„Costa Concordia“: Überlebender aus Monschau erinnert sich

Von: Thomas Thelen
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Ende eines gewagten Manövers: Am 13. Januar 2012 rammt die „Costa Concordia“ vor der italienischen Insel Giglio im Mittelmeer einen Felsen, schlägt leck und sinkt mit rund 65 Grad Schlagseite auf Grund. Der Unfall fordert 32 Todesopfer. Das Wrack liegt 18 Monate lang vor Giglio und wird im Juli 2014 mit geringer Geschwindigkeit nach Genua geschleppt. Foto: dpa
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Er überlebte mit seiner Ehefrau die Havarie der „Costa Concordia“: Mischa Müller (40) aus Monschau-Rohren. Foto: Rose

Aachen. Ab und zu kommen die Gedanken wieder. Einzelne Bilder, Szenen. Eine Frau mit ihrem schreienden Kind im Arm. Ein weiblicher Stewart, dem das Funkgerät aus der Hand fällt. Und dann dieses unvergessene Geräusch, mit dem das Funkgerät ganz langsam über den Boden rutscht, Zentimeter um Zentimeter, weil sich das Traumschiff in diesem Moment schon in bedrohlicher Schräglage befindet.

„Bilder wie diese kommen auch heute immer wieder hoch, manches konnten wir damals nur schemenhaft erahnen, denn über allem lag eine tiefe Dunkelheit“, erinnert sich der heute 40-jährige Mischa Müller aus Monschau-Rohren. Er ist mit seiner Frau Janette an jenem 13. Januar 2012 an Bord, als sich die Tragödie der „Costa Concordia“ vor der italienischen Insel Giglio im Mittelmeer ereignet. 32 Menschen verlieren ihr Leben. Die Müllers kommen mit dem Schrecken davon.

Die Zeit heilt Wunden

Mischa Müller wirkt gefasst, als er über das spricht, was damals geschah. „Die Zeit heilt Wunden, heißt es, und es ist wohl was dran“, sagt der gelernte Koch. Anfangs habe er täglich an das gedacht, was sich auf dem Schiff abgespielt habe, auch seien er und seine Frau immer wieder auf die Katastrophe angesprochen worden. Und was im Fernsehen zu sehen und in den Zeitungen zu lesen war, habe man natürlich auch intensiv verfolgt. „Doch dann kommt irgendwann der Moment, in dem man feststellt, dass man an diesem Tag noch gar nicht an das Unglück gedacht hat.“ Der Moment, in dem man ahnt, dass die Zeit tatsächlich Wunden heilen kann.

Rückblende. Es ist der letzte Abend an Bord auf diesem Traum von einem Schiff. Mischa Müller und seine Ehefrau genießen noch einmal die einzigartige Atmosphäre an Bord der „Costa Concordia“. Im italienischen Restaurant „Milano“ tief unten im Bauch des Kreuzfahrtriesen sitzen sie beim Abendessen und lassen die vergangenen fünf Tage noch einmal an sich vorüberziehen: der Landgang auf Mallorca, die unvergesslichen Gala-Abende an Bord, das sagenhaft schöne Wetter, die nimmermüden Blicke über die Reling hinaus auf das offene Meer.

Im Oktober 2011 hatten die Müllers geheiratet, die Hochzeitsreise auf der „Costa“ sollte ein erster Höhepunkt ihres jungen Ehelebens werden. Es ist gegen 21.30 Uhr. Nach der Vorspeise (Carpaccio vom Rind) trägt der Kellner gerade eine Kartoffelsuppe auf, da wird die „Costa Concordia“ von einem gewaltigen Ruck erfasst. „Man sitzt da nichtsahnend beim Essen und plötzlich wird man durchgerüttelt“, sagt Müller.

Dass der gewaltige Ruck, der sich wie ein Aufprall anfühlte, nicht zum Unterhaltungsprogramm unter Deck gehört, ist den Gästen im selben Moment klar. „Ich wusste, dass da irgendetwas passiert war. Wir sind aber zunächst einfach sitzen geblieben, wie alle anderen Gäste an den Tischen.“ Doch dem ersten Schock folgt kurz darauf der nächste: Plötzlich neigt sich das Schiff zur Seite, es ist der Moment, in dem Müller endgültig begreift, dass es einen Unfall gegeben haben muss. „Als mir meine Kartoffelsuppe entgegenkam, wusste ich Bescheid. Da hat uns dann auch nichts mehr auf unseren Plätzen gehalten. Wir sind aufgesprungen und nach oben gerannt.“

Als die Müllers die ersten Besatzungsmitglieder mit Rettungswesten sehen, wissen sie, dass es nur noch darum geht, heil runter zu kommen von dem Schiff. Plötzlich ist aus der Traumreise ein Alptraum geworden. „Niemand wusste mehr, wohin er rennen sollte, man wurde durch die Gegend geschubst, es war fast unmöglich in dem Chaos halbwegs den Überblick zu bewahren.“ Jeder habe natürlich versucht, sich selbst und seine Liebsten in Sicherheit zu bringen, ein natürlicher Reflex, kein Wunder, dass „da alles total durcheinander lief und niemand die Orientierung hatte“.

