Düsseldorf - Contergan-Skandal: Starke Firma, schwacher Staat

Contergan-Skandal: Starke Firma, schwacher Staat

Von: Johannes Nitschmann
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Eine unabhängige Studie hat die Rolle des Landes NRW im Rahmen des Contergan-Skandals aus den 1960ern noch einmal untersucht. Foto: Stefan Puchner/dpa

Düsseldorf. Fast 55 Jahre nach Aufdeckung des Contergan-Skandals hat die NRW-Landesregierung eine historische Aufarbeitung zur damaligen Haltung des Landes und der umstrittenen Rolle seiner Gesundheits- und Justizbehörden vorgelegt.

Der Umgang der Verwaltung mit Contergan sei ebenso „verheerend“ gewesen wie die damaligen Rahmenbedingungen für die Medikamenten-Zulassung, erklärte NRW-Gesundheitsministerin Barbara Steffens (Grüne) am Freitag in Düsseldorf.

„So wie die Behörden damals aufgestellt waren, waren sie nicht imstande auf die katastrophalen Folgen von Contergan zu reagieren.“ Das Unternehmen habe die größeren Personal- und Finanzressourcen gehabt. „Es war ein Kampf David gegen Goliath.“

Zugleich betonte Steffens, dass die Aachener Herstellerfirma Grünenthal, die damals noch ihren Sitz in Stolberg hatte, vielen Menschen großes Leid hätte ersparen können, wenn das ursprünglich rezeptfreie Contergan nach den zahlreichen Hinweisen auf schädliche Nebenwirkungen früher vom Markt genommen worden wäre. Gleichzeitig hätte sie sich aber auch „mehr Mut“ von Seiten der staatlichen Behörden gegenüber dem Medikamenten-Hersteller gewünscht.

Dabei sei ihr bewusst, „dass heutiges Wissen und heutige Eingriffsmöglichkeiten nicht auf die damalige Zeit übertragen werden können“, sagte die Ministerin. Aufgrund der damaligen Rechtsnormen könnten dem Land keine Rechtsverstöße bei der Contergan-Katstrophe angelastet werden.

Die 690-seitige Studie „Die Haltung des Landes Nordrhein-Westfalen zum Contergan-Skandal und den Folgen“ kommt zu dem Ergebnis, dass es den Landesbehörden „massive Schwierigkeiten“ bereitet habe, die Wirkung von Contergan zu klären, die Zahl der Betroffenen festzustellen und das Schlafmittel mit dem Wirkstoff Thalidomid letztlich verbieten zu lassen.

Geschädigte und Hilfesuchende seien bei den Gesundheitsbehörden seinerzeit auf „eine Abwehrhaltung“ gestoßen. Eine Aufklärung der Bevölkerung sei damals nicht erfolgt. Die staatlichen Hilfsmaßnahmen hätten sich vielfach als unzureichend erwiesen. Erst sechs Tage vor der Marktrücknahme von Contergan im Jahre 1961 hätten die obersten Gesundheitsbehörden von dem Verdacht auf embryonale Schäden bei Schwangeren erfahren.

Ebenso weist die Studie darauf hin, dass bis in die 1960er Jahre hinein, ein „unkritisches Verhalten“ zu Medikamenten in der bundesdeutschen Gesellschaft vorherrschend gewesen sei. Als in Fachkreisen erste schwere Nebenwirkungen von Contergan wie etwa Nervenschädigungen beobachtet worden seien, habe der Hersteller mit „gezielter Desinformation und Verzögerungstaktiken“ versucht, das Schlafmittel als Verkaufsschlager am Markt zu halten. Dabei habe Grünenthal mit hohen Schadenersatzforderungen gegenüber dem Staat gedroht. Zudem sei die staatliche Arzneimittelaufsicht von einem „passiven Amtsverständnis“ geprägt gewesen.

Der Autor der historischen Contergan-Studie, Niklas Lenhard-Schramm, erklärte, die „strukturelle Unterlegenheit“ aller Behörden gegenüber der Firma Grünen­thal sei bei Auswertung der mehr als 3000 Aktenbände „erdrückend deutlich“ geworden. Der Medikamenten-Hersteller habe „erheblich schneller größere Ressourcen mobilisieren“ können als staatliche Stellen. Dies sei beispielsweise bei der Verpflichtung kostspieliger Experten, Gutachter und Anwälte der Fall gewesen. In dem späteren Strafverfahren habe die Stolberger Firma „die absolute Elite der deutschen Strafverteidiger“ engagiert und Presse-Kampagnen inszeniert. Kritischen Beamten sei Grünen­thal umgehend mit Dienstaufsichtsbeschwerden und Schadenersatzdrohungen entgegengetreten.

Steffens kündigte an, sie werde die Contergan-Geschädigten und ihre Angehörigen am 22. Juni dieses Jahres in die Düsseldorfer Messehalle einladen, um ihnen die Ergebnisse der historischen Studie vorzustellen und diese mit ihnen zu diskutieren.

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