Das erklärte Ziel: Das erste Glas stehen lassen

Von: Lee Beck
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Viele Jahre lang tranken Klaus und Marcus sich von einem Vollrausch in den nächsten – bis sie es mit Hilfe der Anonymen Alkoholiker schafften, ihrer Sucht zu entfliehen. Heute engagieren sie sich in der Selbsthilfebewegung, um anderen Abhängigen zu helfen. Foto: Klaus-Dietmar Gabbert/dpa

Aachen. Jeden Abend ist Klaus an dem Haus vorbeigelaufen, in dem sich die Anonymen Alkoholiker (AA) treffen, und wartete darauf, dass einer von ihnen besoffen mit einer Fahne und einer Wodkaflasche in der Hand über die Schwelle auf die dunkle Straße taumelt.

 Er lief auch dort vorbei, um Nachschub zu holen. Hochprozentigen. Nachschub um seinen Rausch aufzufrischen, denn Klaus war Alkoholiker. Es wäre sein Beweis gewesen, dass die AA auch nicht helfen, wäre einer von ihnen heraus gekommen.

Die Selbsthilfegruppe feiert in diesem Juni ihr 80-jähriges Bestehen. Darauf ist Klaus heute stolz. Vor 25 Jahren hat er das erste Mal ein Treffen der AA besucht und ist seitdem trocken. „Es ist ein unsagbarer Schatz, der da vor 80 Jahren erschaffen wurde“, sagt er und lächelt. Bei den AA gehe es um ein überschaubares Ziel: Jeden Tag das erste Glas stehen lassen.

Vor knapp 25 Jahren sitzt Klaus auf der Bettkante und will sich umbringen. Er hat 70,000 Euro Schulden. Doch mit zusammengesunkenen Schultern und gesenktem Blick sitzt der heute 61-Jährige dort nicht, weil er erkennt, dass er alkoholabhängig ist, sondern weil „die Welt so schlecht ist“. Damals, als er sechs Monate durchsäuft, redet er sich im Rausch, im Zustand des ewigen Glücks, immer wieder ein, das er kein Alkoholiker ist. Beweise sucht er überall. „Ich bin Unternehmer, kein Alkoholiker“, denkt er. Schließlich liegt er ja nicht obdachlos und stinkend auf der Parkbank, sondern hat eine Existenz. Sogar Bücher über Alkoholismus liest er und schüttelt den Kopf, als seine Augen über die Zeilen fliegen: Das ist er nicht. Mit den Anonymen Alkoholikern kann er sich allerdings identifizieren.

Die Selbsthilfebewegung wurde von zwei Alkoholikern – Bill Wilson und Dr. Bob – im Juni 1935 in den USA gegründet, als Dr. Bob sein letztes Glas Alkohol trank. Die Gruppe wuchs schnell, bei den Treffen sprachen sie vom Leben ohne Alkohol, schöpften Kraft und Hoffnung. 1938 wurden die zwölf Schritte niedergeschrieben, an die sich die AA heute noch halten.

In Deutschland begannen die AA 1953 mit einem Inserat in der Münchener Zeitung. Beim 60-jährigen Jubiläum 2013 in Deutschland lies Bundespräsident Joachim Gauck verlauten: „Sie haben den Mut, der Sucht die Stirn zu bieten, den Kampf gegen einen mächtigen Feind immer wieder aufzunehmen.“

Heute gibt es mehr als 2500 Gruppen in der gesamten Bundesrepublik, in der Region mehr als 15. Die Gemeinschaft ist vollkommen unabhängig, nimmt keine Spenden an und bindet sich nicht an Personen oder Organisationen. Es haben sich Ableger wie etwa die „Al-Anon“ Familiengruppe, bestehend aus Freunden und Verwandten, sowie „Alateen“ (Al-Anon-Teenager) gegründet.

Zu den Treffen der AA kommen nicht nur Obdachlose, sondern laut einer Statistik der Gruppe auch Studenten, Rentner, Angestellte – es ist ein Querschnitt der Gesellschaft. Die meisten von ihnen sind zwischen 41 und 70 Jahren alt, 60 Prozent nehmen einmal in der Woche teil. Sie alle gestehen sich dann ein: Ich bin Alkoholiker und brauche Hilfe. Für einen Alkoholiker ist das die größte Hürde. „Ich hätte mich zu Tode gesoffen“, sagt Klaus heute. Im Suff war es für ihn der absolute Kontrollverlust, gefangen im tiefen Abgrund der Sucht, aus dem er sich nur vom Flaschenboden zurück ins Leben hieven konnte, indem er sich eingestand: Ich bin Alkoholiker.

