Aachen - Bunter Protestzug fordert lautstark: „Abschalten!”

Bunter Protestzug fordert lautstark: „Abschalten!”

Von: Robert Flader
Letzte Aktualisierung:
Anti-Atom-Demo
1500 Demonstranten forderten am Wochenende die unmittelbare Abkehr von der Atomkraft. Foto: Andreas Schmitter

Aachen. Die ersten rund vierhundert Protestler sind bereits eine gute Stunde vor dem Start am Elisenbrunnen eingetroffen. Natürlich, denn darauf haben sie lange gewartet: eine Demonstration gegen Atomkraft durch die City.

Solche Demos haben aktuell bundesweit Hochkonjunktur, auch in Aachen wittern die Verfechter von erneuerbaren Energien jetzt ihre Chance. Oben, am Rednerpult, steht Robert Borsch-Laaks, hochkonzentriert, aber irgendwie auch glücklich.

Glücklich über die Menschentraube, die von Minute zu Minute größer wird und gleich seinen Worten lauschen wird. Der Friedrich-Wilhelm-Platz ist in bunte Transparente getaucht, „Ausgestrahlt” steht auf einem, ein weiteres fordert: „Atommafia stoppen”, während andere noch einmal daran erinnern wollen: „Atomausstieg ist Handarbeit”.

Laaks von der Nachbarschaftsinitiative „Drei Rosen”, die neben den Grünen und Greenpeace für die Demo verantwortlich zeichnet, hat noch nie vor mehreren hundert Menschen gesprochen und er stellt zunächst das Positive in den Vordergrund: „Erneuerbare Energien sind in den letzten zehn Jahren von fast null auf 20 Prozent gestiegen.” Dennoch mahnt er im gleichen Atemzug: „Ein kompletter Ausstieg wird ein langer Gang.” Walter Schumacher von „Castor Stopp” versucht das japanische Reaktor-Unglück noch einmal detailliert darzustellen, manche Zuhörer kämpfen bei den Schilderungen mit den Tränen.

Einen Gang haben nun auch die Protestler vor sich, über die Peterstraße geht es Richtung Seilgraben. Der Verkehr kommt komplett zum Erliegen, nichts geht mehr außer den Demonstranten. Kinder, Jugendliche, Erwachsene, Umweltorganisationen, Grüne, Linke, ganze Familien finden sich in der Prozession. Erzieherinnen sind auch dabei, Eva-Maria Rebiere ist eine von ihnen. Warum sie demonstriert? „Wir wollen hier ein Zeichen für unsere Zukunft setzen”, sagt die 24-Jährige. „Eine Zukunft, in der unsere Kinder sicher leben können.” Dafür geht sie auf die Straße. Genau wie Robert Gorski. Er findet, dass der ganze Atommüll nicht sicher entsorgt werden kann. „Und es wird immer mehr, je länger Deutschland auf Atomkraft setzt.”

Es ist leicht, in diesen Tagen auf den Anti-Atom-Zug aufzuspringen. Demos dieser Art gibt es am gesamten Wochenende in insgesamt 20 deutschen Städten. Nie waren sie so gut besucht wie diesmal, auch in Aachen schließen sich von Minute zu Minute mehr Menschen an. „Das ist ja fast wie bei den großen Atom-Demos in den 70ern”, sagt ein älterer Mann, der sich den bunten Zug vom Straßenrand anschaut. Die japanische Katastrophe fordert zum Umdenken, auch der gerade einmal knapp 80 Kilometer entfernte belgische Atommeiler Tihange rückt bei den Aachener Demonstranten spürbar stärker ins Bewusstsein. Die Gefahr gewissermaßen neben der eigenen Haustür.

Ein paar Meter weiter, am Holzgraben, steht Hugo Hamacher und sammelt Unterschriften. Die Geschichte der aus dem Boden schießenden Atomkraft-Gegner, der bedrohlichen Lage im japanischen Kraftwerk Fukushima und der weltweiten Angst vor weiteren atomaren Unfällen wäre nicht vollständig erzählt ohne den kleinen Greenpeace-Stand, über dem bei herrlichem Wetter die Frühlingssonne lacht.
Reihenweise tragen sich die Menschen ins „Buch der Anteilnahme” ein, bis zum Mittag kondolieren bereits ein paar hundert Aachener den japanischen Erdbebenopfern. Denn um die geht es hier, um die „fast schon vergessenen Toten”. Denen, nicht nur aus Sicht der Greenpeace-Aktivisten, im Vergleich zur berechtigten Angst vor dem atomaren GAU wenig Aufmerksamkeit geschenkt wird.

Rund 8000 Tote und mehr als 10.000 Vermisste sind es mittlerweile. In allen größeren deutschen Städten wird an die Tsunami-Folgen erinnert. Am Holzgraben finden sich viele Zeichnungen von Kindern, Gedichte und Unterschriften. Bis kommenden Freitag (25. März) kann sich jeder im Greenpeace-Büro im Welthaus eintragen, seine Gedanken äußern und Wünsche übermitteln. „Dann”, sagt Hamacher, ein bisschen stolz auf den großen Zuspruch, „werden wir es der japanischen Botschaft übergeben.”

Die Atomkraft-Gegner sind mittlerweile aus Richtung Großkölnstraße auf dem Markt eingetroffen. Genau im Schatten des Rathauses, wo noch einmal die großen Transparente entrollt werden und lautstark „Abschalten! Abschalten!” gefordert wird. Die Polizei spricht jetzt von 1500 Demonstranten. Jochen Luzcak ist mehr als zufrieden, als er die Zahl vernimmt: „Die aktuelle Problematik ist in den Köpfen von vielen Menschen angekommen”, sagt der Grünen-Politiker. „Nur: Es ist nicht damit getan, jetzt einmal Nein’ zu sagen.” Sein Blick richtet sich damit bereits auf den Montagabend, wenn um 18 Uhr die nächste Mahnwache gegen Atomkraft stattfindet. Wieder am Elisenbrunnen.
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