Köln/Merzenich/Aachen - Das Endspiel im Hambacher Forst beginnt

Das Endspiel im Hambacher Forst beginnt

Von: Marlon Gego
Letzte Aktualisierung:
Rodung Hambacher Forst Foto: Henning Kaiser/dpa
Nach dem Urteil soll die Rodung folgen: Bereits am Montag könnten die Rodungen im Hambacher Forst beginnen. Archivfoto: Henning Kaiser/dpa

Köln/Merzenich/Aachen. Wie groß das fehlende Verständnis füreinander ist, zeigte sich vor der Gerichtsverhandlung, während der Gerichtsverhandlung und nach der Gerichtsverhandlung. Auf der einen Seite die Vertreter von RWE, auf der anderen die Waldbesetzer aus dem Hambacher Forst.

Wie er eigentlich noch ruhig schlafen könne, fragte vor der Urteilsverkndung ein Aktivist den Entwicklungsleiter der Tagebaue bei RWE, Michael Eyll-Vetter. Eyll-Vetter tat so, als habe er nichts gehört. Während der Verhandlung, als das Urteil verkündet wurde, riefen einzelne Aktivisten, dass im Hambacher Forst „ein krasser Kampf“ bevorstehe, Aktivisten gegen Waldarbeiter und Polizei. Eyll-Vetter schüttelte leicht den Kopf.

Und nach der Urteilsverkündung rief ein Aktivist Eyll-Vetter hinterher, er sei „ein Verbrecher“, der für die „Zerstörung der Umwelt auch noch Geld“ bekomme. „Auch Manager haben Adressen, die wir rausfinden“, rief ein anderer Aktivist. Eyll-Vetter wendete entgeistert den Blick ab und verschwand.

Schlafende Aktivisten im Gericht

Das Kölner Verwaltungsgericht hat am Freitag mit, so klang es in der Urteilsbegründung, schwerem Herzen den Weg zu weiteren Rodungen im Hambacher Forst freigemacht, der Klage des Bundes für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) konnte das Gericht nicht stattgeben.

Der Tagebaubetreiber RWE wollte unserer Zeitung nicht mitteilen, wann die Rodungsarbeiten beginnen; nur dass sie „zeitnah beginnen“, bestätigte RWE. Aachens Polizeipräsident Dirk Weinspach hatte schon vor Wochen erklärt, dass ihm die bevorstehenden Rodungen große Sorge bereiten. Denn die im und am Hambacher Forst lebenden Aktivisten seien fest entschlossen, die Rodungen wenn nicht zu verhindern, dann zumindest nachhaltig zu stören.

Die Polizei geht davon aus, dass sich bis zu 150 Aktivisten im Hambacher Forst aufhalten, darunter Linksautonome aus Berlin, Hamburg und Leipzig. Die einen gewaltbereit, die anderen nicht. Genauer kann es die Polizei im Moment nicht sagen. Bis Ende Februar könnte RWE die Teile des Hambacher Forstes roden, in denen die Aktivisten in den vergangenen Jahren mehr als ein Dutzend Baumhäuser errichtet haben.

Sollte dieses Szenario Realität werden, gäbe es nach der Rodungssaison nicht mehr viel, „das im Hambacher Forst noch zu verteidigen wäre“, sagte der Leitende Polizeidirektor Helmut Lennartz im Gespräch mit unserer Zeitung. Endspiel im Hambacher Forst. Die Situation sei angespannter und emotionaler als in den Jahren zuvor, sagte Lennartz, eine These, für die das Verhalten der Aktivisten am Kölner Verwaltungsgericht ein starker Beleg war.

Die Aktivisten und alle, die nicht auf ihrer Seite sind, stehen sich nicht erst seit diesem Jahr derart unversöhnlich gegenüber, dass auch Menschen darunter leiden, die für diesen Konflikt gar nichts können. Die vielen Polizisten zum Beispiel, die die Rodungsarbeiten wieder schützen müssen, aber auch Menschen wie Peter R., der für RWE arbeitet.

