Coldplay: Fünf Alben, fünf Verkaufsschlager

Von: Thorsten Karbach
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„Sobald die Musik da draußen
„Sobald die Musik da draußen in der Welt ist, gehört sie nicht mehr uns”: Chris Martin (links) und Jonny Buckland von Coldplay. Gerade hat die Band ihr neues Album „Mylo Xyloto” veröffentlicht. In Deutschland treten Coldplay am 15. Dezember in Köln, am 20. Dezember in Frankfurt und am 21. Dezember in Berlin auf. Alle drei Arena-Konzerte sind nach Angaben der Konzertagentur Lieberberg ausverkauft. Foto: Thomas Brill

Aachen. Der Coldplay-Virus grassiert - und die Bandkollegen haben Sänger Chris Martin Bettruhe verordnet. Seit Wochen schleppt sich die britische Popband mit einer hartnäckigen Erkältung durch Europa. Bassist Guy Berrymann hatte ihn angeschleppt.

Die Nase lief, die Augen tränten, doch das Coldplay-Leben war derart im Fluss, dass sich die Band nicht lahm legen lassen wollte. Weil der Coldplay-Virus auch im sprichwörtlichen Sinne grassiert.

Kaum mehr als eine Woche ist es her, da wurde das fünfte Studioalbum „Mylo Xyloto” der vier Musiker Martin, Berrymann, Will Champion und Jonny Buckland veröffentlicht. Es wurde alles andere als hymnisch besprochen, aber es wird euphorisch gekauft.

In allen (!) 35 i-Tunes-Shops (also digitalen Plattenläden von Apple) steht „Mylo Xyloto” auf Platz 1. Und genauso einmalig. Und kein Zufall, denn seit dem Sommer wird die Neugier an den neuen Songs der Band kontinuierlich angefacht. Zunächst wurden auf den großen Festivals wie Rock am Ring oder beim Pinkpop im benachbarten niederländischen Landgraf einzelne Songs vorgestellt.

Monate, bevor Details zum neuen Album bekannt wurden, wurde eine Singlepremiere im Radio inszeniert. Und seit mehr als einem Monat gibt die Band kleine, exklusive Konzerte - wie am Mittwochabend vor 1500 Fans im E-Werk in Köln.

Häppchenweise wird „Mylo Xyloto” schmackhaft gemacht. Das Kölner Konzert wurde in 28 Länder übertragen, davon in 18 live. Ein ähnlicher Gig in Paris wurde in 172 Länder gestreamt. Nichts erscheint zufällig, alles richtig. Denn die Verkaufszahlen widersprechen den Gesetzen des Marktes.

50 Millionen Alben hat Coldplay seit 2000 mittlerweile verkauft. Allein das vierte Album „Viva La Vida” wurde laut dpa 2008 zwölf Millionen Mal verkauft. Auf eine größere Zahl hat es in der Popbranche seitdem keine Band und kein Künstler mehr geschafft. Und bei ihrer Plattenfirma EMI sitzt Produktmanager Erik Jülicher und erzählt mit einem Ausrufezeichen, dass sich in Deutschland jedes Album besser verkauft habe als sein Vorgänger. Und das sei nun auch von „Mylo Xyloto” zu erwarten. Geht nicht, gibt es nicht. Und deswegen sagt EMI-Mann Jülicher: „Coldplay ist die größte Band der Neuzeit.”

Wo sind Ecken und Kanten?

Natürlich gibt es Kritiker, die die Ecken und Kanten an den vier Briten vermissen. Die diese höflichen, sozial engagierten (für Oxfam und Amnesty International) Herren zu nett finden. Die sich gerne mit ihnen streiten würden. Liam Gallagher, rüpelhafter Sänger der nun aufgelösten Band Oasis, gibt diesen Kritikern, wann immer es geht und gerne auch ungefragt, sein Gesicht.

Neulich hat er in einem Interview über den modernen Fußball sinniert. „Die Fußballer heute sind viel zu professionell - so Coldplay-mäßig”, sagt er darin mit einem Nasenrümpfen. In diesem einen Satz steckt mehr drin, als in den vielen Interviews, in denen Gallagher sonst wahlweise konkurrierende Bands oder seinen Bruder Noel beschimpft hat.

