Radarfallen Bltzen Freisteller

Das gefährliche Geheimnis der Pankoks

Von: Christopher Gerards
Letzte Aktualisierung:
9088327.jpg
Gut versteckt: In diesem Haus in einer Straßenkehre auf dem Weg in den Ortskern von Pesch in der Eifel hat der Künstler Otto Pankok mit seiner Frau Hulda ein jüdisch-katholisches Ehepaar für mehrere Monate am Kriegsende versteckt. Dafür werden die Pankoks nun posthum geehrt. Foto: Gerards
9088907.jpg
Otto Pankok mit seiner Tochter Eva auf einem undatierten Foto.

Pesch. Wenn der alte Herr jetzt das Buch auf dem Esstisch aufschlagen würde, könnte er Pankoks Geschichte noch einmal nachlesen, von seinen Anfängen als Maler, von seinem Weg nach Pesch, von dem Geheimnis, das Pankok vor 70 Jahren bei ihnen im Dorf hütete.

Die Kuckucksuhr über dem Ofen steht auf kurz vor Zwölf, seine Frau pendelt hin und her zwischen Küche und Esszimmer, Nudeln wird‘s geben. Doch jetzt liegt dieses Buch im Raum und mit ihm die Erinnerung, „Otto Pankok. Maler, Grafiker Bildhauer – eine Biographie“.

Also, sagt der alte Herr, geboren 1929, bitte keine Namen. Den Pankok habe er ab und an in den Feldern sitzen und malen gesehen. Ein typischer Künstler sei das gewesen, modern gekleidet, zurückhaltend. Groß sei er zudem gewesen, und der Bart erst, was für ein Bart. Nur von Pankoks Geheimnis habe er nichts gewusst, sagt der alte Herr. Von Pankoks Geheimnis habe in Pesch ja niemand gewusst. Der alte Herr dämpft seine Stimme und sagt: „Wenn das rausgekommen wär‘, dann wär‘ der auch dran gewesen.“

Niemand in Pesch hat von Otto Pankoks Geheimnis gewusst, zumindest fast niemand, alles andere war zu gefährlich. Jahre oder Jahrzehnte danach erst haben die Menschen im Ort es erfahren, aus Büchern und durch Tratsch. Dass der Pankok nämlich in ihrem Eifeldorf nahe Bad Münstereifel eine Jüdin und ihren Mann vor den Nazis versteckt hat, 1944 ist das gewesen. Dass die jüdische Frau und ihr Mann oben im Haus ausharrten, während unten deutsche Soldaten saßen. Und dass sie beinahe entdeckt wurden. Dass Pankok und seine Frau also ihr eigenes Leben riskierten, um zwei andere zu schützen. Dafür zeichnet die israelische Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem sie am Montag posthum aus, als „Gerechte unter den Völkern“.

Eva Pankok hat sehr wohl von dem Geheimnis gewusst, die jüdische Frau und ihr Mann versteckten sich ja in ihrem Zimmer. Eva Pankok ist die Tochter von Otto Pankok, sie ist 89 Jahre alt inzwischen, aber über die Zeit in der Eifel kann sie ohne Probleme Minuten am Stück reden; vielleicht, weil sie schon erwachsen war damals, vielleicht auch, weil sie ihre Geschichte aufgeschrieben hat. Sie spricht langsam am Telefon und mit norddeutscher Färbung in der Stimme, die Pausen füllt sie gerne mit einem „tja“, selten verliert sie mal einen Gedanken. Sie spricht in sanftem Ton und ohne Höhen, doch die Erinnerung reiht sie in heftigen Worten aneinander. Verbrechen. Hunger. Angst. Und Eva Pankok sagt: „Ich hab‘ immer nur Angst gehabt.“

Der Expressionist

Am Anfang war ihre Familie ja selbst geflohen, Eva, ihre Mutter Hulda und ihr Vater Otto Pankok. Künstler ist der gewesen, ein heute noch bekannter Expressionist; nicht so bekannt zwar wie ein Macke oder Kandinsky, aber doch so bekannt, dass Angela Merkel ihn später „einen der bedeutendsten deutschen Maler des 20. Jahrhunderts“ nannte. Der Sinti malte, Rabbiner und pazifistische Motive, seine Werke kritisierten das NS-Regime auf subtile Weise.

Die Nazis ließen ihn bespitzeln, eines von Pankoks Gemälden stellten sie als „Entartete Kunst“ aus. 1939 versuchten Pankok und seine Familie zu emigrieren, ohne Erfolg. Sie verbrachten eine Zeit im Emsland, dann erfuhren sie von einem alten Bauernhaus in der Eifel. 1942 gingen sie nach Pesch.

Mittwoch vor einer Woche, der Tag ist so grau und kalt in Pesch, dass die 570 Einwohner sich in ihren Häusern versteckt halten. Über die Straßen laufen nur die Zeugen Jehovas, neben der Kirche hält der „Mobile Mittagstisch“, und kurz tritt ein junger Bauer vor die Tür, um ein fremdes Autokennzeichen zu fotografieren.

