„Containern“: Menü mit Obst und Gemüse aus dem Müll

Von: Lee Beck
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Kopfüber in den Müll: Beim Containern darf man nicht zimperlich sein. Foto: Lee Beck
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Stöbern in Müllcontainern nach weggeworfenen Lebensmitteln: In Maastricht ist daraus eine Untergrundaktion entstanden, bei der Studenten nicht nur für sich sondern auch für Bedürftige kochen. Foto: Lee Beck

Maastricht. Wer an einen Jackpot denkt, hat einen Lottogewinn im Kopf. Nicht so Mike (Name von de Redaktion geändert). Der Student wühlt in einer Mülltonne eines Supermarktes irgendwo im niederländischen Maastricht. Es ist kurz nach Mitternacht. Er zieht im Schein der Taschenlampe eine Packung Erdbeeren zwischen buntem Plastikmüll und zerquetschten Melonen hervor.

„Jackpot!“, ruft er und reicht sie Laura durch den Zaun. Die roten Früchte haben keine Dellen, keine Katschen, sind prall, leuchten rot. 2,30 Euro haben sie mal gekostet. Sie könnten direkt aus einer hochwertigen Ladentheke stammen, – so wie vieles in diesem Container – liegen aber im Abfall.

Für Mike ist das unerträglich. Der 20-Jährige ist wie ein moderner Robin Hood, dem nicht nur Gerechtigkeit, sondern auch Nachhaltigkeit am Herzen liegt. Einmal die Woche gehen er und seine Mitstudenten „Mülltauchen“ und finden auf diese Weise viele genießbare Lebensmittel.

Damit bekochen sie aber nicht nur sich selbst sondern auch rund 100 andere, größtenteils bedürftige Menschen – kostenlos. Gerade bei der jüngeren Generation ist Essensverschwendung ein großes Thema. Studenten, Rentner und auch Obdachlose schließen sich dem Abfall-Menü an.

„Es ist wirklich Wahnsinn, wie viel und was man alles mit Abfall kochen kann“, sagt Mike. Das Abendessen fällt nie klein aus, drei Gänge hat es immer. Weggeworfen wird in den niederländischen Supermärkten genug. Der Gestank an der Mülltonne ist zwar erträglich, dennoch ekelhaft. Mike und Laura haben sich bereits daran gewöhnt. „Man muss sich schon die Hände dreckig machen“, sagt er.

Beide tragen alte, schwarze Klamotten – auch, damit sie im Dunkeln nicht so leicht auffallen. Denn natürlich ist Abfallklauen illegal. Das Wühlen durch die Müllcontainer der Supermärkte, bei Insidern containern genannt, bringt erstaunlich viel zutage. So haben Laura und Mike neulich mehr als 20 Kuchen gefunden und zahlreiche Tafeln Schokolade.

„Da ist immer genug“, sagt Mike, während er eine ganze Kiste Kartoffeln aus dem Container zieht. Er findet sogar noch frisch verpackte, geschälte Kartoffeln. „Wow“, sagt Laura, als sie die Packungen entgegennimmt und auf die Rückseite schaut. „Das Mindesthaltbarkeitsdatum ist erst morgen!“, sagt sie und verstaut sie in den Tüten auf der anderen Seite des Zauns.

Viele Supermärkte nehmen Essen bereits vor dem Ablauf des Mindesthaltbarkeitsdatums aus den Regalen und entsorgen es. Denn die Kunden kaufen lieber Produkte, die noch länger haltbar sind. Über Erdbeeren im Müll sagt ein Sprecher einer großen deutschen Supermarktkette: „Gerade Schimmel wird oft unterschätzt: Bei Obst mit einem hohen Flüssigkeitsanteil wie Erdbeeren bilden sich bedenkliche Schimmelsporen auch schon, obwohl man von außen keine Schimmelbildung wahrnehmen kann“. In solchen Fällen seien Händler auch aus juristischen Gründen gezwungen, nicht nur einzelne Erdbeeren auszusortieren, sondern die gesamte Schale.

Lebensmittelabfall, damit sind frische Sachen gemeint, die in der Mülltonne landen, nicht solche, die nach dem Mindesthaltbarkeitsdatum noch an Tafeln gegeben oder als Tierfutter verwendet werden. So definiert es die Europäische Kommission. Doch wie mit diesem Abfall umgegangen werden soll, schreibt die EU nicht vor. Laura und Mike kritisieren das.

Zwar gibt es in den Niederlanden wie in Deutschland Tafeln, die Lebensmittel an Menschen austeilen. „Voedselbanken“, Lebensmitteltafeln, heißen sie dort, weggeworfen wird dennoch. Nach Angaben von Voedselbanken Nederland, der Dachorganisation der Tafeln, wurden im vergangenen Jahr 1,8 Millionen Lebensmittelpakete an rund 94.000 Menschen ausgegeben. Das sind etwa sechs Prozent der Menschen, die in den Niederlanden in Armut leben. Und die Zahl steigt.

