Carlo Thränhardt: Ein Sportler-Leben voller Höhepunkte

Von: Bernd Schneiders
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So jubelt ein Hochspringer, der gerade nach 25 Jahren Pause einen Weltrekord gesprungen ist: Carlo Thränhardt. Foto: sport/Baumann
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Und er fliegt immer noch schön und vor allem hoch: Carlo Thränhardt im Jahr 1989. Foto: sport/Sven Simon/Pressfoto Baumann
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...Und Carlo Thränhardt im Jahr 2012. Foto: sport/Sven Simon/Pressfoto Baumann

Aachen/München. Rollesbroich ist weit weg von München. 471 Kilometer Luftlinie. Doch die Duftlinie ist weiterhin aktiv – für Carlo Thränhardt: Immer wenn dem ehemaligen Weltklasse-Hochspringer der Geruch frisch gemähten Grases in die Nase steigt, kommen die Erinnerungen hoch an den kleinen Ort in der Nordeifel, wo er von 1972 bis 1980 seine Jugend verbrachte und die ersten Sprünge zu einer wahrhaft steilen Karriere absolvierte.

Auf einer Rollesbroicher „Kuhwiese“ baute sich Carlo zusammen mit seinem ein Jahr älteren Bruder Bernd seine private Sprunganlage. „Als Matten benutzten wir Kunststoff-Kissen, die bei Lastwagen als Aufprallschutz beim Abladen verwendet wurden“, erinnert sich Bernd. Carlo war der bessere Springer, ehrgeizig, ein Tüftler und Autodidakt. Den neuen Fosbury Flop hatte der Schlaks im Fernsehen gesehen und auf eben jener Wiese nachgesprungen, während sich Bruder Bernd weiterhin mit begrenztem Erfolg mit der traditionellen Straddle-Technik abmühte. Dabei waren beide Thränhardts blond und hochgeschossen. Doch die 1,99 Meter von Carlo waren günstiger verteilt. „Ich habe einen besseren Schwerpunkt“, sagt der heute 56-Jährige. Und schrecklich lange Beine, die zu seiner Blütezeit noch durch super knappe Shorts unterstrichen wurden. „Nicht schrecklich lang – wunderbar lang“, widerspricht Carlo Thränhardt schmunzelnd.

Der Zweitgeborene ist zudem mit einem „enormen Ehrgeiz“ ausgestattet, wie Bruder Bernd neidlos anerkennt. Das hat sich auch nach 25 Jahren nicht abgeschliffen. Nach einem Vierteljahrhundert provozierte ihn ein Freund mit der Frage: „Wie hoch springst Du denn heute noch?“ Ein Jahr lang lieferte der bis dahin ehemalige Hochspringer, der sich zwischenzeitlich in der Medienwelt u. a. als TV-Moderator etabliert hatte, die Antworten – und diese waren gewohnt hochkarätig. Innerhalb eines Jahres stellte er vier Weltrekorde in der M 55 Altersklasse auf: 1,85 und 1,87 Meter in Eberstadt, in Bühl 1,89 und im letzten August erneut in Eberstadt 1,90 Meter. Der buchstäblich späte Höhepunkt im Sportler-Leben des Carlo Thränhardt, den er als Ende benutzte – ähnlich wie seine gigantische Höhe vom 26. Februar 1988 in der Schöneberger Sporthalle, als er 2,42 überquerte. Der damalige Hallenweltrekord, der bis 1991 auch als Freiluft-Bestmarke geführt wurde, ist die bis heute zweitbeste Höhe, die jemals in der Halle übersprungen wurde.

Die einjährige Hoch-Zeit ist mit den 1,90 abgeschlossen. „Ich muss mir nichts beweisen“, sagt Thränhardt. Und doch siedelt er diese erneut so erfolgreiche Episode in seinem an Höhepunkten reichem Sportlerleben als etwas Besonderes an. „Anti-Aging ist für mich der falsche Begriff, es geht um Better-Aging“, postuliert der 56-Jährige. Möglich gemacht hat diese Weltrekordflut ein Leben, das auch nach dem „ersten“ Karriereende gefüllt war mit Sport. „Ich liebe Tennis“, sagt der Blondschopf. Fitnesstraining im Sportstudio – vier bis fünf Mal die Woche ist der Mann, der 2001 von Köln nach München zog, sportlich aktiv. Hört sich nicht nach einem Mannschaftssportler an. „Stimmt nicht, ich habe lange Handball gespielt.“ Beim TV Roetgen, und heute liebt es Thränhardt – wenn er nicht gerade im Audi-Dom Bayern München bei der Korbarbeit zuschaut – auch noch Basketball zu spielen. Zwei gegen Zwei oder Drei gegen Drei, bis zu seiner Entlassung bei den Bayern oft dabei: Trainer Dirk Bauermann. Und der lieferte ihm auch ein einmaliges Erlebnis. Der ehemalige Top-Sportler, der auch Manager berät und coacht, durfte einen Vortrag beim Basketball-Bundesligisten halten. „Unglaublich! 20 Jungs um mich herum, die alle größer waren als ich.“

