Aachen - Circus Carl Busch: Wie zeitgemäß sind die Tiershows?

Circus Carl Busch: Wie zeitgemäß sind die Tiershows?

Von: Rebecca Brockmeier
Letzte Aktualisierung:
15234369.jpg
Tiere, Parkplatz, Reaktionen: Der Circus Carl Busch gastiert in Aachen. Das freut die einen, andere sind empört. Foto: Michael Jaspers
15234366.jpg
Tiere, Parkplatz, Reaktionen: Der Circus Carl Busch gastiert in Aachen. Das freut die einen, andere sind empört. Foto: Michael Jaspers

Aachen. Noch stehen Carla und Maschibi träge in ihrem Gehege in der schwülen Mittagshitze dieses bedeckten Spätsommertages. Zwischendurch gibt es ein Treffen mit den Dromedaren vom Nachbargehege am Zaun. Alle paar Stunden bekommen die Dickhäuter vom Pfleger eine kalte Dusche verpasst – auch den Elefanten ist an diesem drückenden Tag in Aachen heiß.

Ein Presslufthammer durchbricht gelegentlich die Geräuschkulisse aus Stimmengewirr und Hundegebell auf dem Bendplatz. Circus Carl Busch baut auf.

Schon Freitagabend wird die Szenerie eine andere sein. Dann wird das große Zelt stehen, dann werden 1402 Sitzplätze aufgebaut und die Manege eingestreut sein. Die 50 Jahre alte Carla wird vielleicht ein paar Sägespäne mit dem Rüssel nehmen und in die Luft werfen, wie sie es so gerne tut, und auch die halb so alte Maschibi wird dabei sein. Und Zirkusdirektor Manuel Wille wird dem Publikum die ganze Schönheit der Elefantendamen präsentieren, wie der 41-Jährige das formuliert. Nicht zu viel Show, Carla ist nicht gerade sportlich, sagt er. Und außerdem gibt es dazu ja noch 30 Artisten, Clowns eine Live­kapelle, Dromedare, Lamas, Alpacas, Pferde, Ponys und zehn Hunde.

Für die perfekte Show trainieren die Zirkusleute hart. „Wir bieten unserem Publikum jedes Jahr ein neues Programm“, erzählt Pressesprecher Sven Rindfleisch beim Gang über das Gelände. Die Medienvertreter dürfen sich alles ansehen, der Fotograf Fotos machen. „Wir haben nichts zu verbergen“, betont Manuel Wille, der die Zirkusleitung vor sieben Jahren nach dem Tod seines Vaters übernommen hatte. Er ist mit all den Tieren und dem Reisen groß geworden, ist überzeugt von dem, was er tut. Er will unterhalten, will den Zirkus mit neuartigen Programmen und modernen Kostümen von seinem verstaubten Image befreien.

Doch passen Elefanten noch in eine Manege, die modern sein will? Die Frage nach dem Tierwohl verfolgt Manuel Wille, egal in welcher Stadt er gastiert.

Zirkusse mit Tieren sind umstritten. Tiere – auch sogenannte Wildtiere wie Elefanten oder Tiger – für Shows zu dressieren und mit ihnen durch die Lande zu ziehen, ist aber trotz aller Kritik weiterhin völlig legal. In Deutschland gibt es kein bundesweites Verbot von Wildtieren in Zirkussen. Immer wieder haben Tierschützer und auch mehrere Bundesländer sich für ein solches Gesetz stark gemacht. Der Bundesrat hatte schließlich im März 2016 einen entsprechenden Beschluss gefasst. Ein Gesetz ist aber nicht erlassen worden.

„Unseren Tieren geht es gut“, sagt Zirkusdirektor Wille. Seine Familie führt den Zirkus in der dritten Generation. Willes Frau ist Akrobatin, die beiden Kinder sind auch schon in der Manege dabei. Nach eigenen Angaben ist es deutschlandweit der drittgrößte Zirkus, der mit Tieren reist. Die Vorwürfe von Tierschützern, die Tiere würden misshandelt und gequält, hätten weder Hand noch Fuß, sagt Wille. Ihn regt das auf. Dinge würden aufgebauscht und falsch dargestellt. Manche Aktivisten beschmierten zudem seine Wagen, rissen Plakate ab, verursachten wirtschaftlichen Schaden. Davor schütze ihn niemand.

Tierschützer werden auch am Freitag in Aachen dabei sein, wenn sich auf dem Bendplatz der Vorhang zum ersten Mal hebt. Mit Transparenten werden sie ihre Botschaft verbreiten. „Tiere gehören nicht in den Zirkus“, formuliert es Birgit Theißen-Kapust vom Aachener Tierschutzbündnis. Sie spricht gar von grausamen Erziehungsmethoden. Die Haltung auf engem Raum und die Transporte seien zudem alles andere als artgerecht.

Das weiß man wohl auch bei der Stadt Aachen. Trotzdem dürfen Zirkusse mit Tieren grundsätzlich auftreten. Wer die Auflagen des Veterinäramts erfüllt, könne seine Zelte aufschlagen, erklärt die Stadt auf Nachfrage. Und ohnehin sieht sich die Stadt nicht in der Verantwortung, sich dieses Themas anzunehmen: Für die einzigen beiden möglichen Orte in Aachen, an denen Zirkusse gastieren könnten, den Bendplatz und das Gelände vor der Eissporthalle, sei die Stadt nicht zuständig.

Der Bendplatz wird vom Euro­gress betrieben, einer Tochtergesellschaft der Stadt. Dort heißt es: Ist der Platz frei und der Kunde zahlungsfähig, bekommt er den Zuschlag. Die Möglichkeit eines Verbots bestehe nicht, sagt Geschäftsführerin Kristina Wulf auf Anfrage unsere Zeitung. Wer alle Auflagen erfülle, könne den Platz anmieten.

