Contergan-Opfer brauchen mehr als 100 Millionen

Von: Claudia Schweda
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Aachen. Die 100 Millionen Euro, die in jährlichen Sonderzahlungen 25 Jahre lang an Contergan-Opfer ausgezahlt werden sollen, reichen nach Einschätzung von Gutachtern nicht aus.

Sie zeigten sich in einer Bundestagsanhörung zur Änderung des Contergan-Stiftungsgesetzes davon überzeugt, dass der Bedarf der Geschädigten angesichts der Folgeschäden höher ist und auch über das Jahr 2034 hinaus noch bestehen wird. Nächste Woche soll das geänderte Gesetz im Bundestag beschlossen werden.

Im Juli ist dann die Überweisung der zugesagten 50 Millionen Euro durch das Pharmaunternehmen Grünenthal vorgesehen. Die übrigen 50 Millionen sind bereits im Stiftungsstock. Die erste Zahlung von im Schnitt etwa 2500 Euro für jeden Betroffenen soll noch in diesem Jahr erfolgen. Speziell auf ihren Wunsch sind viele Änderungen am Gesetzentwurf vorgenommen worden.

Darunter auch die Verkürzung der Auszahlungszeit von 35 auf 25 Jahre. Die Contergan-Stiftung wird sich mit der geplanten Gesetzesänderung stark ändern: Im Stiftungsrat sitzen künftig zwei statt einem Betroffenem, die in einer Art Ur-Wahl unter allen noch lebenden 2800 Geschädigten bestimmt werden. In den Vorstand wird erstmals einer von ihnen berufen - und hat dort Stimmrecht.

Zudem dient die Stiftung nicht mehr allen Behinderten, sondern tatsächlich nur noch denen, die ihr auch den Namen gegeben haben. Der Stiftungsstock von künftig 100 Millionen Euro wird in 25 Jahren aufgebraucht. Die Verwaltung wird aus Steuermitteln gezahlt, die Frist für neue Anträge auf Contergan-Entschädigungsleistungen, die 1983 ausgelaufen war, wird komplett aufgehoben, und die Contergan-Rente, die im vorigen Jahr auf maximal 1080 Euro verdoppelt wurde, wird an mögliche Steigerungen der gesetzlichen Altersrente angepasst.

„Wir haben sehr viel aus der Anhörung der Betroffenen und der Sachverständigen im Gesetzgebungsverfahren aufgenommen”, sagt Antje Blumenthal, Contergan-Expertin der CDU/CSU-Fraktion. Trotzdem wissen sie und ihre SPD-Kollegin Marlene Rupprecht, dass einige Wünsche unerfüllt bleiben, wenn die Fraktionen nächsten Donnerstag abstimmen.

Die Folgeschäden etwa bleiben bei der Berücksichtigung der Renten- und Entschädigungsleistungen weiterhin ausgeschlossen. Der Orthopäde Klaus M. Peters bemängelt das. In seinem Gutachten hatte er gestaffelte Entschädigungsleistungen in Abhängigkeit davon gefordert.

Die Politik setzt auf ein noch 2009 startendes Forschungspro- jekt, das genau abgrenzen soll, wel- che Gelenkschäden Contergan-spezifisch sind und welche zum normalen Alterungsprozess gehören. Zusätzlich soll der besondere Pflegebedarf im Alter - etwa für Contergan-Opfer mit Alzheimer - bestimmt werden. Peters: „Wenn die Ergebnisse dieser Studie vorliegen, geht die Diskussion um den tatsächlichen Bedarf der Contergangeschädigten erst richtig los.” Die Politik weiß, dass sie kommen wird. „In der nächsten Legislaturperiode.” Und Blumenthal ergänzt: „Wenn die 100 Millionen aufgebraucht sind, stehen wir vor einer neuen Entscheidung.”
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