Gallagher sagt im Grunde nichts anderes, als dass in einer visualisierten, durchgestylten Hochglanzgesellschaft, die sich durch Sport, Kultur aber auch Wirtschaft und ins Private zieht, Coldplay den Zeitgeist verkörpert. Einen gemeinsamen Nenner für Millionen Menschen. In einer Zeit, in denen sich Fußballer wie Bastian Schweinsteiger, Manager wie der gerade verstorbene Steve Jobs, Prominente aller Genres inszenieren, ist Coldplay mit ihrer Musik, ihrem Auftreten, ihren Shows und ihrer gigantischen Marketingmaschinerie der Bandprototyp ihrer Zeit. Und sie vereinen und verbinden diese Welt voller Inszenierung. Zuletzt haben sie auf Wunsch Jobs auf dessen Beerdigung gespielt.

Man mag dies ächten wie Liam Gallagher, die Nase rümpfen und über die fehlenden Reibungspunkte klagen. Aber letztlich spricht der Erfolg für sich. Als die Karten für die anstehende Hallentournee auf den Markt kamen, waren sie auch schon wieder weg. In Antwerpen und Rotterdam dauerte es nicht einmal eine Stunde, bis die Veranstalter „ausverkauft” meldeten.

In Köln war nach einem Tag Vorverkauf das letzte Billet weg. Und schon bevor das erste Konzert über die Bühne geht (17. November, Manchester) wird im Hintergrund an einer gewaltigen Stadiontour 2012 gebastelt. So viele Leute können sich an Coldplay also nicht reiben...

Erik Jülicher weiß, warum das so ist. „Sie sind einfach nett und dabei sehr Fan nah und auf dem Boden geblieben”, sagt er. Champion freut sich etwa darauf, vor dem Konzert in Köln am 15. Dezember auf dem Weihnachtsmarkt Lebkuchen zu kaufen. Und wer einmal bei einem Coldplay-Konzert war, der hat diese Energie gespürt, mit der es die Band schafft, jeden einzelnen Besucher einzubeziehen.

Jeden irgendwie persönlich anzusprechen. Natürlich gibt es größere Rock´n´Roller, bessere Sänger, Gitarristen, Bassisten und Schlagzeuger, bessere Songs und bessere Kompositionen. Aber Coldplays Energie ist ansteckend - wie ein Virus eben. Und sie haben sich ihre Spielfreude bewahrt.

„Energetische Konzerte” nennt Jülicher das, was Millionen Menschen bereits erlebten. Insbesondere Sänger Martin hat ein unerhört einnehmbares Wesen. Der Veganer ist übrigens mit Hollywood-Star Gwyneth Paltrow, mit der er die Kinder Apple und Moses hat, verheiratet.

Und auch wenn man die Musik langweilig finden mag, die Konzerte sind es keinesfalls. Coldplay sind große Freunde der kleinen Überraschung. Bei einem Benefizkonzert begleiteten sie Richard Ashcroft bei dessen Hit „Bitter Sweet Symphony”, auf ihrer letzten Tour stand Schauspieler Simon Pegg regelmäßig mit auf der Bühne, in den USA teilte sich Martin mit Rap-Star Jay-Z bei „Lost” die Mikrophon, bei einem Weihnachtskonzert tauchte plötzlich Take-Thats Gary Barlow zum Duett auf und Mittwochabend in Köln hauchte Martin Amy Winehouses „Rehab” in einem Medley mit „Fix You” in die Runde. Und es passt.

Coldplay geben immer in ein stimmiges Bild ab. Erst recht seitdem Brian Eno, der schon U2 größer als groß machte, 2007 die Regie mitübernommen hat. Seitdem ist Coldplays Auftritt vom Gitarrenriff bis zum Sportschuh aus einem Guss. „Wir haben gelernt, das Musik mehr denn je einen visuellen Aspekt hat”, sagt Champion. Das Bild des Zeitgeistes eben. Die anstehende Tournee soll dabei neue Maßstäbe setzen.

