Aachen - CHIO Aachen 2010 boomt auch in der Finanzkrise

CHIO Aachen 2010 boomt auch in der Finanzkrise

Von: Manfred Kutsch
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Aufbau auch in luftiger Höhe: Das weiße Ladendorf des CHIO Aachen 2010 steht schon fast komplett. Insgesamt werden 20.000 Quadrameter Zeltflächen beim Weltfest des Pferdesports bewirtschaftet, darunter vier Restaurants und 160 Geschäfte von Ausstellern.

Aachen. Gedanken verloren wandert Frank Kemperman mit seinem Handy am Ohr nur knapp am Wassergraben vorbei. Doch gemach. Dem Vorstandsvorsitzenden des Aachen-Laurensberger Rennvereins (ALRV) droht kein Tritt ins kühle Nass. Der Graben ist noch mit Brettern abgedeckt.

Die Tribünen, darunter auch die 7000 neuen, taubenblauen Sitze der Net Aachen-Blöcke - gähnend leer. Die Hindernisse, in Einzelteilen vor der Haupttribüne deponiert.

Das ändert sich morgen in zwei Wochen - dann lassen 40.000 Zuschauer die Spannung brodeln, rückt die Reitarena in 30 Fernsehstunden ins Visier der deutschen Öffentlichkeit, doch nicht nur hierzulande. Rund 650 Millionen Menschen in mehr als 143 Ländern werden via TV auf den Parcours des größten Pferdesportevents rund um den Globus blicken.

Angela Merkel zur Eröffnung

„Not possible, not possible”, gestikuliert der Turnierdirektor im Gespräch mit dem polnischen Equipechef, der mit einem zusätzlichen Reiter zum CHIO 2010 kommen will. „Not possible?” Das gilt auch für die geplagte Protokoll-Abteilung des ALRV.

Der Bundespräsident als CHIOSchirmherr von Amts wegen ist derzeit abhanden gekommen. Die designierte NRW-Ministerpräsidentin wird für das Turnier - wenn überhaupt - zu spät gewählt. Immerhin ist auf Angela Merkel Verlass. Die kommt zur Eröffnungsfeier am 13. Juli. Im Gefolge: Bundesarbeitsministerin Ursula von der Leyen, die für ihre Reitsportverdienste gar das „Silberne Pferd” erhält. Schließlich reist auch Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg zum abschließenden Sonntag an.

Im Unterschied zum Wasser im Graben ist der Adrelaninspiegel bei den Verantwortlichen merklich gestiegen. Der Countdown zum CHIO 2010, der am 9. Juli mit den Voltigierwettbewerben beginnt und am 18. Juli mit dem Winken der weißen Taschentücher endet, läuft auf Hochtouren.

Das legendäre Gelände gleicht in diesen Tagen einer Mischung von Baustelle und Verladebahnhof. Lärm überall: Schläge der Hämmer, Kreischen der Sägen, Klappern der Leitern, Brummen der Gabelstapler. Laster karren 18000 Kilo Hafer, weitere 18000 Kilo Heu und 1500 Ballen Stroh heran.

Andere Lkw kamen direkt aus Madrid vom Champions League-Finale Inter Mailand gegen Bayern München, um den dort eingesetzten Gourmet-Tempel „Champion Circle” für den österreichischen Top-Caterer Doko in der Soers zu installieren.

„Insgesamt bauen wir mit 35 Leuten binnen fünf Wochen Zeltflächen von über 20000 Quadratmetern”, berichtet Uli Fischer von der Aachener Reitturnier GmbH (ART) - das entspricht etwa vier Fußballfeldern.

160 Aussteller präsentieren sich in der blütenweißen Ladenstadt, die von knapp 90 Prozent des Publikums besucht wird, das zu 70 Prozent aus Frauen besteht. Wobei fast jeder zweite Besucher dort Geld lässt, und zwar durchschnittlich 143 Euro, so eine Studie des Institutes der Sportsoziologie an der Sporthochschule Köln.

