„Circo Aquatico“: Wassershow mit trockenen Momenten

Von: Sabine Rother
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Eleganz, Kraft und Fantasie: Vioris Zoppis wirbelt beim Weihnachtszirkus „Aquatico“ inmitten der Fontänen eines großen Brunnens an Strappaten durch die Luft. Mit dieser Nummer ist er im kommenden Jahr zum Zirkusfestival Monte Carlo eingeladen. Foto: Dagmar Mayer-Roeger

Aachen. Kinderlachen, das durch die Arena schallt, Menschen, die willig einem Clown auf die Bühne nachlaufen, oder ein erwachsener Mann, der im Scheinwerferlicht ausprobiert, wie es ist, mit Wasser im Mund einen anderen zu treffen – der Aachener Weihnachtszirkus macht es möglich. Die rund 30 Artisten des „Circo Aquatico“ zeigen seit Dienstagabend in Aachen ihr Können.

Es gibt grandiose Highlights und spielerische Versuche, diese Inszenierung nautisch zu würzen. Das mit Spannung erwartete Becken, das 100.000 Liter Wasser fasst und zwei Drittel der Manege einnimmt, bleibt in der ersten halben Stunde allerdings unter einer Abdeckung verborgen. Stattdessen kommen sechs Aras und ein Kakadu ins Spiel. Sie nutzen die Nummer, um ein paar Runden durchs gesamte Zelt zu fliegen. Wassershow? Na ja, vielleicht liegt der See im Dschungel, wo die Aras zu Hause sind.

Die Dramaturgie der Show erschließt sich an diesem Punkt noch nicht. Die im Programmheft erwähnte „märchenhafte Geschichte“, die „Gut und Böse“ thematisiert, wird selbst im späteren Verlauf kaum zu erkennen sein. Clowns der unterschiedlichsten Ausprägung bevölkern die Manege, sorgen mit Aktionen im Publikum bei den einen für Begeisterung, bei den anderen für eingezogene Köpfe. Zirkus kann eben manchmal derb sein.

Ein Jetboot als Seepferdchen

Das Element Wasser bietet Spielraum für bunte Ideen, fantasievolle Lichteffekte und reizvolle Kombinationen mit kraftvollen Frauen- und Männerkörpern. Das bietet der „Circo Aquatico“. Später. Zunächst ist Warten angesagt. Es gibt die Einstimmung im Trockenen (oder soll man sich die Manege als Meeresboden denken?).

Die Amerikaner Konstantin Gvozdetsy und Victoria Biliaouer zelebrieren als „Funkoholics“ an einer senkrechten Stange in großer Höhe die Waagerechte und variieren immer wieder neu, was man aus dieser schwierigen Artistik zu kennen glaubt. Gleichfalls in der Luft arbeiten David Jones und Blaze Birge als „Duo Daring Jones“. Die beiden verwandeln das Bewusstsein, sich hundertprozentig auf den anderen verlassen zu können, in Spannungsmomente für die Zuschauer. Da geht schon mal ein „Oh“ durch die 1400 Plätze.

Für den weihnachtlichen Touch wurden ein paar Wesen hinzugedichtet, die prinzipiell eher wasserscheu sind: Weihnachtsmann im roten Mantel mit deftigen Elfen und Elferichen. Was bereits bei ihnen und auch im späteren Verlauf der Show auffällt, sind Kostüme, die aus einem alten Fundus zu stammen scheinen – nichts passt so richtig, die eng anliegenden, mürbe wirkenden Stücke werfen Ziehharmonika-Falten und schmeicheln den Trägern nicht.

Wo bei den Männern schon mal die Unterwäsche hochrutscht oder irgendwelche Tüchlein bis hin zu indonesisch wirkenden Dekorationselementen sinnfrei um die Taille gebunden sind, haben die Frauen wurstähnliche Tentakel (als Tintenfische) um die Hüften. Die Reißverschlüsse sind allesamt erneuerungsbedürftig. Falls das lustig sein soll, erschließt es sich nicht jedem. Allenfalls die wallenden Medusen (Quallen) bieten einen kurzen Lichtblick.

Endlich, endlich: Der Deckel hebt sich und die Brunnenfontänen schießen empor. Ein Diesel-Jetboot-Seepferdchen saust durch das Rund, während auf einer Wippe die Luftkünstlerinnen Shirley Saba und Elvane Zoppis ihre Posen halten. Tolle Leistung bei Tempo und sprühendem Wasser.

Die gelungene Lichtregie der Crew im Dunkeln veredelt selbst wackelige Planken und lenkt den Fokus immer wieder auf Schönes, etwa den jungen Vioris Zoppis (die Familie produziert die Show), der an langen Bändern (Strappaten) aus dem Nass in die Höhe fliegt, mühelos im Spagat landet und mit frechem Charme große Dynamik ausstrahlt.

Sehr sexy wickelt sich Sabine Zoppis schwebend ins Netz, eine elegante Meerjungfrau mit Strahlkraft. Abenteuerliches Turnen der „Havanna Troupe“ mit Salto-Garantie, klassische Jonglage mit Shirley Lizzi oder Kevin und Patrick Martis, zwei kräftige Männer, die bei der Premiere den körperlich schwersten Teil ihrer stillen Partnernummer wiederholen müssen und damit blitzschnell zu Publikumslieblingen werden. Jetzt versteht der Letzte, dass Zirkus Schwerstarbeit ist.

Bunt ist das Treiben der Clowns, unter denen der Belgier Bart Van Dyck hervorsticht, ein Komödiant mit besonderem Charakter, der bei sich und den Zuschauern an die Grenzen geht. Ein schmaler Mann, der sich in eine Tonne falten kann. Hat er überhaupt Knochen? Er beherrscht die Mischung aus Grusel und Spaß und fällt auf bei „Aquatico“, auch ohne Wasser.

Mit einem Kurzauftritt beehrt der Hai mit Nikolausmütze (bekannt vom Plakat) die Show. Er und seine massigen Pappmaché-Kollegen aus der Meerestiefe tapsen nur mal so bei den Übergängen herum. Die Bilanz: große Leistungen, gut gemeinte Dekorationen und viel Applaus für erschöpfte Künstler im schillernden Seifenblasenregen, der ein bisschen an Roncalli erinnert.

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