Contergan-Skandal: Vor 50 Jahren wurde Anklage erhoben

Von: Claudia Schweda
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Die Titelseite der AVZ vom 15. März 1967: Die Aufmerksamkeit war sehr groß, als die Staatsanwälte die Erhebung der Anklage im Contergan-Skandal verkündeten. Rechts ist der Leiter des Sonderdezernats, Josef Havertz, vor den unzähligen Contergan-Akten zu sehen. Foto: Jaspers
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War als junger Staatsanwalt Mit-Ankläger im Contergan-Prozess: Hans Helmut Günter. Foto: Schweda
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Die Anklageschrift, die am Montag vor 50 Jahren vorgelegt wurde, bewahrt er wie viele andere Dokumente zu diesem Themenkomplex zu Hause auf. Foto: Schweda

Aachen. Vor 50 Jahren hat sich in einem gewöhnlichen Büro der Aachener Staatsanwaltschaft etwas ereignet, das weltweit beachtet wurde: die Erhebung der Anklage im Conterganskandal am 13. März 1967. Sechs Jahre lang hatte ein Sonderdezernat ermittelt.

Nun stand Staatsanwalt Josef Havertz vor einem Regal mit 250 Aktenordnern in seinem Büro. Sie alle waren voll mit Geschichten von Tausenden Menschen, die im Mutterleib durch den Conterganwirkstoff Thalidomid geschädigt worden oder deren Extremitäten durch die Einnahme des Schlafmittels für immer kribbelten oder taub geworden waren.

Hans Helmut Günter (82) ist der letzte Zeitzeuge dieser Ermittlungen. Er arbeitete als junger Staatsanwalt nur wenige Büros neben Havertz und wurde ein Jahr später einer der drei Ankläger im Prozess. „Das war eine Mammut-Ermittlung“, sagt er heute. Hunderte Anzeigen wegen Contergan lagen vor. Neun Verantwortliche der Herstellerfirma Chemie Grünen­thal in Stolberg wollte Havertz mit der Anklage vor Gericht bringen, darunter den geschäftsführenden Gesellschafter Hermann Wirtz.

1000 Zeugen, 150 Wissenschaftler

Havertz warf ihnen zunächst fahrlässige, später vorsätzliche Körperverletzung vor, in Bezug auf die Missbildungen teils mit Todesfolge. Havertz war sich sicher, im Prozess das beweisen zu können, was von Grünenthal während der Ermittlungen und auch im Prozess später immer bestritten wurde: dass es einen Kausalzusammenhang zwischen Thalidomid und den Schädigungen gibt, und dass Grünenthal auf Warnsignale früher hätte reagieren können und müssen. Der Staatsanwalt beschuldigte die Angeklagten zudem, gegen das Arzneimittelgesetz verstoßen zu haben, indem sie vorsätzlich Contergan unter irreführenden Angaben verkauft hätten. Die Zahl der Betroffenen wurde damals auf 5000 geschätzt. Am Ende waren es allein rund 10.000 geschädigte Kinder.

Während der Ermittlungen wurden 1000 Zeugen und 150 Wissenschaftler aus der ganzen Welt vernommen. Für die medizinischen Gutachten wurde ein unglaublicher Aufwand betrieben: Günter erinnert sich, dass im Laufe der Ermittlungen Versuche an schwangeren Tieren vorgenommen wurden, die die schädigende Wirkung von Contergan bewiesen.

Dass solche Versuche nicht von Grünen­thal selbst vor der Registrierung des Schlafmittels gemacht worden waren, konnte kein Ermittler dem Pharmazieunternehmen vorwerfen: „Die pharmakologische Prüfung eines Medikamentes war damals mehr als lückenhaft“, erinnert sich Günter. Ein Arzneimittelrecht mit der Pflicht zu aufwendigen Medikamententests vor der Zulassung auch an menschlichen Probanden, wie wir es heute kennen, ist erst in der Folge des Conterganprozesses entstanden.

Die Ermittlungen sorgten für Aufsehen. Ein renommiertes Unternehmen und eine angesehene Stolberger Unternehmerfamilie standen im Fokus. Nach anonymen Hinweisen kam es Ende 1962 zu einer Durchsuchung von Privaträumen. Die Suche nach Aktenverstecken wurde als skandalös empfunden. Doch die Ermittler fanden Dinge, die ihnen bislang nicht ausgehändigt worden waren: Papiere in Zusammenhang mit Thalidomid.