Das Haus, in dem Pankoks eine jüdische Frau und ihren Mann vor den Nazis versteckten, liegt an einem Hügel im Oberdorf, „Auf der Jücht“ heißt die Straße. Eine lange Einfahrt, die Mauern aus Bruchstein, innen montieren zwei Handwerker ein Gerüst, Putzarbeiten. Bis 2010 war hier eine Einrichtung für Menschen mit Behinderung untergebracht, „Haus Hildegard“ hieß sie, so erzählt es der heutige Besitzer am Telefon. 1958 ist er geboren und weiß, „dass irgendein Künstler da gelebt haben soll“, das war‘s. Im Moment steht das Haus leer, die Räume müssen ohne Fliesen und Tapeten auskommen. Unter das Dach führt nur eine schmale Leiter.

Unter dem Dach hat Eva Pankok geschlafen, als sie in Pesch lebte. Genau genommen hat sie dort bis zu jener Nacht geschlafen, als der Künstler Mathias Barz und seine jüdische Frau Brunhilde an die Tür klopften. Brunhilde Barz soll die Deportation in ein KZ gedroht haben, da flüchteten sie in verschiedene Orte und schließlich nach Pesch. Wann genau sie kamen, weiß Eva Pankok nicht mehr, die Erinnerung ist ein brüchiges Wesen. In der Nacht, in der es geschah, das weiß sie aber, lag sie im Bett. „Da kam meine Mutter zu mir und meinte, dass die im Hausflur stehen. Ich müsse das mit verantworten. Ich hab‘ nur gesagt: Ich denk‘ doch immer dasselbe wie ihr.“ Brunhilde und Mathias Barz blieben. In Eva Pankoks Zimmer war ihr Versteck.

Matthias Kloster sitzt in seiner Küche im Oberdorf in Pesch mit dunklen Augenringen und fingert an einem Hustensaft herum. Es ist 12.20 Uhr an diesem Mittwoch, es riecht nach Mittagessen, und nach wenigen Sätzen sagt Kloster: „Mein Vater wusste es sofort.“ Pause. „Von Pankok. Der Pankok und mein Vater, das waren zwei Vertrauensleute.“ Jeden Tag sei Otto Pankok hergekommen und habe Essen und Eier geholt, Klosters Vater war Bauer. „Und davon wurden die Leute mitversorgt“, so habe ihm das sein Vater nach dem Krieg erzählt; Kloster, 1939 geboren, war selbst ja noch ein Kind damals.

Spricht man Eva Pankok auf Matthias Klosters Version an, sagt sie: „Das glaube ich nicht.“ Nur der Bürgermeister, der ja kein Nazi gewesen sei, habe gewusst von Brunhilde und Mathias Barz. Als das Essen knapp wurde, habe er sogar einen Sack mit Fleischdosen vorbeigebracht, heimlich. Eva Pankok erinnert sich aber an Familie Kloster, Pankoks sind ja einige Monate bei ihnen untergekommen, als das Haus auf dem Hügel noch renoviert wurde. Pankok soll dem Bauern Kloster zum Dank ein Bild geschenkt haben, ein Kohlegemälde der Hauptstraße von Pesch. Ja, sagt Matthias Kloster in seiner Küche, das habe er gehört. Wo das Bild jetzt ist? Wisse er nicht. Kloster schweigt.

Die Wehrmacht

Anfang 1945 war die Front näher gerückt, deutsche Soldaten wurden in Pankoks Haus einquartiert. 20 bis 30 seien das gewesen, im Schafstall hätten sie gewohnt, sagt Eva Pankok. „Die waren alle keine Helden mehr, die wollten nach Hause.“ Doch ein Offizier sei anders gewesen. Der habe weiter gebrüllt, „Hände an die Hosennaht“ und dieses Zeug, „ein schrecklicher Kerl“. Dann habe er das Zimmer unter dem Dach bemerkt. Sei die Treppe hinaufmarschiert, ihr Vater habe noch gerufen, dass er den Schlüssel verloren habe, vergeblich. Doch als der Soldat die Tür zu öffnen versucht habe, da habe diese – geklemmt.

„Ich hatte immer Angst, dass sie meine Eltern auch holen würden“, sagt Eva Pankok. Mut definiert sich über Risiken, Pankoks haben deren einige auf sich genommen, an diesem Tag aber wurden sie zu groß. Abends stieg Otto Pankok hinauf zu Brunhilde und Mathias Barz, so hat er es später erzählt. Er sagte, dass die Soldaten das Zimmer wollten und schon vor der Tür gestanden hatten, „ihr müsst weg“.

Brunhilde und Mathias Barz kamen nach Kirchheim, das heute zu Euskirchen gehört. Sie kamen in das Pfarrhaus des Dechants Joseph Emonds, auch er wird Montag ausgezeichnet, fast 40 Jahre nach seinem Tod. Brunhilde und Mathias Barz lebten dort, und sie überlebten dort, obschon unten im Haus die Gestapo wohnte. Vor Kriegsende noch gingen Brunhilde und Mathias Barz nach Düsseldorf und erlebten die Befreiung.

Pesch, kurz vor der Auszeichnung. Es ist nicht so, dass die Nachricht im Ort die Runde gemacht hätte, die meisten Jungen kennen ja nicht mal Pankoks Namen. „Da sind Sie bei mir falsch“, sagt der Handwerker in Pankoks altem Haus. Die Frau an der Bushaltestelle hilft gerne, aber hmm, nein. Der Bauer mit dem Foto-Handy zuckt mit den Schultern, von Pankoks Geheimnis hat er nichts gehört. Vielleicht bringt die Auszeichnung die Geschichte zurück nach Pesch.

Leserkommentare

Leserkommentare (0)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert