Aachen - Caritasverband: Palliativkultur in Altenheimen etablieren

Caritasverband: Palliativkultur in Altenheimen etablieren

Von: Amien Idries
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Jürgen Spicher ist beim Caritasverband im Themenfeld „Menschen im Alter“ tätig. Foto: Roeger

Aachen. Zu Beginn steht eine nur vermeintlich profane Erkenntnis: „Altenheime werden mehr und mehr zu Sterbeorten“, sagt Jürgen Spicher, Referent für Altenhilfe bei der Caritas Aachen. 30 Prozent der Bewohner sterben innerhalb der ersten drei Monate nach Einzug.

60 Prozent innerhalb eines Jahres. „Wir müssen uns von der Vorstellung verabschieden, dass Altenheime vorwiegend Orte der geselligen Senioren sind“, sagt Spicher.

Gründe dafür gebe es viele. Etwa der demografische Wandel, der dazu führe, dass auch die Menschen in Altenheimen immer älter würden. Hinzu kommt laut Spicher, dass durch den in der Pflegeversicherung verankerte Grundsatz „ambulant vor stationär“ die Bewohner deutlich später in die Heime kommen und kränker sind.

In der Konsequenz nähern sich aus der Sicht des Caritas-Experten Altenheime immer mehr Hospizen an, ohne allerdings in Sachen Palliativ- und Sterbekultur ähnlich aufgestellt zu sein wie Hospize. Auch das läge zumindest in Teilen an der 1995 eingeführten Pflegeversicherung.

„Die legt großen Wert auf Risikominimierung und aktivierende Pflege“, sagt Spicher. Dies sei prinzipiell auch ein guter Ansatz, bei Patienten in der Sterbephase sollte der Fokus aber nicht auf Mobilisierung und Prophylaxe, sondern auf würdevoller Begleitung des Sterbeprozesses liegen. Eine solche nachhaltige Palliativkultur würde in der Pflegeversicherung jedoch kaum honoriert. „Wir müssen zurück zu den Wurzeln der Altenpflege, ohne das Neue zu vergessen“, sagt Spicher.

„Umgang mit Tod ist offener“

Deshalb biete der Diözesan-Caritasverband für das Bistum Aachen seit sieben Jahren Altenheimträgern ein Entwicklungsprojekt an, um die eigenen Einrichtungen auf die Sorge für sterbende Menschen vorzubereiten. Um zu eruieren, wie sich eine solche Kultur nachhaltig etablieren lässt, hat der Caritasverband beim Institut für Palliative Care und Organisationsethik in Wien ein wissenschaftliches Projekt in Auftrag gegeben, dessen Ergebnisse in der kommenden Woche vorgestellt werden.

In zehn Altenheimen verschiedener Träger im Bistum Aachen, die zuvor einen Entwicklungsprozess zur Einführung einer Palliativkultur durchlaufen hatten, wurden Bewohner, Angehörige, ehrenamtliche und hauptamtliche Mitarbeiter befragt. Die Protokolle zeigen laut Caritas einen „tiefgreifenden Wandel“ in der Kultur der Einrichtungen.

„Insgesamt ist der Umgang mit dem Thema Tod viel offener“, erklärt Helene Guschakowski, Caritas-Referentin für Sozialpolitik. Das zeigten zum einen sogenannte weichen Faktoren, zu denen etwa die Gesprächskultur gehört, aber auch Rituale, wie Schweigeminuten für gestorbene Bewohner. Wichtig seien auch harte Faktoren, wie etwa Palliativnetzwerkkarten, ethische Fallbesprechungen und Notfallpläne. Dort sind etwa wichtige Kontaktdaten verzeichnet und es wird festgelegt, wie in der letzten Sterbephase vorgegangen werden soll. „Das gibt Sicherheit im Umgang mit den Sterbenden und wirkt sich positiv auf die Stimmung im ganzen Heim aus“, sagt Guschakowski.

Ganz wichtig sei auch die Etablierung einer oder mehrere Personen aus dem Mitarbeiterstab, die die Palliativkultur im Auge haben. „Eine Palliativbeauftragte kann dafür sorgen, dass das Thema immer im Fokus der Einrichtung bleibt“, sagt Spicher.

Aber auch Kritik wird in den Interviews geäußert. Dabei geht es immer wieder um eine wichtige Ressource: Zeit. „Alle Befragten, egal ob Beschäftigte, Bewohner oder Angehörige, bemängeln fehlende Zeit“, sagt Guschakowski. Eine Folge des knappen Personalschlüssels sei, dass eine Pflegekraft die Zeit, in der sie die Hand eines Sterbenden hält, bei der Versorgung eines anderen Bewohners fehlt. In der harten Taktung des Heimalltags sei es dann mitunter der hospizliche Ansatz, der hintanstehen müsse.

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