Conterganopfer: „Grünenthal muss zahlen”

Von: dpa
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Fast 50 Jahre nach dem Skandal um das Arzneimittel Contergan verlangen die Opfer von der Hersteller-Firma Grünenthal Entschädigung und Hilfe. Die vor zwei Jahren gezahlte Sonderzahlung von 50 Millionen Euro habe Grünenthal immer als ersten Schritt bezeichnet, stellte der Verband am Dienstag (11.10.2011) in Aachen fest. Danach habe es nur noch leere Absichtserklärungen gegeben. Foto: dpa

Aachen. Fast 50 Jahre nach dem Skandal um das Arzneimittel Contergan verlangen die Opfer von der Hersteller-Firma Grünenthal Entschädigung und Hilfe.

Die vor zwei Jahren gezahlte Sonderzahlung von 50 Millionen Euro habe Grünenthal immer als ersten Schritt bezeichnet, stellte der Verband am Dienstag in Aachen fest. Danach habe es nur noch leere Absichtserklärungen gegeben.

„Der von Grünenthal immer wieder zitierte Dialog mit den Betroffenen ist eine Farce”, sagte Verbandsvorsitzende Margit Hudelmaier. Das Unternehmen sei moralisch in der Pflicht, die Opfer brauchten Hilfe. Durch ständige Fehlbelastungen seien viele Betroffene, die um die 50 Jahre alt sind, in einem Gesundheitszustand von 75-Jährigen.

Grünenthal hatte das Schlafmittel am 27. November 1961 vom Markt genommen. In Deutschland waren durch Contergan 5000 Kinder mit Missbildungen zur Welt gekommen. Grünenthal hatte nach der Katastrophe 51 Millionen Euro in eine Stiftung eingezahlt. Auch die Sonderzahlung floss ins Stiftungskapital.

Für die 2700 noch lebenden Opfer spitze sich die Situation zu, sagte die Verbandsvorsitzende Margit Hudelmeier. Noch mehr als früher seien sie durch die Überbelastung von Sehnen und Skelett auf Hilfe angewiesen. „Wir bekommen nur finanziert, was satt und sauber macht, aber nicht zu mehr Lebensqualität führt”, sagte die Vorsitzende, die mit zwei kurzen Armen zur Welt kam.

Der Contergan-Opferverband fordert von Grünenthal 100.000 Euro pro Opfer für „die erlittenen Lebenseinbußen” und konkrete Hilfen zur Bewältigung des Alltags. Ein wichtiges Thema sei die sehr teure Ausstattung von Autos mit einer Fußlenkung. Wohnungen müssten umgebaut werden, wenn die bisher pflegenden Eltern sterben.

Grünenthal hatte im Sommer nach eigenen Angaben in einer „Härtefallregelung” mit der Unterstützung schwerst geschädigter Opfer begonnen. Demnach übernimmt das Unternehmen Kosten für Sachleistungen, die die Sozialkassen nicht tragen. „Die Härtefallregelung wird rege angenommen”, sagte eine Sprecherin, ohne konkrete Zahlen zu nennen.

Marktrücknahme im Arzneimittelrecht

Bei dem Skandal um das Arzneimittel Contergan gab es nur ein unzureichendes Arzneimittelgesetz. Es regelte im Wesentlichen, wer Arzneimittel herstellen durfte. Erst das sehr viel ausführlichere Arzneimittelgesetz von 1978 regelt auch die Marktrücknahme von Medikamenten.

Das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) sammelt Meldungen über mögliche Nebenwirkungen. Bei einem ungünstigen Nutzen-Risiko-Verhältnis schlägt das Bundesinstitut dem Hersteller Sicherheitsmaßnahmen zur Nachbesserung vor. Im ungünstigsten Fall verschwindet das Medikament durch die Rücknahme der Zulassung ganz vom Markt.

Die Bundesoberbehörde wird schon bei Hinweisen auf die Möglichkeit von Risiken aktiv und prüft nicht erst bei ganz konkretem Risikoverdacht. Ein Bundesland kann den Rückruf solcher Arzneimittel anordnen und die Arzneimittel sicherstellen. Bei Gefahr in Verzug ist die Landesbehörde verpflichtet, die zur Gefahrenabwehr notwendigen Maßnahmen zu treffen, hin bis zur vorübergehenden Schließung des Produktionsbetriebs.

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