An einem Tag im Herbst 2016 wurde Peter R. zur alten A 4-Trasse gerufen, ganz in die Nähe des Hambacher Forstes, in dem die Aktivisten leben. Peter R. und ein Kollege nahmen die Arbeit auf, um sie herum standen Männer des RWE-Werkschutzes, und es dauerte nicht lange, bis die Aktivisten aus dem Wald kamen. Wie viele es waren, weiß Peter R. nicht mehr, nur, dass sie vermummt waren. Die Aktivisten griffen den Werkschutz an, die Polizei wurde gerufen, Peter R. sah zu und fürchtete um sein Leben, so erzählt er es heute. Er weiß, dass die Angst vermutlich irreal war, aber er sagt, er könne nicht mehr ohne Angst in die Nähe des Hambacher Forstes gehen.

Peter R., der im Kreis Düren lebt und eigentlich anders heißt, seinen Namen aber nicht in der Zeitung lesen möchte, arbeitet seit den 80er Jahren für RWE. Meist ist er gern zur Arbeit gegangen, doch die Aktivisten haben das Verhältnis zu seiner Arbeit nachhaltig gestört, wie er sagt. Nicht klagend, nicht anklagend. Nur traurig.

Wer vergangene Woche im Kölner Verwaltungsgericht war, wo die Klage des BUND verhandelt wurde, konnte sich ein Bild von den Aktivisten machen, einige von ihnen saßen während der Verhandlung im Publikum. Menschen zwischen 20 und 45, von denen sich nicht wenige selbst als Staatsfeinde bezeichnen würden, als Anarchisten. Vielleicht sogar als Berufsdemonstranten. Aber auch sehr junge Menschen, zum Teil minderjährig, fast noch Kinder. Manche von ihnen folgten dem Austausch juristischer Argumente aufmerksam, andere lagen auf dem Boden des zeitweise überfüllten Saales 1 im Kölner Verwaltungsgericht und schliefen. Und wieder andere wischten auf ihren Handys herum und saßen die wegen ihrer Komplexität wirklich nicht leicht zu verfolgende Verhandlung einfach ab.

Und was sagt die Politik?

Sie alle als „die Aktivisten“ zu bezeichnen, ist eigentlich nicht statthaft und lässt sich allenfalls damit rechtfertigen, dass sie ein gemeinsames Ziel haben: die Rodung des Hambacher Forstes zu verhindern. Die persönlichen Beweggründe, sich an der Besetzung des Waldes zu beteiligen, sind individuell vermutlich so unterschiedlich wie das Maß an Bereitschaft, gewalttätig zu werden und Straftaten zu begehen.

Das Problem ist aber, dass die friedlichen Aktivisten, dass überhaupt der friedliche Teil des Braunkohlewiderstandes in der Region sich nicht deutlich von Gewaltbereiten und Straftätern distanziert, auch nicht von denen, die leitende RWE-Angestellte als Verbrecher bezeichnen oder einfachen Arbeitern wie Peter R. Angst einjagen.

Wäre es mittlerweile nicht an der Politik zu versuchen, zur Befriedung dieses gesellschaftlichen Konfliktes beizutragen?

Ja, sagt Oliver Krischer, Grüner Bundestagsabgeordneter aus Düren. Angesichts des sich immer deutlicher „abzeichnenden Kohleausstiegs droht die absurde Situation, dass der Hambacher Forst gerodet wird, obwohl die Fläche gar nicht mehr zur Kohleförderung benötigt wird“, sagte er am Freitag. Ministerpräsident Armin Laschet (CDU) wollte sich zum Urteil des Verwaltungsgerichts und zur Situation am Hambacher Forst nicht äußern. Einer seiner Sprecher verwies an den NRW-Wirtschaftsminister, doch auch Andreas Pinkwart (FDP) hatte am Freitag nicht vor, eine Stellungnahme abzugeben.

Wenn die Rodungen beginnen, wird es also wieder an der Polizei sein, einen gesellschaftlichen Konflikt auszubaden, den nur die Politik lösen könnte.

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