Marcus hat sich vor 15 Jahren den AA angeschlossen und ist seitdem ebenfalls trocken. Er nippt beim Gespräch an seinem Softdrink. Wer ihn trifft, fragt sich, wie er in diese Sucht abdriften konnte. Genau erklären kann das niemand. Marcus versucht es zumindest. Die Sucht kam schleichend, ganz langsam, entwickelte sich über Jahre. Der 48-Jährige kann sich noch genau an alles erinnern. Mit zwölf Jahren testete er das erste Mal Alkohol, mit 14 zog er mit Freunden mit Bierflaschen und Flachmännern um die Häuser.

Es folgten Abstürze, die ersten Filmrisse. Partynächte, nach denen er sich am nächsten Morgen mit dickem Kopf fragte: Wie bin ich eigentlich nach Hause gekommen? Dann die Discozeit: Bier, Bacardi-Cola, Berentzen, Vollrausch, Absturz, Kater. So weit hört sich seine Geschichte nicht außergewöhnlich an. Nach der Schule schließt er sich der Bundeswehr an, die Partys werden mehr, bei den ärztlichen Untersuchungen fällt sein überhöhter Alkoholkonsum auf.

Eine Ausrede hat er immer parat. Tricksen, um karrieremäßig weiterzukommen? Kein Problem. So ist das bei den Alkoholsüchtigen, sagt auch Klaus. Da wird geschauspielert, geflunkert, improvisiert. Zur Not wird mit Minzöl der schlechte Atem parfümiert. Hauptsache die Geschichte stimmt – abgenommen wird es ihnen immer.

Mit Mitte 20 zieht Marcus dann in seine eigenen vier Wände, ist häufig alleine, säuft. Auf der Arbeit – Schichtdienst – meldet er sich oft krank, trinkt vor allem am Wochenende übermäßig viel. Er sagt: „Ich hatte beruflich keine Probleme, aber war eben Junggeselle.“ Jedes Jahr an Karneval schafft er es, über mehrere Wochen keinen Alkohol zu trinken – sein persönlicher Beweis: Ich bin kein Alkoholiker. „Ich habe danach immer wieder bei 100 angefangen – bis zu meiner Kapitulation“, sagt der 48-Jährige heute.

Situation eskaliert

An seinem 33. Geburtstag eskaliert die Situation. Marcus hat viele Gäste eingeladen, doch er ist so besoffen, dass er die Tür nicht öffnen kann. Das war ein Donnerstag, erinnert er sich heute. Am darauffolgenden Freitag und Samstag hat er lichte Momente, ist bereit, Hilfe anzunehmen. Kollegen, Arbeitgeber und Familie kümmern sich. In der Woche danach geht er zum ersten Mal zu einem Treffen der Anonymen Alkoholiker.

„Ich wusste nicht, was auf mich zukommt“, sagt er. Bei den Treffen stank keiner nach Alkohol, alle waren gut gekleidet, niemand zitterte. „Ich fühlte mich wohl“, sagt er. Und in den dunklen Zeiten des Suffs tat sich bei den Anonymen Alkoholikern eine völlig neue Welt für ihn auf, eine Möglichkeit, die sein Leben für immer verändern würde. Er entgiftete im Krankenhaus, ging nie in Therapie, hat nie wieder getrunken. Bis heute, hoffentlich für den Rest seines Lebens, sagt er.

Bescheidenheit der Treffen

Für Klaus war es die „Bescheidenheit der Treffen“, die ihn zum Nachdenken brachte. Bei den AA sage niemand: „Hör auf zu trinken!“. Es gehe um das überschaubare Ziel, das erste Glas stehen zu lassen. Es gehe auch darum, anderen zuzuhören und sich selbst, seine Sucht, sein Schicksal wiederzuerkennen.

Zum Beispiel eine Familienfeier – der perfekte Ort zum Trinken. Aber wie geht man als Alkoholsüchtiger mit dieser Situation um? Bei den Treffen der AA wird darüber gesprochen, natürlich anonym und im Vertrauen. „Durch dieses Vertrauen lernt man auch wieder Selbstvertrauen“, sagt Klaus. Er beschreibt die Atmosphäre bei den AA wie einen „Supermarkt der Lebensgeschichten“. Denn man selbst entscheide, welche Geschichte man annimmt, von welchem Schicksal man lernen und es auf sich selbst anwenden möchte.

Beide haben begonnen, sich selbst für die AA zu engagieren, wollen das Leben anderer Menschen verändern. Sie betreuen eine Gruppe in der Justizvollzugsanstalt, gehen in Schulen und Einrichtungen, leisten Aufklärungsarbeit. Im Gefängnis sprechen sie nicht über Straftaten, sondern über persönliche Geschichten, um andere mit ihrem Erfolg zu inspirieren. Sie gehen offen damit um, dass sie trockene Alkoholiker sind.

„Damit habe ich nie schlechte Erfahrungen gemacht“, sagt Klaus. Denn für sie ist die Sucht nichts aussichtslos. „Wer trinkt, hat einfach die Bremse kaputt“, sagt Klaus. Er weiß, dass es bei ihm für immer so sein wird. Deswegen lässt er das erste Glas gern stehen.

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