Gerade deshalb sei es unbegreiflich, dass es kein Krisenmanagement an Bord gegeben habe. „Wenn es Hilfe gab, dann höchstens von Seiten der unteren Dienstgrade. Von den Offizieren hat man nichts gesehen“, erinnert sich Müller, und es fällt ihm immer noch schwer, die Wut darüber zu unterdrücken. Kein Rettungsplan! Kein Krisenszenario! Das blanke Chaos! Am Ende gelingt den Müllers die Rettung.

In ihrer Kabine auf dem Traumschiff bleiben einige Wertgegenstände zurück, die die Müllers niemals wiedersehen werden. „Halb so schlimm“, sagt Müller. „Wenn man sich vor Augen führt, wie hart das Schicksal andere getroffen hat.“

Schrecken von damals

In diesen Tagen rückt der Schrecken von damals wieder häufiger ins Gedächtnis des Ehepaares. Seit Wochen berichten Medien über den Prozess gegen den Kapitän der „Costa Concordia“. Womöglich könnte dieser am Mittwoch mit einem Urteilsspruch zu Ende gehen. Die Anklage hat eine lange Haftstrafe für Francesco Schettino gefordert. 26 Jahre und drei Monate soll der einzige Angeklagte für die Havarie des Kreuzfahrtschiffs nach dem Willen der Staatsanwälte ins Gefängnis. „Das ist keine übertriebene Forderung“, hatte Staatsanwältin Maria Navarro zum Abschluss des mehrtägigen Plädoyers vor dem Gericht im toskanischen Grosseto gesagt. Schettino verdiene keine Anerkennung strafmildernder Umstände.

Aus Sicht der Staatsanwaltschaft besteht kein Zweifel, dass Schettino mitschuldig ist am Tod von 32 Menschen. Sie fordert eine Verurteilung wegen fahrlässiger Tötung und Körperverletzung, fahrlässigem Herbeiführen der Havarie, dem Verlassen des Schiffs und fehlender Kommunikation mit den Behörden. Schettino sei ein „unvorsichtiger Idiot“ gewesen, erklärte Ankläger Stefano Pizza. Die Havarie sei ein Ergebnis von Optimismus und dem Überschätzen der eigenen Fähigkeiten gewesen. „Gott habe Gnade mit ihm, weil wir keine haben können.“

Urteilsspruch schon heute?

Wenn wie geplant am Mittwoch das Urteil gesprochen werden sollte, dann wird Mischa Müller das irgendwann im Laufe des Tages aus dem Radio, im Internet oder am Abend in den Nachrichten erfahren. Er ist weit davon entfernt, dem Richterspruch entgegenzufiebern. „Mehr als den Prozess habe ich die Bergung der Costa und den spektakulären Abtransport verfolgt“, sagt Müller. Er hoffe, dass der Kapitän seine gerechte Strafe erfährt. Über das geforderte Strafmaß mag Müller nicht spekulieren: „Mir steht nicht an, zu beurteilen, ob 26 Jahre gerecht sind, das ist nicht mein Thema.“

Er habe mit Schettino längst abgeschlossen. Rachegefühle hegt er nicht gegen den Mann. „Er war schon arrogant in dem Moment, als ich ihm bei der offiziellen Begrüßung auf dem Schiff begegnete. Da war mir klar, was das für ein Kerl ist.“ Und der Eindruck habe sich später in den Monaten nach der Tragödie bestätigt. „Ein überheblicher Typ, sogar nach allem, was er möglicherweise getan hat.“ Oder auch nicht. „Der Kapitän geht als letzter von Bord. Davon war Herr Schettino weit entfernt. Sich einfach so aus dem Staub zu machen, das war nur feige. Das geht gar nicht.“

Die Anklage sieht das ähnlich: „Schettino hat schamlos und wiederholt gelogen. Er hat seine Verantwortung auf andere abgewälzt“, erklärte Staatsanwältin Navarro. Anstatt sich während des Prozesses zurückzuhalten, habe er „großzügig Interviews gegeben, um seine falsche Version der Geschehnisse wiederzugeben“. Er habe das Kreuzfahrtschiff aus „nichtigen Gründen“ zu nah an die Insel gesteuert.

Die Verteidigung zeigte sich „sehr überrascht“ von der Forderung. 26 Jahre seien fast lebenslang, sagte Anwalt Donato Laino. Sein Mandant hatte im Laufe des Prozesses zugegeben, Fehler gemacht zu haben, jedoch auch seine Crew beschuldigt. Vier Crewmitglieder und ein Manager der Reederei hatten sich mit dem Gericht gegen Schuldeingeständnisse auf Haftstrafen bis zu knapp drei Jahren geeinigt. Wird Schettino verurteilt, bleibt dem Ex-Kapitän noch die Berufung. Dann könnte er bis zu einem endgültigen Urteil auf freiem Fuß bleiben.

Mischa Müller wird das, was im Gerichtssaal in der Toscana geschieht, zur Kenntnis nehmen. Und damit hat es sich. Mit dem Veranstalter der Reise haben sich die Müllers auf eine Entschädigungszahlung geeinigt, einer Sammelklage – wie sie etwa von Überlebenden der Katastrophe in den USA angestrengt wurde – wollte man sich nicht anschließen.

Er wolle sich noch herzlich bedanken, sagt Müller, bei der Familie, bei Freunden, Bekannten, dem Arbeitgeber und den Arbeitskollegen, bei allen, die ihm und seiner Frau in den zurückliegenden Jahren zur Seite gestanden hätten. „Menschen, die zu einem stehen.“ Ein gutes Schlusswort, findet Müller. Es sei jetzt auch alles gesagt.

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