms auf einer Wiese bei Gemmenich. Foto: Lehrstuhl für Architekturgeschichte der RWTH

Aachen/Gemmenich. Wahrscheinlich hat es in der Einöde der Weiden und Äcker, die Gemmenich umgeben, kaum einer mitbekommen, aber vier Tage lang hat Bruno Schindler mit einem vierköpfigen studentischen Team auf einer Wiese seines Elternhauses an der originalgetreuen Nachstellung des Grundrisses der Aachener Pfalzkapelle gebaut.

Das ist der Teil des Aachener Doms, der auf Kaiser Karl zurückgeht, also das Oktogon und das es umgebende Sechzehneck. Das Arbeitsgerät: Pflöcke, Seile und zwei Kubikmeter Silbersand. Einzig eine lange Holzlatte – eingeteilt in zwölf Einheiten von je 29,5 Zentimetern – diente dem Architekten und seinen Mitstreitern des Lehrstuhls für Architekturgeschichte der RWTH Aachen als Messinstrument. Das Experiment sollte beweisen, dass die Baumeister der Pfalzkapelle nicht rein intuitiv, orientiert an einem damals üblichen Zahlenspiel der karolingischen Hofschule gearbeitet haben, sondern sehr präzise vorgegangen sind.

Exakt um 12.26 Uhr Sommerzeit, also um 13.26 Mitteleuropäische Zeit setzten die Architekten den Mittelpunkt vergangene Woche in die belgische Wiese. So lässt sich die genaue Achse zwischen Nord, Süd, Ost und West bestimmen. Anschließend legten sie immer wieder die Latte an, maßen, schlugen dicke eckige und schmale runde Pflöcke in die Erde. Die Pflöcke wurden mit roten, gelben und blauen Schnüren verbunden, so dass schließlich der Grundriss der Pfalzkapelle Gestalt annahm. Die Pfeiler des Oktogons sowie die Umrandung des Sechszehnecks wurden mit Sand simuliert.

Was sich in der belgischen Einöde anmutig, wenn auch ein wenig verwirrend ausnimmt, ist vor allem kompliziert: Denn natürlich nehmen die Architekturhistoriker nicht vier Tage Arbeit auf sich, um für Vögel und Segelflieger ein schönes Bild in das satte Grün zu zaubern. „Ich bin Spezialist dafür, architektur-historische Theorien zu beweisen“, erläutert Schindler. Dafür hat er in einem stillgelegten Tagebau schon mal eine ganze Renaissance-Stadt nachgebaut. Und diesmal sollte eben die Baugeschichte des Aachener Domes überprüft werden.

Auslöser waren Funde, die der Aachener Stadtarchäologe Andreas Schaub mit seinem Team bei den jüngsten Grabungen im Aachener Dom freilegte: „Er fand Ritzzeichnungen auf der Fundamentplatte der Pfalzkapelle, die den Bautrupps als Markierungslinie dienen sollte“, erklärte Schindler. Ein Schnurgerüst war damals und ist heute noch die Grundlage fürs Bauen. Die Fundamentplatte wurde ebenfalls für das Aufbringen von Orientierungslinien genutzt.

Nur: Warum sind die Linien noch sichtbar und wurden nicht überbaut? Etwa fünf Zentimeter daneben beginnt der Bogen heute. Hier kommt Schindlers Latte wieder ins Spiel: Karls Vater stellte um 700 den Römischen Fuß als geltende Maßeinheit für das damals noch merowingische, aber schon angehende fränkische Reich wieder her. Notke gab dem Römischen Fuß in einem Dekret von 950 den bis heute bekannten Namen Hubertusfuß. Unabhängig vom Namen ist so ein Fuß eben jene 29,5 Zentimeter lang.

„Sechs davon nennt man Klafter, zehn nennt man Decempedia“, erklärt Schindler. Doch seine Latte hat zwölf Fuß. Und das hat einen besonderen Grund. Denn die zu Hilfe gerufenen italienischen Baumeister waren es gewohnt, mit einem 35,3 Zentimeter langen, aber ebenfalls Römischer Fuß genannten Messstück zu arbeiten. So verlängert sich das Decempedia um eben jene zwei ursprünglichen Römischen Füße, so dass eine Latte mit zwölf Teilstücken zum Maß der Domdinge wurde. Das ist Schindlers Beitrag zum jahrhundertelangen Rätselraten um das Entstehen des Domes.

„Wir mussten uns selbst überwinden, so zu denken“, gab der Aachener Wissenschaftler zu. Doch das sei der Schlüssel dafür gewesen, viele Theorien um die Baugeschichte des Domes zu verifizieren und „verschiedene Erklärungsmodelle zusammenzufügen“, sagt Schindler mit Blick auf seine Forschungsvorgänger wie etwa Axel Hausmann und Ulrike Heckner.

Vor allem erkläre sich aber durch die Veränderung der Maßeinheit, warum es Karl dem Großen auch mit bescheidenen bautechnischen Möglichkeiten gelungen ist, für seine neue Pfalz inmitten der unbedeutenden Eifel eine herrschaftliche Basilika mit imperialen Charakter zu errichten. „Mit dem klassischen Hubertusfuß hätte sie eng und klein gewirkt – nichts, um diesem unbekannten Aachen zu Bekanntheit zu verhelfen“, sagt Schindler. „Die frühchristliche Architektur aus Ravenna war nicht nur hinsichtlich der Kuppelbauten Vorbild, sondern eben auch hinsichtlich der Maße“, sagt er.

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