Günter hat heute noch ein Dokument des Fleißes in seinem Regal stehen, das alle Ermittlungsergebnisse in eine chronologische Reihenfolge bringt. Darin wird augenfällig aufgelistet, worüber Grünenthal wann informiert war, und mit welcher Strategie das Unternehmen auf der anderen Seite Contergan vermarktet hat. Den Mann, der diese akribische Arbeit geleistet hat, hat der Staatsanwalt nie vergessen: „der Kriminalbeamte Jupp Kaiser. Sensationell“, sagt Günter. Man habe ihn vor das Regal mit den 250 Aktenordnern stellen und nach einem speziellen Dokument fragen können. Jupp Kaiser habe es auf Anhieb gefunden.

Die akribische Chronologie

In Kaisers Chronologie finden sich spätestens seit Ende 1959 – zwei Jahre nach Einführung von Contergan – gehäufte Hinweise von Ärzten auf Nebenwirkungen, während es gleichzeitig noch als „gefahrloses Medikament“ beworben wurde. Und während im November 1960 ein Apotheker fragte, ob Schäden beim Kind bekannt seien, wenn die Mutter während der Schwangerschaft Contergan eingenommen habe, führten die Grünenthal-Verantwortlichen gleichzeitig in den Ministerien Gespräche; Thema: „Sicherung des rezeptfreien Verkaufs von C.“ Im November 1961 wurde Contergan aus dem Handel genommen. Kurz darauf ging die erste Anzeige gegen Grünenthal ein.

Zum Ende des Ermittlungsverfahrens, 1966, geschah Kurioses: Der Verteidiger von Hermann Wirtz, Josef Neuberger (SPD), wurde Justizminister von NRW. Günter erinnert sich noch, wie irritiert der ermittelnde Staatsanwalt Havertz über dieses Ereignis war. Sein größter Widersacher im Conterganfall war über Nacht sein oberster Dienstherr geworden. „Das hatte schon ein Geschmäckle“, sagt Günter. Doch der Minister gab das Thema an seinen Staatssekretär ab. Beobachter werteten die Anklageerhebung kurz nach der Amtsübernahme Neubergers als Beweis dafür, dass es keine unzulässige Beeinflussung aus dem Ministerium gegeben hat.

Die Anklage umfasste am Ende 972 Seiten in zwei Bänden. 32 Sachverständige und 352 Zeugen waren benannt, Einzelfälle von 50 Kindern und 60 Erwachsenen erfasst. Das Ausmaß des Aktenberges in Havertz‘ Zimmer deutete auf die zu erwartende Dauer eines der größten deutschen Strafverfahren hin. Es musste außerhalb des Aachener Landgerichts stattfinden, weil dort kein Gerichtssaal auch nur annähernd groß genug gewesen wäre.

Im Mai 1968 begann der Prozess im Casino der Grube Anna in Alsdorf. Doch nachdem vier der neun Angeklagten krank geworden und nur noch fünf verhandlungsfähig waren, befürchtete die Staatsanwaltschaft, dass der Prozess platzen würde. Sie handelte mit dem Unternehmen die Konditionen für die Einstellung des Verfahrens aus. Am 18. Dezember 1970 wurde das Verfahren eingestellt. Im Einstellungsbeschluss macht das Gericht den Angeklagten den „Vorwurf fahrlässigen strafbaren Verhaltens“. Grünen­thal zahlte 100 Millionen Mark plus Zinsen, die zusammen mit derselben Summe aus dem Bundeshaushalt eine Contergan­stiftung bildeten, die monatliche Renten an die Geschädigten leistete. 1997 war dieser Kapitalstock aufgebraucht. Seitdem wurde die Rente aus Steuern gezahlt. 2009 wurde das Stiftungskapital aufgestockt: Erneut brachten die Bundesregierung und Grünenthal jeweils 50 Millionen Euro ein.

Die Anklageerhebung sollte der juristischen Aufarbeitung eines pharmazeutischen Desasters und einer menschlichen Tragödie dienen. Sie tat es nicht. Die Folgen der Contergan-Katastrophe beschäftigen die Gerichte bis heute. Oft geht es um die Weigerung der Conterganstiftung, Hilfen für den Alltag zu finanzieren. Die Situation der Opfer 50 Jahre später hatte der junge Staatsanwalt Hans Helmut Günter damals nicht im Blick. „Das hatte wohl niemand“, sagt er. „Wir waren konfrontiert mit einem Ereignis katastrophalen Ausmaßes.

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