AZ App

Circus Flic Flac: Wenn die Motoren in der Kugel aufheulen

Von: Sabine Rother
Letzte Aktualisierung:
11587087.jpg
„Air Track“, fliegende Körper, Turntalente, Männer mit Kraft und Eleganz: Das Team um Pawel Apostol Horbacz aus Polen sorgt für große Momente bei der Flic-Flac-Premiere in Aachen. Foto: Andreas Steindl

Aachen. Kein Glitzer, keine bunten Kostüme – aber was für eine Show. Mit seinem Programm „Höchststrafe“ zum 25-jährigen Bestehen beweist Flic Flac, wie perfekt er die klassischen Zirkus-Elemente mit modernem Zeitgeist verbindet. Was hier passiert, ist alles andere als ein virtuelles Abenteuer.

Menschen fliegen durch die Luft, schwingen sich auf zur Zeltkuppel in 13 Metern Höhe. Herzklopfen ist angesagt. Wenn nun doch etwas passiert? Nicht jeder Artist ist durch ein rettendes Seil gesichert.

Auf das berühmteste Flic-Flac-Highlight muss man bis zum Schluss warten: Die acht waghalsigen Männer um José Antonio Pinillo sorgen mit ihren Kopfüberfahrten im engen „Globe of Speed“, einer archaisch anmutenden Stahlkugel mit sechseinhalb Metern Durchmesser, für dauerhafte Gänsehaut. Wie verrückt gewordene Wespen kreisen sie mit ihren Motocross-Maschinen rundum und kopfüber durch die Kugel. Da darf es nicht den winzigsten Fahrfehler geben.

„Höchststrafe“, was soll das Motto? Man wird neugierig und staunt, wie konsequent, provokativ und schlüssig das Konzept der Gründer-Familie Kastein aufgeht. Die stilisierte Knastatmosphäre beginnt bereits bei den Ordnern, die Handschellen am dunkelblauen Vollzugsbeamten-Outfit tragen. Dann endlich marschieren die „Insassen“ in die Arena. Die maulende Häftlingstruppe entpuppt sich als glänzend trainiertes und motiviertes Artisten-Ensemble.

Nun geben die schwarzen Vorhänge den Eingang der Arena frei: ein Portal aus lauter Gitter-Einzelzellen, in denen Gefangene an den Stäben rütteln. Hoch oben residiert und lärmt die Altacraz Band mit Frontfrau Caro Kunde, die Temperament und „Röhre“ unter Beweis stellt. Geschickte Lichtregie sorgt dafür, dass szenisch atemberaubende Bewegungsabläufe verdichtet, bewegt und blitzschnell in glühende oder eisige Gefühlswelten getaucht werden.

Dem Publikum wird tüchtig eingeheizt. Unerwartet aufschießende Feuerfontänen schicken sehr reale Hitze auf die Gesichter. Männer wie Frauen tragen bei ihren Auftritten meist graue Gefängniskleidung. Die Frauen wirken damit sehr sexy, für die Männer bieten die gräulichen Unterhemden viel Raum für starke Muskeln. Da geht es höchst konzentriert zu beim Duo Makrushin und Tarasenko oder der Luftartistik von Air Track – sechs Männer aus Polen, die Sprungtechnik in großer Perfektion bieten. Schlag auf Schlag ein neuer Salto. Oder „Russian Swing“, eine massive Schaukel, die entfernt an die Schiffschaukel aus Kindertagen erinnert. Nur dass sich hier die Männer aus schwindelnder Höhe in ein Netz stürzen – das Bodenteam ist lebensrettend perfekt.

Dann wieder gibt es ruhige, romantische Momente, Einzelkünstler, wie den strahlenden Nicolai Kuntz der selbst am Schwungtrapez noch Charme versprüht und später gleich drei Diabolo-Kegel beherrscht. Oder die zarte, starke Ukrainerin Julia Galenchyk mit ihrer Kür im Luftnetz, anmutig und extrem riskant oder Irina Rizaeva, die im Käfig acht leuchtenden Gummibälle wie Feuerblitze herumsausen lässt, ohne getroffen zu werden. Auch Larissa Kastein, eine der Gründer-Töchter, zeigt, was sie kann – Akrobatik am Chinese Pole, erotisch, schön und unglaublich anstrengend.

Oder die Paare, die bei aller Akrobatik noch flirten, küssen oder streiten können – Dandino und Lucianda, die auf Rollschuhen den Zentrifugalkräften der Drehscheibe widerstehen, und das Duo Tukeiev mit zärtlicher Akrobatik, hoch oben, in Seile verstrickt. All das ist eingebettet in ein bisschen Knast-Handlung mit allerlei Ausbruchversuchen. Bei Flic Flac gibt es keinen Clown, der die Zuschauer zwischen den Nummern unterhält. Hier übernimmt das Hubertus Wawra, der „Master of Hellfire“: Irokesen-Haarschnitt, heftig sächselnd, ein Typ, der alle politisch unkorrekten Sprüche abräumt – ein Narr darf das. Nebenbei präsentiert er eine stilechte Feuerschlucker-Show und beschimpft das Publikum, das um so williger applaudiert – was für ein Zirkus.

Wenn man dann froh ist, dass die Motorradfahrer die Kugel überlebt haben, stockt den Zuschauern nochmals der Atem: Der Sprung über die Kugel auf eine Rampe am Arena-Portal, bei dem jeder Fahrer Stunts zeigt, gehört zu den Höchstleitungen bei „Höchststrafe“. Eine gelungene Premiere. Alle kommen nochmals in die Arena, heben die Arme – die Stahlkugel schwebt, Zirkus-Magie – bis zum 31. Januar in Aachen auf dem Bendplatz.

Leserkommentare

Leserkommentare (0)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.