Das Grauen verarbeiten: Polizisten als Poeten

Von: dpa
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Brühl/Bielefeld. Der Polizist Detlef Lippek ist gerade einmal 21 Jahre alt, als er zum ersten Mal zu einem tödlichen Verkehrsunfall gerufen wird. Ein Auto ist gegen einen Baum gefahren. Mehrere Jugendliche sterben.

„Dieser Einsatz geht mir nicht mehr aus dem Kopf”, sagt Lippek noch heute, 30 Jahre später. Der 52-jährige Beamte hat das Erlebnis bei polizei-poeten.de niedergeschrieben. Er findet dort sehr direkte Worte: „Der Fahrer, gerade mal 21 Jahre alt, hatte keine Chance. Sein Kopf und das, was mal ein Lenkrad war, sind eins.”

Die Seite „Polizei-Poeten” ist seit 2002 kreatives Forum und Ventil. Polizisten aus ganz Deutschland können ihre Erfahrungen aus dem Berufsalltag literarisch aufarbeiten. Kurzgeschichten, Krimis und Gedichte sind hier zu lesen.

Geschrieben habe er schon immer gerne, sagt Lippek. Er verfasst regelmäßig Berichte über seine Hochgebirgstouren für den Alpenverein. Im Jahr 2006 entdeckte der Ordnungshüter dann die Polizei- Poeten für sich. Ein anderer Beitrag des Beamten handelt von einer Suchaktion, an der er einmal teilnahm. Ein kleiner Junge war entführt und missbraucht worden. Lippek fand das verstörte Kind als Erster. „Ich könnte noch Hunderte Geschichten schreiben”, sagt der 52- Jährige, der seit mehr als 30 Jahren als Polizist in Bielefeld arbeitet. Allerdings fehle ihm momentan die Zeit dafür.

Der erste Einsatz bei einem tödlichen Verkehrsunfall, das war auch der Auslöser für die Polizeikommissarin Moni Zygmann aus Brühl bei Köln, Texte über ihre Arbeit bei den Polizei-Poeten zu veröffentlichen. „Ich habe über den Unfall geschrieben, um das Geschehen zu verarbeiten”, sagt die 28-Jährige, die durch Zufall auf das Internetportal aufmerksam wurde. Zudem sei sie damals häufig von Verwandten und Freunden gefragt worden, wie sie den schrecklichen Vorfall erlebt habe. Moni Zygmanns Antwort ist seit Juni 2007 auf der Internetseite zu lesen.

Der Bielefelder Kriminalhauptkommissar und Buchautor Norbert Horst schreibt bereits seit 2003 für die Polizei-Poeten. Damals hatte der 53-Jährige gerade seinen ersten Krimi „Leichensache” veröffentlicht. Bei einer Lesung lernte er den Gründer des Internetportals, Volker Uhl, kennen. Seitdem veröffentlicht Horst dort immer wieder etwas. „Der Polizeiberuf ist für einen Schriftsteller sehr dankbar, denn man kommt dabei immer wieder in existenzielle Situationen”, erklärt der Bielefelder, der für seinen Roman „Todesmuster” 2006 mit dem Deutschen Krimipreis ausgezeichnet wurde.

Das Internetportal könne Polizisten nicht nur dabei helfen, Erlebnisse aus ihrem Arbeitsalltag besser zu verarbeiten, sagt Norbert Horst. Auch die Öffentlichkeit erfahre etwas über den Beruf, etwa dass Gesetzeshüter „häufig belastenden Dingen” wie dem Auffinden von Leichen ausgesetzt seien.

„Die Bürger können sehen, dass unter den Uniformen ganz normale Menschen stecken”, macht Moni Zygmann deutlich. In den Texten der Polizei-Poeten werde die Realität differenziert abgebildet, fernab von Fernsehklischees, fügt Detlef Lippek hinzu. Für ihn sei es zudem „interessant zu lesen, was Kollegen aus Erlebnissen machen, die man so ähnlich selbst erlebt hat.”

Seit Volker Uhl aus Baden-Württemberg das Portal vor sieben Jahren ins Leben gerufen hat, sind einige Sammelbände erschienen. Zuletzt kam „Die Angst ist dein größter Feind” (2008) heraus. Darin berichten ausschließlich Frauen aus ihrem Polizeialltag.

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