Crash Kurs NRW: „Es gibt nicht nur ein bisschen Tod”

Von: Maximilian Haupt und Michael Bosse
Letzte Aktualisierung:
Neue Kampagne zur Unfallprävention
Die Zahl der an Unfällen beteiligten Fahranfänger soll stark verringert werden. Foto: dpa

Köln. Am Ende platzt der Traum. Einfach so und ohne Vorwarnung sticht eine Polizistin in den großen weißen Ballon. Darauf klebten kleine Zettel, beschriftet mit den Zielen und Wünschen der etwa 500 Schüler im Saal des Nicolaus-August-Otto-Berufskollegs in Köln.

Es knallt, die Schüler zucken - und machen sich bewusst: So schnell kann es vorbei sein mit dem Leben. „Wir wollen die Schüler auf der emotionalen Schiene packen”, sagt Silke van Beesen von der Kölner Polizei. „Damit sie auf der Straße aufpassen.”

Bundesweit knapp 800 Menschen zwischen 18 und 24 Jahren sind 2009 bei einem Verkehrsunfall ums Leben gekommen. Um diese Zahl zu senken, konfrontiert das Präventionsprogramm „Crash Kurs NRW” Schüler zwischen 16 und 19 Jahren mit der Realität. Polizeiaufnahmen von schweren Unfällen, Erlebnisse von Feuerwehr, Angehörigen und Ärzten sollen aus erster Hand vermitteln, welche Folgen Unfälle für alle Beteiligten haben. Van Beesen lässt keine Zweifel übrig: „Es gibt nicht nur ein bisschen Tod.”

Die Reaktionen der Berufsschüler sind zu Beginn demonstrativ abgeklärt. Viele tuscheln, der ein oder andere spielt mit seinem Handy. Ein paar Halbstarke können sich nicht mal Macho-Pfiffe verkneifen, als van Beesen zum ersten Mal auf die Bühne kommt. Als die Polizistin sagt, man dürfe bei den folgenden Unfallbildern die Augen auch zumachen oder kurz rausgehen, lachen einige. „Das haben wir doch schon in zig Filmen gesehen”, sagt ein Schüler zu seinem Nachbarn.

Den Erlebnisberichten von Feuerwehr und Polizei hören die Jugendlichen eher pflichtbewusst zu. Als dann aber Bilder von einem tennisballgroß angeschwollenen Hodensack gezeigt werden und der Arzt erzählt, dass sein Patient infolge des Unfalls einen künstlichen Darmausgang bekommen hat und nie wieder Sex haben wird, da verstehen die meisten, dass ein Unfall Leben verändert - oder beendet.

„Diese Bilder zu sehen ist wesentlich eindrucksvoller, als eine Computeranimation vorgeführt zu bekommen”, sagt der Schüler Torsten Rademacher. Emotionaler Höhepunkt ist der Auftritt einer Mutter, die ihre 14 Jahre alte Tochter durch einen Unfall verloren hat. Auch 18 Jahre nach dem Ereignis haben der Schrecken und die Trauer für diese Mutter nur wenig von ihrer Kraft eingebüßt. Sie ringt sichtlich um Fassung, als sie den Verkehrsunfall mit einem zu schnell fahrenden Lastwagen schildert. Kein Berufsschüler macht mehr Witze. Sie sind sichtlich geschockt. „Es war ein Gefühl, als wenn einem bei lebendigem Leibe das Herz herausgerissen wird”, sagt sie. Dem jungen Publikum rät sie: „Ihr könnt etwas aus eurem Leben machen. Werft das nicht so einfach weg!”

„Der erhobene Zeigefinger wird nicht funktionieren”, sagt van Beesen. Mit Strafen zu drohen, zeige wenig Wirkung. „Wenn wir den Leuten aber klar machen können, was so ein Unfall für Auswirkungen hat, ganz konkret für sie, dann wird über die Emotionen auch der Verstand angesprochen.”

In NRW beteiligen sich im Rahmen der Pilotphase bereits fünf Polizeibehörden an dem „Crash-Kurs NRW”. „Zug um Zug” wolle man das Projekt jetzt ausweiten und in den Bereichen aller 49 Polizeibehörden in NRW durchführen, erklärt Innenminister Ralf Jäger (SPD).
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