Critical Mass: Radler erobern die Straße zurück

Von: Daniela Lukaßen
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epa03192926 Thousands of cycli
epa03192926 Thousands of cyclists raise their bikes during the Critical Mass bicyclists march held on the occasion of Earth Day 2012 in downtown Debrecen, 226 kms east of Budapest, Hungary, 22 April, 2012. Each year, Earth Day -- April 22 -- marks the anniversary of what many consider the birth of the modern environmental movement in 1970. EPA/ZSOLT CZEGLEDI HUNGARY OUT +++(c) dpa - Bildfunk+++

Köln. Es nieselt etwas und es ist kalt geworden. Kein Wetter zum Fahrradfahren. Eigentlich. Aber am Rudolfplatz in Köln sieht die Sache anders aus. Fahrradklingeln sind zu hören, und unter der Hahnentorburg wird es langsam voll. Männer in Anzügen, die direkt von ihrer Arbeit in der Bank zum Rudolfplatz kommen, Studenten, Senioren, Hausfrauen.

Alle sind mit dem Fahrrad gekommen, um als Teil der sogenannten Critical Mass die Straßen der Stadt wieder für die Radfahrer zurückzuerobern.

Jeden letzten Freitag im Monat trifft sie sich in der Kölner Innenstadt, diese kritische Masse. Mal besteht sie aus 30, mal aus über 100 Menschen. Viele sind regelmäßig dabei. So wie Helmut. Helmut war früher Taxifahrer. Heute ist das Fahrrad sein Verkehrsmittel. Ob bei Wind und Wetter - Helmut fährt mit dem Rad. „Ich bin auch damals immer mit dem Fahrrad zur Arbeit und wieder nach Hause gefahren”, erzählt er. „Das war für mich Erholung.” Ihn ärgert es, dass heute der Autoverkehr Vorrang in Köln habe. „Da muss sich wieder etwas ändern”, erklärt er.

Wohin, durch welche Straßen, die Critical Mass heute rollen wird, weiß er nicht. So wie niemand der Teilnehmer. Denn eine Critical Mass hat keine feste Route. Sie folgt dem, der zufällig vorne fährt. Es gibt keine Transparente, keine Parolen: Die Critical Mass ist keine Demonstration und hat keinen Organisator oder Verantwortlichen. Mitfahren darf jeder. Aber alle müssen sich an Regeln halten. Dazu gehört, dass der Verkehr nicht absichtlich gestört wird. „Wir fahren stets nach der Straßenverkehrsordnung”, erklärt Marco Laufenberg. Er gehört zu den Mitinitiatoren der Critical Mass Cologne. Denn es geht nicht darum, andere Verkehrsteilnehmer zu behindern. Vielmehr geht es darum, sich als Fahrradfahrer die Straße zurückzuerobern. „Wir behindern nicht den Verkehr, sondern sind Verkehr” lautet darum auch das Motto der Bewegung.

Inzwischen ist auch Fender eingetroffen. Er kennt sich aus mit der Critical Mass. „Früher bin ich in Hamburg mitgefahren”, erzählt er. In der Hansestadt, so heißt es, sei die kritische Masse deutschlandweit am größten. Rund 400 Menschen würden sich dort regelmäßig treffen, erzählt Fender. Bei gutem Wetter seien es mehr.

In Köln sind es deutlich weniger. Aber die, die dabei sind, sind es mit Leidenschaft. Und oft kommen sie mit der ganzen Familie. Einer der Jüngsten ist der kleine Emilio mit seinen 22 Monaten. Gut ausgestattet mit Helm, Regenkleidung und Marienkäfergummistiefeln schaut er sich mit großen Augen um. „Wir möchten darauf aufmerksam machen, dass man auch gut mit Fahrrad durch die Stadt kommen kann”, erklärt seine Mutter.

Sie hat Schminkstifte mitgebracht und malt einer Bekannten einen Geist ins Gesicht. „Das ist unsere Halloween-Tour heute”, sagt sie und lacht. Dem kleinen Emilio behagt die Halloween-Schminke nicht richtig und er würde viel lieber schon in seinen Kindersitz und los fahren. Aber gestartet wird erst pünktlich um 18 Uhr. Und immer müssen mindestens 16 Teilnehmer dabei sein. Denn dann können die Radfahrer nach Paragraf 27 der Straßenverkehrsordnung einen geschlossenen Verband bilden. Das heißt, die Gruppe kann zum Beispiel in einem Zug über eine Kreuzung mit Ampeln fahren. Das gilt auch, wenn die Ampel zwischendurch auf Rot umschaltet.

Seit zweieinhalb Jahren rollt die Critical Mass nun bereits durch Köln. Die kritische Masse trifft sich offiziell, um eine Tour durch die Stadt zu unternehmen. Aber siemöchte auch aufmerksam machen auf die Belange der Fahrradfahrer. Denn jedes Jahr verunglücken zahlreiche von ihnen. In Köln waren es laut Polizeistatistik im Jahr 2011 genau 1493. 233 wurden schwer verletzt, drei verunglückten tödlich.

Es ist nun 18 Uhr. Die Stimmung am Rudolfplatz ist ausgelassen. Es wird gelacht und erzählt. „Schwingt Euch auf die Sitze, Fahrrad fahre_SSRqn ist spitze”, ruft eine Teilnehmerin. Dann rollt sie los: die Critical Mass Cologne, bei der sich die Fahrradfahrer - zumindest für ein Stündchen - die vollen Straße im Kölner Feierabendverkehr zurückerobern.
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