Um ein Paket mit Lebensmitteln zu bekommen, müssen die Bedürftigen weniger als 180 Euro monatlich für Ernährung und Kleidung zur Verfügung haben, teilt ein Sprecher mit. „Wir würden liebend gern mehr Menschen unterstützen, aber dafür bräuchten wir viel mehr Spenden“, berichtet er.

Vor etwa einem Jahr begann Mikes Aktion mit einigen wenigen Menschen. Die Neuigkeit von der Mischung aus kostenlosem Essen und der Gesellschaft Gleichgesinnter verbreitete sich wie ein Lauffeuer. Plötzlich kamen immer mehr Menschen. Um vier Uhr nachmittags beginnt Mike zu kochen, um acht Uhr gibt es Essen.

Rechtliche Grauzone

Hilfe bekommt er von zahlreichen Studenten. „Vor allem beim Containern wollen viele dabei sein“, sagt Mike. Der Nervenkitzel scheint sie zu reizen. Es ist eine rechtliche Grauzone, in der die Studenten handelt. Schließlich kocht er zwar nicht kommerziell mit den Mülltonnenlebensmitteln, dafür aber regelmäßig. Wer hätte gedacht, dass seine Untergrundaktion so populär wird? Er selbst nicht.

Aber er ist sich bewusst, dass es weder ganz legal noch ganz illegal ist. Er agiert in einer Grauzone. Deswegen verbreitet sich seine Aktion nur per Mund zu Mund Propaganda und in sozialen Medien – aber ohne Ort- und Kontaktabgabe. Wenn Mike Ärger bekommt oder auffliegt, müsste er die Aktion einstellen. Das wäre fatal für ihn, schließlich ist es seine Art des Protests.

Mike und Laura schauen sich in dieser Nacht immer wieder um. Containern ist illegal, vor allem, wenn man dafür über fremde Zäune steigt und private Grundstücke betritt. Einmal habe die Polizei vor einem umzäunten Parkplatz auf sie gewartet, da seien sie dann einfach ganz normal weitergelaufen. Die Polizei ist dann auch weggefahren. Nervös sind die beiden nicht. „Ob die Polizei mich nun fasst oder nicht, ich bin immer noch auf der moralisch richtigen Seite“, sagt Mike bestimmt, während er das knarzende Eisendach des Containers hochschiebt und den Müllberg mit der Taschenlampe beleuchtet.

Der Polizei in Maastricht ist das Containern nach Angaben von Sprecherin Remske Hamming noch nicht als großes Problem bewusst. Vielleicht sei es in der Region ein oder zwei Mal zu Anzeigen von Supermärkten gekommen. „Jedenfalls nicht so oft, dass es aufgefallen ist“, sagt Hamming. Über das Strafmaß konnte sie keine Aussagen machen, das entscheidet schließlich der Richter.

Mike interessiert sich für die Umwelt, für den Hunger auf der Welt, die Armut. Das klingt nach Weltverbesserer und Idealist, aber Mike redet nicht nur, sondern er ist durchaus pragmatisch. Mit lokalen Markthändlern hat er Abmachungen, damit sie ihm die für die Mülltonnen vorgesehenen Lebensmittel überlassen.

Er kennt viele Menschen, die containern. Für manche sei es die einzige Möglichkeit, sich mit frischen Lebensmitteln zu versorgen, sagt er. Mikes Anliegen ist jedoch weniger, Menschen mit Essen zu versorgen, als darauf aufmerksam zu machen, dass viel zu viel Essen weggeworfen wird. „Wenn man sieht, was wir da kochen, erkennt jeder, dass das Wegwerfen falsch ist“.

„Jetzt kommt der ekelhafte Teil vom Mülltauchen“, sagt Mike, als er sich mit beiden Händen am Rand des Containers abdrückt und in einen Haufen Bananen ohne Dellen, frische Möhren, Salate, Smoothies, Pilze, Basilikum und frische Bohnen plumpst – alles von guter Qualität.

In einer Nacht fahren Mike und Laura bis zu drei Supermärkte ab, die Ausbeute variiert zwar in Form und Art der Lebensmittel, nie aber in der Masse. Wenn sie nach dem nächtlichen Streifzug nach Hause kommen, stinkt das Essen, die Verpackungen kleben und sind verdreckt. Dann muss man sich sofort darum kümmern. Bis in die frühen Morgenstunden waschen Mike und Laura die Verpackungen in einer großen Schüssel mit Wasser und freuen sich über die Ausbeute. Am nächsten Tag wird dann gekocht.

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