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Bundesregierung zweifelt an Sicherheit der Pannenreaktoren

Von: Madeleine Gullert
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Internationale Experten haben den Meiler Tihange 2 bei Lüttich, der nur rund 60 Kilometer von Aachen entfernt liegt, und Doel 3 bei Antwerpen, der etwa 150 Kilometer von Aachen entfernt liegt, monatelang untersucht. Foto: Oliver Berg/dpa

Lüttich/Berlin. Die Bundesregierung hat Zweifel an der Sicherheit der belgischen Pannenmeiler Tihange 2 und Doel 3. Das geht aus einer Antwort auf eine Anfrage an die Bundesregierung hervor, die unserer Zeitung vorliegt. Die Bundesregierung hat demnach viele Fragen, was die „strukturelle Integrität“ der Meiler angeht.

Wie sicher sind sie trotz der Tausenden Risse in den Druckbehältern. Die Grünen kritisieren massiv das passive Verhalten der Bundesregierung in der Debatte um die umstrittenen belgischen Atomkraftmeiler. „Die Bundesregierung muss konsequent darauf hinarbeiten, dass die Schrott-Reaktoren für immer abgeschaltet werden“, sagte der Dürener Bundestagsabgeordnete Oliver Krischer (Grüne) unserer Zeitung.

Auch seit bekannt ist, dass die Meiler wieder ans Netz sollen, sei zu wenig passiert. „Obwohl die Bundesregierung dem Vorgehen der Belgier nicht über den Weg traut, bemüht sie sich dennoch um kein Gespräch“, kritisiert er. Und zwar hätte es ein Gespräch geben müssen, noch vor dem Wiederanfahren der beiden Reaktoren.

Internationale Experten hatten den Meiler Tihange 2 bei Lüttich, der nur rund 60 Kilometer von Aachen entfernt liegt, und Doel 3 bei Antwerpen, der etwa 150 Kilometer von Aachen entfernt liegt, monatelang untersucht. Die Expertise war Voraussetzung dafür, dass die FANC ein Wiederanfahren der Meiler erlaubt.

Einer der internationalen Experten hatte sich in seinem Bericht für die FANC allerdings distanziert. Grund: Es gebe Mängel bei den Sicherheitsmargen. Die untersuchten Stahlstücke seien nicht repräsentativ für die Qualität der echten Reaktordruckbehälter. „Aus Sicht der Bundesregierung erscheinen die Bedenken plausibel“, heißt es in der Antwort auf die Grünen-Anfrage. „Allerdings liegen der Bundesregierung nicht alle Unterlagen zum fachlichen Hintergrund der Bedenken vor.“ Zudem kenne man den Verlauf und Inhalt der geführten Fachdiskussionen nicht, heißt es weiter.

Umso schlimmer finden es die Grünen, dass die Bundesregierung weder versucht hat, fehlende Unterlagen zu erhalten, noch Kontakt zu dem zweifelnden Experten aufzunehmen. Dabei soll es sich um den deutschen Atom-Experten Helmut Schulz – ein ehemaliges Mitglied der Gesellschaft für Anlagen- und Reaktorsicherheit - handeln. „Es kann ja nicht sein, dass die Bundesregierung lieber abwartet, bis sie eingeladen wird, um alle Unterlagen und Erkenntnisse überhaupt erst zu bekommen“, sagte Krischer.

Von dem internationalen Arbeitstreffen am Montag und Dienstag erwarten er und Sylvia Kotting-Uhl (Grüne) nun, dass die deutschen Vertreter „endlich nachhaken und die richtigen Fragen stellen“. Anders als von Bundesumweltministerin Barbara Hendricks (SPD) suggeriert, findet mit Belgien aber kein bilaterales Gespräch, sondern lediglich ein Workshop zur Bewertung der Risse in den Pannenmeilern statt - auf Einladung der belgischen Atomaufsichtsbehörde und nicht als Reaktion auf die Kritik aus Deutschland.

Die Experten setzen sich unter anderem mit den Ultraschalluntersuchungen der Risse und der Theorie auseinander, dass die Wasserstoffflocken im Material bei der Produktion der Reaktorblöcke entstanden sind. Laut der Antwort auf die Anfrage geht es den deutschen Experten auch darum zu klären, wie repräsentativ zwei untersuchte Materialproben sind, die Deutschland wohl anzweifelt.

Es bleibt zu befürchten, dass auf den Workshop nichts folgt – auch wenn Hendricks nach Verarbeitung der Erkenntnisse von Montag und Dienstag laut einer Sprecherin politische Gespräche führen will.

Doch auch ein internationales Arbeitstreffen ändert nichts daran, dass Energiepolitik Aufgabe der Nationalstaaten ist. Krischer fordert deshalb, „neue Regelungen, die Nachbarstaaten in Fragen der AKW-Sicherheit mehr Mitspracherecht geben. „Wir Grünen erwarten von der Bundesregierung, dass sie sich international dafür stark macht“, sagte der. „Zudem brauchen wir mit Belgien endlich ein Nuklearsicherheitsabkommen, eine solide Rechtsgrundlage für gehaltvollen und frühzeitigen Informationsaustausch und für das Anbringen von fachlichen Bedenken, bevor so gravierende Entscheidungen getroffen werden.“

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