Das kollektive Gedächtnis wächst

Von: Guido Jansen
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Im Internationalen Zeitungsmuseum wurde am Dienstag zwar nicht Geschichte geschrieben, dafür aber dokumentiert. Historiker befragen die Besitzer der Dokumente, wie hier Dieter Ganser aus Aachen (rechts) zu der Geschichte der Mitbringsel. Foto: Guido Jansen

Aachen. Geschichte, wie sie in der Schule unterrichtet wird, haftet meistens an großen Namen. Beispielsweise die Geschichte zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs. In der Schule lernt man, dass das Attentat vom 28. Juni 1914 in Sarajevo auf den österreichischen Thronfolger Franz Ferdinand der Zündfunke für eine Explosion war, die Europa erschüttert hat. Über das Schicksal des einfachen Soldaten beispielsweise gibt es nur Allgemeinplätze.

Die Postkarten, die im Deutschen Reich zu Kriegsbeginn verteilt wurden. Die, auf denen Sätze wie „Auf nach Paris“ oder „Auf in den Kampf, mir juckt die Säbelspitze“ Zeugnis dafür ablegen, wie groß die Euphorie und der falsche Glaube an die deutsche Überlegenheit waren.

Ein ambitioniertes Projekt trägt seit zwei Jahren dem Wandel in der Geschichtswissenschaft Rechnung, dass eben nicht nur die Befindlichkeiten, Affairen und Scharmützel in Königshäusern und Reichsleitungen Geschichte ausmachen, sondern das Leben allgemein.

Europeana 1914 bis 1918 heißt es. Und es sammelt Dokumente aus der Bevölkerung. Am Dienstag machte das europaweite Projekt im Internationalen Zeitungsmuseum in Aachen Station, verbunden mit dem Aufruf, historische Dokumente aus der Zeit des Ersten Weltkriegs vorbeizubringen.

In zehn europäischen Ländern war Europeana 1914 bis 1918 schon. Jetzt ist Deutschland an der Reihe, am Dienstag Aachen.

Der Andrang ist groß. Alleine in der ersten Stunde registrieren sich 30 Menschen aus der Region, die Erbstücke aus der Zeit ihrer Groß- und Urgroßväter mitgebracht haben. Historiker erörtern im Gespräch mit den Besitzern, welche Geschichte hinter dem Zeitzeugnis steckt.

Anschließend wird das Dokument oder der Gegenstand gescannt oder fotografiert, jedenfalls so digitalisiert, dass es später im Internet für jeden sichtbar wird, samt seiner Geschichte.

Seit Dienstag sind Teile des Lebens von Paul Steckemetz aus Aachen Teil dieses kollektiven digitalen Gedächtnisses. Hartmut Dreßen, ein pensionierter Lehrer aus Jülich, hat mitgebracht, was sein Großvater seiner Großmutter von der Front schickte.

Steckemetz, der in einer Nadelfabrik und später bei der Straßenbahn gearbeitet hat, schreibt 1917 aus Frankreich von seiner ständigen Sorge um Frau und Kinder und über die Hoffnung, dass der Krieg bald vorbei sein möge.

Die Euphorie war da längst weg. 1919, ein Jahr nach dem Krieg, stirbt er an einer Lungenentzündung, die ihren Ursprung im Schützengraben hat. „Es geht einfach zu viel verloren, weil heute viel zu wenig erzählt wird“, sagt Enkel Hartmut Dreßen. Dies sei der Grund, aus dem er die Erinnerungen seines Großvaters fast 100 Jahre nach ihrer Niederschrift in das kollektive Gedächtnis einspeisen lässt.

Viele der Zeugnisse sind verstörend. So auch das, das Armin Floss mitbringt. Es ist ein langes Gedicht, das sein Großvater vor knapp 100 Jahren geschrieben hat. „Ich habe ihn, als ich ein kleiner Junge war, kennengelernt als ruhigen, liebevollen Mann“, sagt Floss.

Aber dann, Jahrzehnte später, fand er ein Gedicht seines Großvaters, fast 100 Jahre alt: „Er schreibt da mit so viel blinder Euphorie und so viel Hass auf die Feinde. Ich stelle das Gedicht zur Verfügung, damit jeder sehen kann, wie sehr der Krieg die Menschen manipuliert.“

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