Region - Das „Auge des Jahrhunderts“: Henri Cartier-Bresson im KuK Monschau

Das „Auge des Jahrhunderts“: Henri Cartier-Bresson im KuK Monschau

Von: Alexander Barth
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Straßenszene in Brüssel, Belgien, 1932. Foto: Henri Cartier-Bresson/Magnum Photos
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Unter Menschen: Henri Cartier-Bresson als aufmerksamer Beobachter. Foto: Imago/Zuma Press

Region. Die Ausstellungsmacherin macht keinen Hehl aus ihrer Begeisterung – wozu auch, wenn das „Auge des Jahrhunderts“ in Monschau präsent ist? „Seine Arbeit gehört längst zum Weltkulturerbe erklärt“, sagt Nina Mika-Helfmeier über den Mann, der die Fotografie des 20. Jahrhunderts wie kaum ein anderer geprägt hat und dessen Arbeiten ab Sonntag im Kunst- und Kulturzentrum KuK der Städteregion Aachen zu sehen sind: Henri Cartier-Bressons Serie „Europäer“ bildet das Herz der dritten Schau des Jahres.

Das euregionale Publikum kommt dabei in den Genuss von rund 160 Schwarz-Weiß-Werken des Franzosen, der als unbestrittener Meister des entscheidenden Moments gilt.

Den fotografischen Adelstitel „Auge des Jahrhunderts“ verdiente sich Cartier-Bresson (1908–2004) durch unzählige heute als ikonisch geltende Aufnahmen. Der Weg zum fotografischen Genie führte für den in in der nordfranzösischen Kleinstadt Chanteloup-en-Brie geborenen Sohn eines Textilfabrikanten über den Umweg der Malerei.

Auch nach dem Studium und den ersten Gehversuchen mit der Kamera hielt die Malerei spätestens ab Beginn der 1930er Jahre entscheidende Einflussfaktoren bereit. „Er traf auf die französischen Surrealisten jener Zeit“, sagt Mika-Helfmeier, die gut zwei Jahre Vorbereitungszeit in die Ausstellung investiert hat. „Ihren malerischen Umgang mit dem Zusammenbringen eigentlich einander fremder Elemente, das Festhalten flüchtiger Momente, herausgelöst aus ihrem Kontext, übertrug er in die Fotografie“.

Der zweite frühe Meilenstein waren erste Reisen, die den damaligen Mittzwanziger durch Spanien und Italien bis nach Westafrika führten. Danach erst soll der Entschluss zu einem Leben als professioneller Fotograf gereift sein, die stete Suche nach „le moment décisif“, dem entscheidenden Augenblick, inklusive.

Eine einfache Arbeitsweise

Stichwort Kamera: Von Beginn an vertraute Cartier-Bresson auf kleinformatige Leica-Modelle, die ideal zu seiner über Jahrzehnte perfektionierten Arbeitsphilosophie passten. Sehen, zielen, auslösen, verduften – so lautet das überschaubare wie effektive Konzept eines Mannes, der wie kaum ein anderer der Alltagsfotografie den Weg zur Kunstform ebnete. Jedermann-Kameras, um Jahrhundertaufnahmen zu schaffen? Für den Meister des Moments völlig selbstverständlich – seiner Meinung nach kümmerten sich die Menschen ohnehin viel zu sehr um die Technik und viel zu wenig um das Sehen.

Die in Monschau gezeigten Arbeiten entstanden in den Jahren 1931 bis 1989, ein untrüglicher Beleg für die lange Schaffensphase eines Mannes, der neben der Magie unzähliger kleiner Schauplätze rund um die Welt auch immer wieder große Momente der Menschheitsgeschichte einfing. Cartier-Bressons abseitige Betrachtungen des spanischen Bürgerkriegs, der Befreiung von Paris vom Nazi-Regime oder der Inthronisierung des britischen Königs Georg VI. mögen auch den Literaten und Zeitgenossen Arthur Miller zu seiner Hommage inspiriert haben: „Der Augenblick, in dem Cartier-Bresson den Auslöser betätigt, ist der Moment, da Hoffnung und Verzweiflung aufeinandertreffen und eine die andere erhellt.“

Auch der Gelobte selbst hat manch memorablen Satz hinterlassen – etwa wenn er die Tatsache beschreibt, dass Protagonisten seiner Bilder oft nicht einmal etwas von der Anwesenheit des Fotografen bemerkt hätten. Cartier-Bresson beschrieb sich in diesem Zusammenhang gern als Fischer. „Wer angeln geht, darf das Wasser vorher nicht aufwühlen“, nennt die Leiterin des KuK eines ihrer Lieblingszitate des Mannes, der 1947 an der Gründung der Agentur Magnum Photos beteiligt war und somit wie die Kollegen Robert Capa, David Seymour und George Rodger als Wegbereiter einer unabhängig arbeitenden Fotografenzunft agierte.

Um das besondere Gespür Cartier-Bressons zu beschreiben, empfiehlt sich wohl am ehesten ein Gedanke an die Tatsache, dass seine Bilder lange vor digitalen Reihenaufnahmen entstanden sind und dass die Arrangements lediglich innerhalb von Sekunden im Kopf des Fotografen entstanden sein müssen. Das 1951 aufgenommene Bild der Kirchenbesucher in Scanno in den italienischen Abruzzen nennt Nina Mika-Helfmeier als Blaupause für die Arbeitsweise des 2004 in der Provence gestorbenen Fotografen. „Hier finden sich alle Attribute, um seine Kunst zu erklären. Eine hochformatige Schwarz-Weiß-Aufnahme, die wie ein Schnappschuss wirkt. Wenn man aber länger hinschaut, zeigt sich die Gabe zur spontanen Komposition.“

Stufen, Geländer und nicht zuletzt Menschen – hier sind es schwarz gekleidete Frauen – bringen räumliche Tiefe hervor und sorgen für Symmetrie in einer vermeintlichen Unordnung. „Diese dichterischen Harmonien und Kompositionen finden sich in vielen Bildern“, sagt Mika-Helfmeier und empfiehlt den genauen Blick in der KuK-Schau auf Cartier-Bressons Spiel mit Menschen und Gegenständen, Licht und Schatten, Flächen und Linien.

Wie selbstverständlich greift die Monschauer Ausstellung mit den „europäischen“ Bildern – darunter etwa auch deutsche Positionen wie der Bau der Berliner Mauer oder die Lebenswirklichkeiten im Köln der Nachkriegszeit – auch ein wiederkehrendes Thema dieses KuK-Jahres auf. Der vereinte Kontinent steht dabei im Fokus, spätestens, wenn im September die Ausstellung „Pulsschlag Europa“ mit Bildern eröffnet wird.

Die aktuelle Ausstellung wurde maßgeblich durch die Fondation Henri Cartier-Bresson möglich. Diese bewahrt auch dessen erste Leica-Kamera auf. Die Ausgangslage für eine – eines Tages? – Adelung zum Weltkulturerbe könnte wahrlich schlechter sein.

 

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