Die größte Band der Neuzeit

Wie groß die größte Band der Neuzeit wirklich ist, beantwortet sie selbst. Neulich wurden Jonny Buckland und Will Champion gefragt, mit welchen Bands und Musikern sie gerne einmal auf einer Bühne stehen würden. Die Frage weckte das Kind in Jonny Buck-land, er lächelte fast selig und sagte: Die Beatles. Dann wirkte es, als würden ihm diese Worte gerade erst bewusst, als würden sie ein wundervolles Bild in Bucklands Kopf erzeugen, der in seiner Freizeit tatsächlich malt.

Fast demütig klang er dann und sagte: „Aber sie wären der Headliner. Wir würden zuerst auf die Bühne gehen.” Dazwischen würde Champion Tom Waits einbauen, diesen Singer-Songwriter mit der circensischen Verspieltheit. Sie mögen kommerziell erfolgreich sein, stilgebend wie die Beatles und Waits werden sie gewiss nicht mehr. Aber wer wird das heutzutage noch?

Coldplay aber verkörpern den Mainstream, wie es zumindest auch die Beatles getan haben. Und sie werden weiter an ihrem Erfolg basteln. Da kann sie auch ein Virus nicht aufhalten. Was hilft denn in diesen Tagen, wurden Champion und Buckland angesichts Martins Schnupfnase gefragt. Die schauten verschmitzt und sagten: „Noch mehr Promotion.” Erfolg kann so heilsam sein.

Das erste Album „Parachutes” erscheint am 10. Juli 2000. Coldplay begeistert mit reduziertem Indierock, 9 Millionen Alben werden weltweit verkauft. In Großbritannien landet das Album an der Spitze der Charts, in Deutschland dagegen zunächst nur auf Platz 54. Hier wird „Parachutes” mit der Single „Yellow” erst mit dem späteren Erfolg der Band entdeckt. Neben „Yellow” bleibt vor allem das melancholische „Trouble” im Ohr.


Der Nachfolger „A Rush Of Blood To The Head” wird am 26. August 2002 veröffentlicht und schlägt auch in Deutschland ein. Platz in den Albumcharts - wie natürlich auch in Großbritannien. 99 Wochen bleibt das Album in den deutschen Charts, 13 Millionen Exemplare werden weltweit verkauft. Bekannteste Songs sind „In My Place”, „The Scientist”, „Clocks” und „Good Put A Smile Upon Your Face”.

Mit „X&Y” landet Coldplay dann auch den lange herbeigesehnten Erfolg in der USA. Das Album, erschienen am 6. Juni 2005, landet in den US-Charts ebenso wie in Großbritannien und dem gesamten deutschsprachigen Raum auf Platz 1 und verkauft sich weltweit 11 Millionen Mal. Die berühmtesten Songs sind „Fix You”, „Talk”, „Speed Of Sound” und „The Hardest Part”.

„Vida La Vida” ist das erste Album, an dem Brian Eno mitwirkt. Coldplay wählt für die Inszenierung Motive der französischen Revolution. Das Konzept geht auf. Das Album erscheint nach langem Promo-Vorlauf am 12. Juni 2008 und wird weltweit 12 Millionen Mal verkauft. Und das in einer Zeit, in der die Verkäufe wegen (illegaler) Downloads einbrechen. Natürlich landet „Viva La Vida” in den USA, Großbritannien und Deutschland auf Platz 1 der Charts.

Am 21. Oktober wurde „Mylo Xyloto” veröffentlicht und startete durch - auf Platz 1 sämtlicher Charts. Die erste Single „Every Teardrop Is A Waterfall” feierte schon vor Monaten Radiopremiere. Aktuell läuft „Paradise”, zu beachten sind auf jeden Falls die Songs „Charlie Brown”, „Major Minus”, „Hurts Like Heaven” und die Ballade „Up In Flames”.

Und nun? Details über den Vertrag zwischen der Band und ihrer Plattenfirma und ihrem Label also mit Parlophone, Capitol Music und eben EMI sind nicht bekannt. Immer wieder hatte Sänger Chris Martin in der Vergangenheit spekuliert, wie lange es Coldplay noch geben würde. EMI-Produktmanager Erik Jülicher sagt: „Die Band würde eher gar kein Album veröffentlichen als ein schlechtes.”

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