Busfahren: Bald mit einem Ticket durchs Rheinland

Von: Udo Kals
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Will den AVV in die Zukunft führen: der 46-jährige Geschäftsführer des AVV, Hans-Peter Geulen. Foto: Ralf Roeger
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Busfahren ist in: Bei allen finanziellen Zwängen will der neue AVV-Geschäftsführer das Angebot von Bus und Bahn noch weiter verbessern. Foto: Ralf Roeger

Aachen. Busfahrer aufgepasst – der Chef fährt mit. Nur allzu gerne verschafft sich Hans-Peter Geulen ein Bild von der Basis und lässt sich per Bus durch Stadt und Land kutschieren. Und er ist überzeugt: „Wir bieten in Bus und Bahn in der Region ein gutes Angebot an – auch wenn es immer Verbesserungsmöglichkeiten gibt.“ Und er weiß, wovon er spricht.

Schließlich war der Aachener, der bei der Aseag für Verkehrswirtschaft und Vertrieb zuständig war, auch Chef des Kundencenters am Aachener Bushof. Seit dem 1. Januar ist er als Nachfolger von Hans Joachim Sistenich Geschäftsführer des Aachener Verkehrsverbundes (AVV) und damit zuständig für den Öffentlichen Personennahverkehr in Stadt und Altkreis Aachen sowie in den Kreisen Düren und Heinsberg. Für fünf Jahre ist der 46-Jährige gewählt – da werden zahlreiche Aufgaben zu bewältigen sein. Steigende Ticketpreise, wie vor einigen Monaten bereits für 2014 beschlossen, gehören schon jetzt dazu.

Herr Geulen, in einigen Wochen steigen die Preise fürs Busfahren schon wieder – auf was müssen sich die AVV-Kunden unter Ihrer Ägide noch einstellen?

Geulen: In der Tat steigen die Preise wie anderorts für Zeitkarten und der Bartarif zum 1. April um 3,3 Prozent. Das ist schon lange beschlossen. Und dieser Schritt ist notwendig, um einerseits die gestiegenen Kosten etwa für Energie und Personal sowie die gedeckelte Förderung vom Land aufzufangen und andererseits die notwendigen Kapazitätsausweitungen zu finanzieren. Die Erhöhung halte ich daher für unvermeidlich.

Das hört sich plausibel an. Glauben Sie, dass der Kunde nach den zahlreichen Preisrunden noch Verständnis für solche Schritte hat?

Geulen: Es ist sicherlich ärgerlich für die Kunden, wenn die Tarife steigen. Darüber müssen wir nicht reden. Als bisheriger Leiter des Aseag-Kundencenters am Aachener Bushof kann ich sagen, dass die Menschen in großen Teilen auch Verständnis zeigen. Klar ist zudem auch, dass wir die Preise nur erhöhen, um unser derzeitiges Leistungsangebot in entsprechender Qualität erhalten zu können ohne dabei die öffentlichen Haushalte weiter zu belasten.

Zu Qualität gehören auch Pünktlichkeit und Zuverlässigkeit – da passt es nicht, dass in den vergangenen Monaten aus verschiedenen Gründen wegen Fahrer-Engpässen vor allem in Aachen und der Städteregion zahlreiche Linien nicht bedient werden konnten.

Geulen: In der Tat gab es anfangs große Irritationen. Ob Krankheit oder Tarif-Auseinandersetzung – die Aseag ist mit dem Thema offen umgegangen und haben trotz einiger Verärgerung auch viel Verständnis erfahren. Inzwischen hat sich die Situation erfreulicherweise weitgehend eingependelt..

Sie loben das Verständnis der Kunden. Hat dies mit einem gesellschaftlichen Bewusstseinswandel zu tun? Werden Bus und Bahn anders als in den 80er und 90er Jahren als fortschrittliche Verkehrsmittel gesehen?

Geulen: Ich glaube schon, dass der ÖPNV inzwischen als leistungsstark, kundenorientiert und zukunftsträchtig angesehen wird. Das spricht trotz aller Kritikpunkte für unser Angebot, das wir beständig weiterentwickeln müssen. Bei allen wirtschaftlichen Zwängen müssen wir die Information, die Kommunikation und unser Leistungsspektrum für Jung und Alt weiter anpassen und optimieren. Trotz der finanziellen Zwänge müssen wir das System für den Kunden noch attraktiver machen.

Wie soll das gehen?

Geulen: Derzeit passiert im Hintergrund eine ganze Menge. So arbeiten wir mit den Kölner Kollegen an einem einheitlichen Tarifsystem mit dem Ziel, ein Ticket für das gesamte Rheinland anzubieten. Es müssen keine zusätzlichen Tickets gekauft werden. Zudem soll es Verbesserungen für Inhaber des Jobtickets geben, die zwischen dem AVV und dem Verkehrsverbund Rhein-Sieg (VRS) pendeln. Ein anderes Beispiel ist die geplante Einführung zur elektronischen Fahrkarte. Wir wollen weg vom Papier-Ticket, hin zur Chip-Karte, zum Bezahlen mit dem Handy.

Das wird viele ältere Kunden nicht unbedingt freuen.

Geulen: Wir reden über einen Prozess. Auch in den nächsten Jahren werden die Kunden herkömmlich bezahlen können. Es ist ja nicht das Ziel, die älteren Menschen zu vergraulen. Ganz im Gegenteil, gerade mit Blick auf die demografische Entwicklung wäre dies schlicht töricht. Aber wir wollen gerade auch im Umfeld einer Hochschulstadt noch stärkere Anreize für ein junges Publikum setzen, das am liebsten alles mit dem Smartphone erledigen möchte. Wir müssen beide Wege gehen. Der herkömmliche Verkauf, aber auch das elektronische Semesterticket mit zusätzlichen Funktionen.