Diese gehegte und gepflegte Sportlichkeit war „die Basis für sein Comeback. Die Technik hatte ich noch drin, und die Muskulatur hat sich schnell erinnert“, beschreibt der Ausnahmesportler die Erfahrungen, nachdem er im Münchner Olympiastadion versuchsweise die Latte aufgelegt und gleich 1,84 geschafft hatte.

25 Jahre zuvor hatte er „einfach die Schnauze voll vom Hochsprung“. Rücktritt Nummer zwei ist auch ein sozial geprägter. „Fragen Sie doch mal abends einen Freund: ,Hej – gehst Du mit Hochspringen?‘“ Da bietet sich Tennis schon eher an.

An Leichtathletik-Weltmeisterschaften hatte Thränhardt wenig Interesse. „Mit 1,78 Meter Weltmeister zu werden, war keine Herausforderung.“ Er jagte auch früher bereits lieber Höhen als Titel. Und mit seinen 2,42 Meter hat er sich fast verewigt. Sein Deutscher Rekord über 2,37 Meter in Rieti (2. September 1984) ist nach fast 30 Jahren noch immer nicht geknackt. Ein Maß für die Ewigkeit? „Niemals gibt es nicht“, glaubt der ehemalige Rollesbroicher. Doch er sieht Indizien, dass dies womöglich nicht so schnell passieren wird. Heute würden viele nicht mehr so bedingungslos wie er damals ihren „Traum verfolgen, nicht mehr so hart trainieren“. Besonders kontraproduktiv in einer Sportart, die besondere psychische Qualitäten bedingt. „Man muss sich mal unter eine Latte auf 2,42 Meter Höhe stellen: Rational kannst du die nicht überspringen.“

Doch man muss an den Traum glauben, an die Vision, die man nicht im Training realisieren kann. Auch nicht beim „Höhentraining“ auf der Kuhwiese in Rollesbroich: „Du brauchst für diese Höhe das Adrenalin im Wettbewerb.“ Und dennoch nahm in der Idylle der Voreifel die Karriere ihren Lauf. Mit einer breitgefächerten Basis. „Ich war in sechs Vereinen gleichzeitig.“ Die größte Konkurrenz besaß das Hochspringen im Handball. Doch sein extrem ausgebildeter Ehrgeiz stieß bei diesem Mannschaftssport an seine Grenzen: „Du kannst elf Tore werfen und trotzdem verlieren, weil einige einfach nicht den Bock haben, sich zu quälen und alles für einen Sieg zu tun.“

Verantwortlich also nur für sich selbst – im Kampf gegen die fragile Latte. Diese Entscheidung so erfolgreich umzusetzen ist schwieriger geworden, in Rollesbroich und überall in Deutschland. „Es gibt viel mehr Alternativen. Die Kids heute probieren eine Menge aus.“ War da vor 40 Jahren nicht auch jemand in sechs Vereinen? „Das war was anderes, das waren wirkliche Sportarten – keine Fun-Sportarten. Die geben kurze Kicks, die schnell verfliegen“, kritisiert Thränhardt. „Sie besitzen keine Nachhaltigkeit: Man muss mehr investieren, nicht nur eine Ausrüstung kaufen. Das ist scheinbares Glück – kein wahres Glück.“

Ihm hat seine Sportkarriere viel gegeben, auch die anschließende 25-jährige Pause. „Alles war nötig, jeder Tag.“ Und bei all den Jahren hat er sein Gefühl für Timing nicht verloren. Im richtigen Moment aufhören: Auch wenn vier Weltrekorde innerhalb eines Jahres einen wieder auf den Geschmack bringen könnten. „Was soll ich beweisen? Dass ich mit 56 noch höher springen kann?“ Die 2,42 Meter und 2,37 Meter stehen, ebenso wie die 1,90 Meter. Die hat er am 23. August 2013 geschafft, im dritten Versuch. Und die Latte nicht höher legen lassen. Einen Wettbewerb mit einem Fehlversuch beenden, „das nervt mich unheimlich.“ Glück lässt sich nicht permanent steigern.

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