Der CHIO 2010 boomt auch in Zeiten der Finanzkrise: „Wir haben keinerlei Rückgänge. Im Gegenteil: Mit dem Reitsportzentrum Maydon in Dubai konnten wir neben Warsteiner, Rolex und Mercedes einen weiteren Generalsponsor gewinnen”, sagt CHIO-Vermarkter Michael Mronz.

Während das Sponsoring in anderen Sportarten wie etwa der Formel 1 rückläufig ist, sieht sich Mronz in seiner langjährigen Strategie bestätigt: „Jetzt bewährt sich, dass wir Leistung und Gegenleistung immer sehr offen und transparent kommuniziert haben.”

Knapp 600 Journalisten

Auch der Kartenvorverkauf läuft wie im Vorjahr - bislang gingen 190000 Tickets über den Tresen. „Abgesehen von Restkontingenten am Donnerstag mit dem Preis der Nationen und Sonntag mit dem Großen Preis gibt es an den übrigen Tagen noch Karten in jedweden Preiskategorien von sechs Euro Stehplatz bis zu 135 Euro auf der Mercedes Benz-Tribüne”, sagt ALRV-Sprecher Niels Knippertz. Das Dressurstadion ist freilich am letzten Sonntag bereits restlos ausverkauft.

Dies gilt auch für die Albert Vahle-Halle am ersten Samstag und Sonntag, wo sich die Voltigierer in ihrer aus ganz Deutschland angereisten jugendlichen Fanschar messen. Knapp 600 akkreditierte Journalisten aus aller Welt werden sich nicht nur für Pferde interessieren, sondern auch für deren prominente Fans.

Auch auch die „bunten” VIPs drängt es, über den roten ALRV-Teppich zu laufen - zur Media Night werden unter anderem Schauspieler Martin Krug, TV-Koch Horst Lichter, der unvermeidliche Roberto Blanco, das brasilianische Top-Modell Jana Ina Zarrella oder Air-Berlin-Chef Achim Hunold erwartet.

So herrscht bereits seit Wochen Großalarm im Büro der 26-jährigen ALRV-Protokollchefin Gina Klassen. 1400 Einladungen zur Media Night gingen durch ihre Hände, ferner 600 Top-VIP-Offerten, von denen 200 zugesagt haben. Natürlich „zwicken” die politischen Unklarheiten. Der Bundespräsident steht erst am 30. Juni fest.

Ob der pferdebegeisterte Christian Wulff, der sich im vergangenen Jahr mitsamt Tochter sogar in den Stallungen tummelte, oder Joachim Gauck, von dessen Affinität zu edlen Rössern nichts bekannt ist, einen „last-minute-Flug” nach Aachen nehmen? „Auf jeden Fall werden wir dem gewählten Staatsoberhaupt noch eine Einladung zuschicken”, sagt Gina Klassen, die auch Chefin der 70 Hostessen ist.

Protokollarisch noch verfahrener ist die Situation in Nordrhein Westfalen bzw. beim Wanderpreis des Ministerpräsidenten des Landes für den Preis der Nationen in der Dressur. Wenn es gut geht, steht Hannelore Kraft am 14. Juni als Ministerpräsidentin fest - dann müsste zunächst einmal der Sonderpreis sprachlich verweiblicht werden. Aber an ein Kommen der bislang ohnehin nie in der Soers gesichteten Kraft ist dennoch nicht zu denken: „Das wird einfach zu knapp”, schwant der Protokollchefin.

Derweil ist der ALRV-Vorstandsvorsitzende wieder in seinem Büro gelandet, wo ihn täglich rund 80 Mails, sechs bis acht Konferenzen sowie eine nicht enden wollende Rückrufliste auf Pferdetrab halten. Die Nennungsliste hat bereits klare Konturen: „Im Springen fehlt niemand, der Olympiasieger ist dabei, der Weltmeister, alle Top-Ten-Nationen”, sagt Frank Kemperman, der als frisch gekürter Dressurchef des Weltverbandes FEI neue Regeln einführte, die „diesen Sport attraktiver und nachvollziehbarer machen werden”. Premiere dafür: „sein” CHIO.