Im AVV ist man schon digital mit seiner Handy-App unterwegs. Für Sie ein unverzichtbarer Schritt, um Kunden zu gewinnen?

Geulen: Ja, zumal der Einstieg sehr gut funktioniert hat und wir das Angebot ausbauen werden. Der große Vorteil ist die Fahrgastinformation in Echtzeit. Sie können überall abrufen, wann welcher Bus kommt. Das hat einen Mehrwert. Die Kunden sind begeistert.

Weniger begeistert wären die Kunden, wenn sie häufig lesen würden, dass ihr Bus Verspätung hat, weil er in Aachen etwa wieder einmal im Stau steht. Die Campusbahn ist gescheitert – haben Sie ein Alternativkonzept für den ÖPNV auf der Straße?

Geulen: Wir sehen das Problem, die Engpässe und steuern in Zusammenwirken mit der Stadt Aachen und den Verkehrsunternehmen jetzt schon nach, um die Kunden etwa zum RWTH-Campus zu bringen. Das Nachsteuern des konventionellen Verkehrs ist aber begrenzt, die Kapazitäten sind teilweise jetzt schon fast erschöpft.

Die Aseag fordert separate Trassen für den Busverkehr in Aachen. Ist das realistisch?

Geulen: Es ist auf jeden Fall wünschenswert. Aber die Frage ist, wie groß die Akzeptanz in der Bevölkerung ist, wie es finanziert werden kann. Die Diskussion ist erst in den Anfängen. Wir müssen aber sehen, dass wir Vorzugsvarianten für die Busse im Straßenverkehr finden um schneller, pünktlicher und mit größerer Kapazität fahren zu können. Auch vor diesem Hintergrund bedauere ich die Ablehnung der Campusbahn. Aber sehen Sie es mir nach, dass ich kein Alternativkonzept in der Schublade liegen habe. Das wäre vermessen. Aber eine Lösung könnte eine Mobilitätsplattform sein, ein Ansatz, bei dem verschiedene Verkehrsmittel vernetzt werden. Bus und Bahn müssen vor allem in Ballungsräumen noch stärker mit dem Individualverkehr, mit Auto, mit Fahrrad gedacht werden. Es müssen Lösungen für ganze Reiseketten gefunden werden – wie dies aussehen kann, darüber wird derzeit sehr rege diskutiert.

Würden Sie auch Ihren Reiseweg zur Arbeit überdenken?

Geulen: Gute Frage. Da ich morgens oft meine Kinder in die Kita, zur Schule bringe, bin ich in Teilen auf das Auto angewiesen. Doch ich bin überzeugter Bus- und Bahnfahrer, und ich möchte mir ein Bild von der Basis machen. Auch um praktische Probleme besser erkennen zu können.

Sind Sie oft verärgert oder überwiegen die positiven Eindrücke?

Geulen: Bei aller kritischen Sichtweise freue ich mich vor allem über die Qualität, die geboten wird. mein Eindruck ist, das die positiven Erfahrungen auch bei den anderen Fahrgästen überwiegen.

Werden Sie von den Fahrern erkannt?

Geulen: Das passiert natürlich, und es freut mich. Immerhin war ich lange bei der Aseag tätig.

Halten Sie das neue Angebot der wandernden Kurzstrecke, bei der der Kunde im Altkreis Aachen unabhängig vom Einstiegsort flexibel ein Ticket für vier Stationen kaufen kann, für einen Erfolg?

Geulen: Zunächst ist das Angebot für viele Nutzer preiswerter und auch verständlicher. Sicherlich war mit Protest einiger Kunden zu rechnen. Schließlich gibt es einige Kunden wie etwa in Stolberg, die durch den neuen Tarif schlechter gestellt werden. Und wir müssen auch den einen Kunden ernst nehmen, der sich ungerecht behandelt fühlt, weil er nun draufzahlt. Das ist ja in Teilen faktisch auch so. Aber der Schritt war notwendig, um das gesamte Tarifsystem gerechter zu machen.

Bleiben denn die Tarife für die wandernde Kurzstrecke und für den City-XL-Tarif in Aachen von der Preissteigerung im kommenden April ausgenommen?

Geulen: Das kann ich jetzt noch nicht sagen. Mitte Januar werden wir uns zusammensetzen und uns die Zahlen anschauen.

Wo soll der AVV in fünf Jahren stehen?

Geulen: Die Zahl der Baustellen ist wie gesagt groß. Als sehr wichtiges Projekt steht die Umsetzung gesetzlicher Vorgaben an. Die Umstellung auf einen elektronischen Vertrieb ist angestoßen, erste Konzepte für einen Mobilitätsverbund sowie neue Tarifangebote über die AVV-Grenzen hinweg sollte es geben. Ebenso müssen wir dafür sorgen, dass wir weiterhin genügend Gelder von Bund und Land erhalten sowie das Bus- und vor allem Bahnangebot mit den Nachbarn in den Niederlanden und in Belgien weiter optimieren. Und bei allen Herausforderungen, die das Scheitern der Campusbahn für Aachen mit sich bringt, dürfen wir die Kreise Düren und Heinsberg nicht vernachlässigen.

Drohen in der Fläche Qualitätseinbußen?

Geulen: Derzeit sehe ich nicht die Gefahr, dass Linien eingestellt werden. Und die Reaktivierung der Wurmtalbahn vor wenigen Wochen, mit der Heinsberg wieder ans Bahnnetz angeschlossen worden ist, ist ein wichtiges Zeichen. Doch der demografische Wandel verlangt etwa im Kreis Heinsberg, wo 70 Prozent des ÖPNV auf den Schülertransport entfallen, andere Antworten als in der Städteregion Aachen.

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