Vaals - Das kleine Vaals regiert ein Mann, der extreme Standpunkte ablehnt

Das kleine Vaals regiert ein Mann, der extreme Standpunkte ablehnt

Von: Heiner Hautermans
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Kritik am niederländischen Wahlsystem: der Bürgermeister von Vaals, Reg van Loo. Foto: Marco Rose

Vaals. „Bei den letzten Wahlen zur Zweiten Kammer war Vaals als einer der ersten Bezirke ausgezählt, da war ich ganz erschrocken: Die PVV kam auf 28,8 Prozent“, berichtet Reg van Loo, Bürgermeister der Aachener Grenzgemeinde. Doch dann kamen die anderen Resultate aus Süd-Limburg, in denen die Prozentzahlen für die Rechtspopulisten teilweise noch höher waren – mit Kerkrade (36,2 Prozent) an der Spitze. „Da war ich etwas beruhigt.“

Danach sind die demoskopischen Werte für den PVV-Spitzenmann Wilders wieder gesunken, auch vor der jetzt anstehenden Wahl sind sie noch einmal rückläufig. Dennoch ist dies keine Situation, mit der sich der parteilose van Loo einfach so zufrieden gibt. „Ich bin kein Mensch, der extreme Standpunkte gut findet“, sagt der studierte Historiker, der als Brückenbauer gilt und Europa von unten aufbauen will.

Es gibt aus seiner Sicht auch Gründe für dieses Wahlverhalten. „Da handelt es sich weniger um die Ablehnung der Immigration, sondern um eine Protesthaltung“, hat der 64-Jährige beobachtet. Protest dagegen, dass die Provinzen am Rande und deren Probleme am Regierungssitz Den Haag und in der Hauptstadt Amsterdam nicht wahr- und ernstgenommen würden. Deshalb gebe es ähnliches Verhalten auch in anderen Regionen an der Peripherie der Niederlande. „Der Abstand zwischen der Regierung und den Menschen ist immer größer geworden.“

In Süd-Limburg etwa seien die Kohle- und Textilindustrie weggebrochen und die Arbeitslosigkeit immer noch sehr hoch. Auch gesellschaftlich habe sich einiges verändert; der auf Ausgleich bedachte „rheinische Kapitalismus“ sei durch das angelsächsische Modell mit harten Entscheidungen großer Konzerne, die nur auf ihren Gewinn achten, abgelöst worden. Alte Sicherheiten, die früher etwa die Kirchen geboten hätten, seien für viele weggebrochen: „Der Individualismus ist Trumpf.“

Sicher gebe es auch in den Niederlanden Proteste gegen und Übergriffe auf Asylbewerberheime, sagt van Loo, doch da gehe es vor allem darum, „wie viele Menschen man an einem Ort unterbringt“. Zeitweise seien Sammelunterkünfte mit bis zu 2000 Plätzen geplant gewesen. Bei dezentraler Unterbringung wie zum Beispiel mit 35 Schutzsuchenden, die im Bungalowpark in Vaals untergebracht sind, gebe es keine Probleme: „Das ist immer gut gelaufen. Es ist unstrittig, dass Kriegsflüchtlinge aufgenommen werden.“

Reg van Loo, der seit zehn Jahren an der Spitze der Gemeinde Vaals steht und zuvor im Schulbereich als Rektor des College Rolduc tätig war, erwartet, dass die künftige niederländische Regierung aus mehr Parteien gebildet wird als die bisherige Zweier-Koalition – möglicherweise aus bis zu fünf Parteien. „Ich glaube, dass es sehr spannend werden wird.“ Auf alle Fälle müsse mitbedacht werden, dass die Beteiligten auch über eine Mehrheit in der Ersten Kammer des Parlaments verfügen, die jetzt nicht zur Wahl steht und die in der Zweiten Kammer beschlossene Gesetze bestätigen muss.

Van Loo ist der Meinung, dass das gegenwärtige Wahlsystem des Königreichs die Politikverdrossenheit befördert. Die Provinz Limburg hätte nach ihrem Bevölkerungsanteil Anrecht auf zehn der 150 Sitze in der Zweiten Kammer. Bislang ist es aber mehr dem Zufall überlassen, wer auf welcher Position für die jeweiligen Parteien kandidiert: „Es dominieren Den Haag und Amsterdam. Das sollte geändert werden.“ Nach den gegenwärtigen Prognosen kommen lediglich sechs Kandidaten aus Limburg, je drei von PVV und CDA, ins neue Parlament.

Der Bürgermeister der 10.000-Einwohner Gemeinde mit dem Dreiländerpunkt empfiehlt deshalb einen Blick in die Vergangenheit. Schon Karl der Große habe einiges vorgemacht und trotz Einführung einer effektiven Verwaltung und umfassender Bildungsreform den Religionen und Völkern seines Riesenreichs Eigenständigkeit gelassen: „Er hat das sehr schlau gemacht.“

Und Vaals sei im 18. Jahrhundert groß geworden durch den Aachener Tuchunternehmer Johann Arnold von Clermont, der auswanderte und unter anderem das heutige Gemeindehaus und die Schlösser Vaalsbroek und Bloemendal errichten ließ. Reg van Loo hält es deshalb lieber mit den Prinzipien der Aufklärung, der Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit, als mit hohlen populistischen Phrasen: „Wir sollten mehr Mut zeigen und grenzüberschreitend handeln und denken. Vaals ist Europa, hier spürt man Europa jeden Tag!“

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