Eine Etage über Kemperman koordiniert Conny Mütze, Managerin bei der Aachener Reitturnier GmbH und rechte Hand von Michael Mronz, in Dauertelefonaten die Umsetzung der Zusagen an die Wirtschaftspartner „bis hin zur letzten Steckdose in deren eigenen Logen”.

Neben den vier Generalsponsoren gilt das Augenmerk auch den vier Hauptsponsoren Deutsche Bank, DHL, Sparkasse und AachenMünchener - inklusive entsprechender Kartenverteilung, Bändchenvergabe und Protokollvermerke.

Den Wert der Sponsorenpflege kann Mronz ziemlich exakt beziffern: „Weit über 50 Prozent unseres 10,3 Millionen-Etats werden von unseren Wirtschaftspartnern finanziert.” Dagegen wirken die Fernsehgelder im Reitsport wie ein Trinkgeld: „Die liegen bei unter einem Prozent”, so Mronz.

Was jedoch die TV-Präsenz für das Marketing des weltgrößten Turniers so unersetzlich macht, drückt sich in einer weiteren Baumaßnahme aus: Am Fuße des Richterturms ist ein neues, unverrückbares Studiohaus entstanden.

Publikum wird immer jünger

Sicher trägt das Fernsehen auch dazu bei, dass im vergangenen Jahr knapp jeder vierte Besucher „CHIO-Neuling” war und das Einzugsgebiet immer größer wird: Für den Gast in der Soers lag der durchschnittliche Anfahrtsweg im vergangenen Jahr bei 147 Kilometern - im Vergleich zu 98 im Jahr 2001. Zudem verjüngerte sich das Publikums: 44 Prozent der Soerser Gäste waren zuletzt unter 40 Jahre, anno 2007 war diese Zielgruppe mit nur 40 Prozent vertreten.

Ab Donnerstag, 9. Juli, sind derlei Statistiken nur noch Makulatur. Entscheidend wird dann nur noch eine Zahl sein: 1200 Turniermitarbeiter, der überwiegende Teil ehrenamtlich, werden den CHIO 2010 betreuen - ohne sie würden die weltweit 650 Millionen TV-Konsumenten nur auf eine grüne Wiese schauen. Und Frank Kemperman könnte dort mitsamt Handy im Wassergraben baden.

Beginn des CHIO 2010 ist Freitag, 8. Juli, mit den Voltigierwettbewerben in der Albert Vahle-Halle einschließlich Sonntag.

Samstag, 9. Juli, 20.30 Uhr, findet im Deutsche Bank-Dressurstadion die Veranstaltung „Pferd und Sinfonie” statt - dies zugunsten unserer Unicef-Aktion für die Opfer von Haiti.

Es folgt der eintrittsfreie Soerser Sonntag mit dem Ökumenischen Gottesdienst (11.30 Uhr) und Showprogramm auf dem gesamten Gelände.

Ab Dienstag, 13. Juli, steigt das Geschehen in der großen Reitarena, am Ende mit der Eröffnungsfeier um 17 Uhr in Anwesenheit von Bundeskanzlerin Angela Merkel.

Highlights der Woche im Springsport sind unter anderem: Mittwoch, 14.15 Uhr, Warsteiner-Preis, der Preis von Europa. Donnerstag, 19 Uhr, Mercedes Benz-Nationenpreis. Samstag, 19 Uhr, Best of Champions, Sonntag, 15 Uhr, Rolex Grand Prix, der Große Preis von Aachen.

Bis auf Restkontingente am Donnerstag und Sonntag sind für alle Tage noch Karten erhältlich. Tickethotline: 0241/9171-111.

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