„Aachen kann sich nicht rühmen, eine Stadt des Tierschutzes zu sein“, beklagt ob dieser Tatsachen Ratsmitglied Horst Schnitzler (UWG). Es gebe höchstrichterliche Urteile, die der Stadt Rechtssicherheit geben würden, um diese Art von fahrenden Schaustellern zu verbieten, sagt Schnitzler weiter, der auch Mitglied beim Aachener Tierschutzbündnis ist. Doch es fehle am politischen Willen. Er kritisiert auch das Veterinäramt: Es führe seine Kontrollen nicht unangekündigt durch.

Andere Kommunen, die das Konzept Tierzirkus nicht unterstützen wollen, haben eigene Wege ersonnen, um den ungeliebten Gästen den Zutritt zu verwehren. Laut der Tierschutzorganisation Peta untersagen bundesweit mehr als 80 deutsche Städte Zirkussen mit Wildtieren Auftritte, darunter auch Aachens Nachbarstadt Würselen und Großstädte wie Köln und Düsseldorf.

Viele dieser Städte berufen sich auf das Ordnungsrecht und argumentieren mit der öffentlichen Sicherheit, die durch den Ausbruch von Tieren gefährdet werden könnte. Manche Kommunen stützen sich auf das Tierschutzgesetz, um die Standortgenehmigung zu verweigern. Immer wieder haben Zirkusse dagegen geklagt. Die Richter urteilten unterschiedlich. Nicht selten gaben sie den Klägern recht. Maßgeblich stützten sich die Gerichte dabei auf das Grundrecht der Freiheit der Berufsausübung, die durch ein Verbot eingeschränkt werde.

Die Stadt Düsseldorf sah sich bisher nicht mit Klagen konfrontiert. Die nordrhein-westfälische Landeshauptstadt hat im Oktober 2015 den politischen Beschluss gefasst, den Aufenthalt von Wildtierzirkussen auf städtischem Grund zu verbieten. Das Prinzip ist einfach: „Die Stadt nutzt die Möglichkeit, sich als Vermieter die Mieter auszusuchen“, erklärt Amtstierarzt Klaus Meyer.

Erhält ein Zirkus die Genehmigung, in einer Stadt zu gastieren, wird er vom Veterinäramt kontrolliert. Das für Aachen zuständige Amt ist bei der Städteregion angesiedelt. Anders als vom Aachener Tierschutzbündnis dargestellt, würde jeder Zirkus unangekündigt nach den Vorgaben des Tierschutzgesetzes überprüft, erklärt Pressesprecher Detlef Funken.

Das Prozedere: In einem bundesweiten Zirkusregister seien alle Zirkusse und die Auflagen aufgeführt, unter denen die Schausteller die Tiere halten dürften. Auch deren Anzahl und die Größe der Gehege seien erfasst. Die Genehmigung stelle die Behörde der Stadt aus, in der der Zirkus sein Winterquartier angemeldet habe. Verstöße gegen die Auflagen würden vom Veterinäramt geahndet, Missstände sofort behoben und im Register vermerkt.

Auch beim Veterinäramt sieht man Zirkusse mit Wildtieren kritisch: „Eine artgerechte Haltung werden sie dort nicht hinbekommen“, sagt Funken. Mit dem Finger auf Zirkusse zu zeigen, hält er aber für falsch: Dort würden nicht mehr Verstöße gegen das Tierschutzgesetz festgestellt als bei anderen Haltern.

Diese Erfahrung hat auch Sascha Koullen gemacht. Er ist Geschäftsführer der Eissporthalle an der Krefelderstraße. Bei ihm gastieren gelegentlich Zirkusse mit Kleintieren. Sie suchten oft händeringend nach einem Platz, an dem sie auftreten könnten, weil immer mehr Kommunen auch ihnen keine Genehmigung mehr erteilten. Der Druck wirke: Viele hätten ihre Tiere mittlerweile abgeschafft und ihr Programm umgestellt.

Für Manuel Wille kommt das nicht in Frage. „Ein Zirkus ohne Tiere ist kein Zirkus“, ist der 41-Jährige überzeugt. Nirgendwo sonst könne man Tiere so nah erleben, sie anfassen, sie kennenlernen. Das trage dazu bei, dass Menschen sich für deren Schutz einsetzten. Neue Elefanten werde es aber nicht mehr geben – sie zählen zu den gefährdeten Arten und dürfen nicht neu angeschafft werden. Bis dahin sind die beiden aber da. „Ich habe sie von meine Vater geerbt, ich kümmere mich um sie.“ Alle seine Mitarbeiter verbrächten jeden Tag mit den Tieren, seien Tierfreunde, keine Tierquäler. Er habe viel Geld investiert, um den Elefanten im Winterquartier des Zirkus‘ in Dürrwangen einen Wald anzulegen. Pferde bekämen ein Gnadenbrot.

Wille will sich nicht unterkriegen lassen: Die Besucher kämen nach wie vor. Wer einmal da gewesen sei, komme wieder. Am Freitag wird er seine rote Jacke überwerfen und mit Carla und Maschibi die Manege betreten. Wille ist vom Konzept Tierzirkus überzeugt: „Was mich am meisten begeistert ist, wenn die Besucher am Ende klatschen uns erzählen, wie sehr sie gelacht haben und wir sie in eine andere Welt entführt haben.“ Auch die Tierschützer werden da sein. Applaudieren werden sie nicht.

Leserkommentare

Leserkommentare (24)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert