Aachen - Chaos um Studienplätze: Schluss dank „Hochschulstart“?

Chaos um Studienplätze: Schluss dank „Hochschulstart“?

Von: Thorsten Karbach
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Immatrikulation am Super C der RWTH Aachen: Für BWL und Psychologie, zwei Bachelorstudiengänge mit örtlichem Numerus Clausus, führt die Hochschule ab dem Wintersemester das bundesweite Vergabeverfahren ein. Foto: Harald Krömer
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Wartet auf den Praxistest: der Prorektor der RWTH Aachen, Aloys Krieg. Foto: dpa

Aachen. Die Studienplatzvergabe ist in Deutschland eine komplizierte Angelegenheit. Die meisten Abiturienten, die sich für einen örtlich zulassungsbeschränkten Studiengang entscheiden, bewerben sich deutschlandweit an mehreren Hochschulen, und hoffen irgendwo auf eine Zusage.

Häufig bekommen sie am Ende gleich mehrere. Es folgt die Immatrikulation an einer Uni, die übrigen Plätze werden aber nicht abgelehnt. Pech für Nachrücker: Die frei bleibenden Studienplätze werden nicht besetzt, der Numerus Claus bleibt hoch.

Die RWTH Aachen hat gelernt, mit diesem Problem umzugehen: Um die 34.500 Studieninteressierte bewerben sich jedes Wintersemester für einen Studiengang mit einem Orts-Numerus-Clausus, also einer örtlichen Zulassungsbeschränkung.

Tatsächlich immatrikuliert wird davon aber nur ein Bruchteil: 6000 Studenten im vergangenen Oktober. Studienplatzzusagen verschickt die RWTH aber deutlich mehr: im Schnitt vier pro Studienplatz, erklärt Aloys Krieg, Prorektor für die Lehre der Hochschule. Diese Quote beruhe auf Erfahrungen und sei notwendig, um am Ende alle Plätze zu belegen.

Im Grunde ist es so wie bei Langstreckenflügen, wo die Fluglinien in der Regel mehr Tickets ausstellen, als es am Ende Plätze gibt – irgendwer kommt ohnehin am Ende nicht, der Flieger muss aber voll sein, damit sich der Flug rentiert.

Auch die Hochschulen verschicken mehr Zusagen, als sie Plätze haben, damit am Ende möglichst alle Plätze besetzt sind. Das System, tatsächlich berechnet nach einem komplizierten Algorithmus, hat sich einigermaßen bewährt. Mit der Einführung von „Hochschulstart“ und dem Dialogorientierten Serviceverfahren (DoSV) soll nun vieles anders werden. Doch wird es auch besser?

Was ändert sich bei der Studienplatzvergabe?

In Nordrhein-Westfalen sollen sich alle staatlichen Hochschulen bereits zum Wintersemester 2015/2016 an dem Online-System zur Studienplatzvergabe beteiligen – zumindest in einigen besonders stark nachgefragten Disziplinen wie Psychologie, Betriebswirtschaftslehre und Jura.

Das System heißt Dialogorientiertes Serviceverfahren (DoSV), firmiert unter dem Namen „Hochschulstart“ und soll das Vergabechaos zumindest verringern. Das System speichert, an welchen Hochschulen sich ein Studienplatzbewerber anmeldet. Im Falle einer Zusage wird er automatisch an allen anderen Hochschulen gestrichen. Das beschleunigt die gesamte Studienplatzvergabe und lässt Nachrücker schneller zum Zuge kommen.

Warum wird das System der Studienplatzvergabe geändert?

Das Chaos mit Mehrfachbewerbern und den vielen Zusagen pro Bewerber, die letztlich die Planungen jeder Hochschule erschweren, ist ein Teil des Problems. Der andere ist, dass am Ende Studienplätze trotz vier oder mehr verschickten Zusagen unbesetzt bleiben. Im Februar war demnach bekannt geworden, dass 15.000 Bachelor- und Masterstudienplätze mit NC im Wintersemester am Ende unbesetzt blieben, obwohl in der Regel Zusagen verschickt worden waren. Wäre rechtzeitig erkannt worden, dass die Interessenten andernorts eingeschrieben sind, hätten die NC-Bestimmungen gelockert oder weitere Zusagen frühzeitig in Umlauf gebracht werden können.

Wird denn jetzt alles gut?

Daran gibt es berechtigte Zweifel. Die RWTH Aachen wird sich im Wintersemester 2015/2016 mit den Bachelorstudiengängen Betriebswirtschaftslehre (BWL) und Psychologie am bundesweiten Vergabeverfahren beteiligen. In Psychologie kommen aktuell, so Prorektor Krieg, etwa 100 Bewerber auf einen Studienplatz.

Weil sich in dieser Disziplin etwa drei Viertel der Hochschulen, die das Fach Psychologie anbieten, am bundesweiten Vergabeverfahren beteiligen, könnte das Verfahren durchaus Sinn machen. In BWL beteiligt sich aber nur etwa die Hälfte der Hochschulen, die das Fach im Programm haben. „Wir bezweifeln stark, dass sich das bewähren wird“, erklärt dementsprechend Prorektor Krieg. „Das Verfahren muss den Praxistest erst einmal bestehen.“

Wie sind die Erfolgsaussichten?

Die hängen allein vom Grad der Beteiligung ab – und zwar bundesweit. Wenn sich alle NRW-Hochschulen beteiligen, die in Bayern oder Hessen aber nicht, dann sind die Erfolgsaussichten überschaubar. Wenn sich ein Student in Psychologie an vier NRW-Unis bewirbt, dann kann das System filtern, am Ende kann er aber immer noch drei oder vier weitere Zusagen aus anderen Teilen der Republik erhalten haben und sich für eine Universität dort entscheiden. Dann ist die Zusage in NRW Makulatur und am Ende der Studienplatz doch wieder frei. Es müssten also bundesweit alle Hochschulen mitmachen, um Erfolg zu garantieren.

Wie groß ist das Problem mit der Studienplatzvergabe denn in der Praxis?

Das Beispiel RWTH Aachen lehrt, dass die Hochschulen gelernt haben, mit den Mehrfachbewerbungen umzugehen. „Wir hatten das Verfahren komplett in der eigenen Hand, haben früh Zusagen erteilt und konnten entsprechend flexibel reagieren“, sagt Aloys Krieg. Und er fügt hinzu: „Wegen uns muss das Verfahren nicht geändert werden.“

Erleichtert das Verfahren den Hochschulen wenigstens die interne Verwaltung der Studienplatzvergabe?

Nein! Die Bearbeitung der Anträge bleibt bei den Hochschulen. Weder werde Personal eingespart noch werde Zeit für andere Aufgaben frei. Lediglich die Vergabe der Zusagen wird synchronisiert. Die Teilnahme am Verfahren ist sogar noch mit Kosten verbunden, die bei etwa 25.000 Euro für letztlich 245 zu vergebende Studienplätze liegen. „Es handelt sich um reine Zusatzkosten, deren Mehrwert zumindest fraglich ist“, sagt Aloys Krieg.

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