Bundeskönigin der Schützenbrüder: Eine Frage der Ehre

Von: Angela Delonge
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Die amtierende Bundeskönigin Nicole Laut freut sich auf den Bundesköniginnnentag Ende Mai in Düren. Foto: A. Steindl

Aachen/Düren. Von den sechs oder sieben Königinnenkleidern im Schrank von Nicole Laut ist ihr das lilafarbene das Liebste. Ein Traum aus Chiffon, Rüschen, Raffungen und Volants. Sie nennt es „lila Wölkchen“, und es darf verraten werden, dass die Bundeskönigin des Bundes der Historischen Deutschen Schützenbruderschaften (BHDS) das „Wölkchen“ beim Bundesköniginnenfest Ende Mai in Düren tragen wird.

Nicole Laut ist 31 Jahre alt, und sie ist, salopp gesagt, zu ihrem Amt gekommen wie die Jungfrau zum Kinde. Wie alle Bundesköniginnen vor ihr verdankt Nicole ihren Titel einzig und allein dem Mann an ihrer Seite, ihrem Lebensgefährten und zukünftigen Ehemann Nikolas Rosenstock. Der hatte als Schützenkönig der Aachener St. Laurentius-Schützenbruderschaft im vergangenen September mit 100 Konkurrenten um die Bundeswürde geschossen – und den Vogel getroffen. Und hast du nicht gesehen war Nicole Bundeskönigin.

Dass eine Frau jemals versucht hätte, mit einem Vogelschuss diesen Titel selbst zu erringen, das hat es in 65 Jahren Schützengeschichte noch nicht gegeben. Das hat in erster Linie gesellschaftliche Gründe: Von der Tradition her sind die meisten Schützenvereine Bruderschaften, jahrzehntelang war Frauen die Mitgliedschaft verwehrt. Inzwischen haben sich die Dinge geändert, nur noch 16 Prozent der Bruderschaften im BHDS sind reine Männervereine. Trotzdem sind erfolgreich schießende Frauen in den Bruderschaften noch immer selten. Etwa zehn Prozent der Bewerber um die Bundeskönigswürde sind inzwischen Frauen, lässt der BHDS verlauten. Da geht also noch was.

Eine, für die das Schießen tatsächlich eine Leidenschaft ist, ist Elke Uerlings-Heidbüchel. Sie hat das Glück, dass ihr Verein, die St. Heribertus Schützenbruderschaft Kreuzau, Frauen und Männer gleichermaßen fördert. Und der Verein hat das Glück, dass Elke Uerlings-Heidbüchel eine wahre Meisterin an der Waffe ist: Schützenkönigin in den vergangenen fünf Jahren, Bezirkskönigin und dann auch noch Diözesankönigin des Diözesanverbands Aachen im vergangenen Jahr. Was für ein Lauf, selbst für eine Frau, die von sich sagt: „Ich schieße halt sehr gut.“ Die 47-Jährige aus Kreuzau im Kreis Düren, die seit ihrem 15. Lebensjahr Schützin ist, liebt den Schießsport nach eigener Aussage vor allem wegen des hohen Maßes an Konzentration und Disziplin, die man dafür braucht.

Nicole Lauts Sache ist das Schießen bisher nicht klar, mache es Spaß, beim alljährlichen Frauenschießen der Bruderschaft auf das „lila Flanellläppchen“ zu zielen. Aber in den Wettbewerb gehen? Hmm. Egal, für Nicole Laut hätte es 2016/17 kaum besser laufen können. Die medizinische Fachangestellte aus Neuss füllt ihr Amt mit großer Begeisterung aus, seit einem Dreivierteljahr trägt sie die silberne Königinnenkette mit den Amethysten und das zugehörige Diadem mit Stolz: Kopf hoch, Brust raus, lächeln. Nicole Laut steht für das, was sie repräsentiert. Die Schützen, die Bruderschaft, den Bund, das Schießen. Eigentlich schade, dass ihr Name nicht in die Silberkette eingraviert ist – doch auch da ergeht es ihr nicht anders als ihren 60 Vorgängerinnen.

Die Statuten des Bundes Historischer Deutscherschützen (BHDS) wollen es so. Die Ehre der Bundeskönigin ist, anders als die des Bundeskönigs, weder für die Ewigkeit noch für die Annalen gedacht. Ihr großer Tag ist nicht der jährliche Vogelschuss sondern der jährliche Bundesköniginnentag im Mai, der zum ersten Mal 1956 stattfand. Er wurde ins Leben gerufen, um die Stellung der Frau in Bruderschaft und Gesellschaft in den Mittelpunkt zu rücken. Damals, „zu einer Zeit, in der die meisten Bruderschaften nur männliche Mitglieder hatten, war das ein mutiger und richtungsweisender Schritt,“ sagt Bundesschützenmeister Emil Vogt.

Und heute? Theoretisch ist heute alles möglich: Bundeskönige und -königinnen mit Partnerinnen oder Partnern. Dem BHDS geht es beim Bundesköniginnentag also weniger um die Frau an sich als um die Person, die hinter dem Erfolg steht. Die soll geehrt werden, denn ohne sie wäre der ehrenamtliche Einsatz in der Bruderschaft oder im Verband oft nicht möglich. „Sie sorgt dafür, dass die verschiedenen Lebensbereiche sich zusammenfügen – das Schützenehrenamt und das Familienleben mit all seinen Pflichten“, sagt Vogt.

Ein Tag im Glanz ist also das Mindeste, was der Bundeskönigin gebührt. Denn dass die Tradition der Schützen weiter bestehen kann, daran haben eben viele einen Anteil, nicht nur die, die den Vogel herunterholen. Und das Schützenwesen ist ja auch viel mehr als das, was bei Schießwettbewerben und Schützenfesten zu sehen ist. Und es ist auch nicht irgendeine Bauchtanzgruppe.

Die Unesco sagt über das Schützenwesen: „Es ist Ausdruck lokal aktiver Kulturpraxis mit lebendiger Traditionspflege, die stark in örtliche Sozial- und Kulturmilieus eingebunden ist“. Mit dieser Begründung ist das deutsche Schützenwesen Ende 2015 in die Liste des immateriellen Weltkulturerbes aufgenommen worden. Auch das ist ein Glanz, auf den der BHDS zu Recht stolz ist.

Ihrem eigenen glanzvollen Auftritt im „lila Wölkchen“ sieht Nicole Laut gespannt entgegen. Ob sie eine Rede halten muss? Sie weiß es nicht. „Eigentlich mag ich es nicht so sehr, im Mittelpunkt zu stehen“, sagt sie, „aber man gewöhnt sich dran.“ Der Bundesköniginnentag am Sonntag ist Höhepunkt und Abschluss eines ganz besonderen Jahres im Leben der Nicole Laut. Kette und Diadem werden an die Nachfolgerin oder den Nachfolger übergeben.

Es war ein Jahr voller Verpflichtungen, auch wenn der BHDS nur drei vorschreibt, Krönungsbälle, Schützenfeste. In allen sechs Diözesanverbänden waren Nicole Laut und ihr Bundeskönig unterwegs. Fast jedes Wochenende haben sie Hände geschüttelt, Glückwünsche entgegengenommen, Freundschaften geschlossen. „Es ist wichtig, dass das Königspaar repräsentiert und den anderen Bruderschaften seine Aufwartung macht“ sagt Nicole Laut. Eigene Pläne müsse man in dieser Zeit streichen – sogar die eigene Hochzeit. Trotzdem sagt Nicole Laut: „Ich bin traurig, wenn es vorbei ist.“

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