Bürgerstreife patrouilliert in Aachen

Von: Daniel Gerhards
Letzte Aktualisierung:
8752043.jpg
Sie wollen die Augen offen halten: Wolfgang Ebel, Karsten Rosen und Tobias Casno (v.l.) organisieren die Patrouillen der Gruppe „Wir helfen Aachen“. Sie sind jeden Freitag und Samstag in der Innenstadt präsent. Foto: Daniel Gerhards

Aachen. Karsten Rosen zieht sein Handy aus der Tasche. Das Licht des Displays schimmert auf seinem Gesicht. Es ist Freitagnacht, Rosen steht an einer Straßenecke in der Aachener Innenstadt. Er gibt eine Nummer in sein Handy ein. Eine kurze Nummer: 110. Die Polizei. Rosen redet mit dem Beamten in der Leitstelle.

Eine Gruppe junger Südkoreaner sei bestohlen worden, eine Tasche mit Laptop, Pass, Kreditkarten sei weg. Kein Raubüberfall. Diesmal nicht. Eher ein Trickdiebstahl. Rosen beendet das Gespräch. Die Polizei sei unterwegs, sagt er. Ein Anruf, mehr kann die Bürgerstreife „Wir helfen Aachen“ diesmal nicht tun.

Karsten Rosen ist seit zwei Stunden in der Aachener Innenstadt unterwegs. Um 0.30 Uhr beginnt die Patrouille mit einer Besprechung in der Komphausbadstraße. Rosen und Wolfgang Ebel teilen die Bürgerstreifen ein. Sie haben die Innenstadt in fünf Zonen unterteilt. 21 Leute wollen in dieser Nacht auf Streife gehen. Rosen und Ebel bilden fünf Gruppen – eine für jede Zone. Es kann losgehen.

Es ist dunkel, aber die Gesichter der beiden Männer sind ausgeleuchtet. Drei Kamerateams filmen. Medienrummel bei den Aufpassern von Aachen. Ihr Projekt, das seit zwei Wochen besteht, hat hohe Wellen geschlagen. Mehr als 4700 Leute haben bis Sonntagabend auf Facebook „Gefällt mir“ geklickt. Jetzt geben die Männer und Frauen, die Aachens Straßen sicherer machen wollen, Interviews.

Beklemmendes Gefühl

In diesem Moment ist von dem beklemmenden Gefühl, das viele Aachener wegen der Raubserie der vergangenen Wochen haben, auf Aachens Partymeile nichts zu spüren. Die Kneipen entlang der Pontstraße sind voll. Leute stehen und sitzen vor den Gaststätten. Der laue Oktoberabend macht es möglich. Feierlaune. Viele sind in Gruppen unterwegs, einige laufen alleine herum. Vielleicht aus Naivität, vielleicht aus Trotz. Oder einfach, weil sie keine Angst vor Überfällen haben. Andere gehen auf Nummer sicher und fahren Taxi.

Die Taxifahrer haben mehr zu tun als sonst, meint Bahram Can, der mit seinem Wagen in der Taxi-Schlange steht. „Es gibt viele Leute, die sich nicht mehr trauen, ein kurzes Stück alleine nach Hause zu gehen“, sagt er. Er fährt derzeit viele kurze Strecken. „Besonders die Frauen haben Angst“, sagt er.

Die Bürgerstreife ist nun unterwegs. Wolfgang Ebel, Karsten Rosen, Tobias Casno und Andreas Ganser bilden eine Gruppe und gehen in Richtung Media Markt. Sie wollen, dass man sich nachts in Aachen wieder sicher fühlen kann. Die Serie von 45 Überfällen raubt ihnen den Schlaf. Deshalb bleiben sie wach und gehen auf Streife. Am ersten Oktoberwochenende hatte die Polizei sieben teils brutale Überfälle gemeldet, einen „besonders schäbigen“ auf einen älteren Mann auf einem Friedhof. Dann reichte es Rosen und Ebel. „Es muss jetzt mal gut sein“, sagt Ebel. Heute vor zwei Wochen starteten Ebel und Rosen ihre Initiative, am nächsten Tag trafen sie sich zum ersten Mal mit Leuten, die ihnen helfen wollen. Wiederum einen Tag später war in Aachen die Shuttle-Party und die Bürgerstreife war zum ersten Mal auf der Straße.

Ebel, 57 Jahre, kennt das Aachener Nachtleben. Er war Türsteher in mehreren Diskotheken, zum Beispiel im B9 und im Königkeller. Er hat ein Sicherheitsunternehmen in Übach-Palenberg und eine Kampfsportschule. Rosen ist Angestellter, 27 Jahre alt und kommt aus Aachen. Angst habe er keine, sagt er. „Aber ich bin vorsichtig.“ Sollten die Bürgerstreifen Zeugen eines Raubüberfalls werden, wollen sie die Polizei rufen. Aber es gebe Situationen, in denen er direkt einschreiten müsse. „Wenn jemand zusammengeschlagen wird, kann ich nicht zuschauen“, sagt Rosen. Er ist sich bewusst, dass er sich dabei in Gefahr bringen kann. „Man weiß nie, ob der Täter ein Messer zieht. Jeder trifft die Entscheidung hier mitzumachen für sich“, sagt er. Wehren könne er sich ganz gut. Rosen macht die Vollkontaktkampfsportart Mixed-Martial-Arts.

Viele Leute, die mit ihnen auf Streife gehen, kennen Rosen und Ebel schon länger. Aber nicht alle. Dass eine solche Initiative auch Gewaltbereite und Rechtsradikale anziehen kann, ist Ebel bewusst. „Wir schauen uns die Facebook-Profile der Leute an“, sagt Ebel. Einen Mann hätten sie abgelehnt. Er habe eine Verbindung zur „German Defence League“ gehabt, laut Ebel eine eindeutig rechte Gruppe. Für den Hintergrund der Mitglieder der Bürgerstreife interessieren sich auch die Behörden. „Der Staatsschutz war bei mir“, sagt Ebel. Der Beamte sei skeptisch gewesen, gab aber sein Okay für die Aktion, sagt er.

Die Gruppe von Ebel und Rosen geht nun über die Wirichsbongardstraße in Richtung Elisenbrunnen. Dort ist was los. Eine Gruppe Jugendlicher löst sich auf, alle rennen in verschiedene Richtungen. Rosen schaut sich das an, er findet aber nicht heraus, worum es geht. An einer Bushaltestelle streiten sich Jugendliche mit einem Erwachsenen. Mehrere Gruppen junger Männer pöbeln und rempeln Leute an. Nichts Konkretes passiert, nichts, wogegen die Bürgerstreife etwas tun kann.

Ebel versucht alles im Blick zu halten: „Hier ist viel Volk unterwegs, das nicht nett ist.“ Damit untertreibt er. Es liegt Aggressivität in der Luft. „Selbst ich fühle mich hier nicht immer wohl“, sagt Ebel. Wie sich Frauen und ältere Menschen erst fühlen müssen, will er sich gar nicht vorstellen.

Die Polizei, die mit einem großen Aufgebot in der Stadt ist (siehe Infobox), hat offenbar auch mitbekommen, dass es am Elisenbrunnen brodelt. Im Minutentakt fahren Streifenwagen vorbei. Eine halbe Stunde geht das so.

Rosen und Ebel gehen weiter. Sie wollen sich mit den anderen Bürgerstreifen treffen, die Routen wechseln. Auf dem Weg zum Treffpunkt wird Rosen langsamer. Ein junger Mann sitzt in einem Geschäftseingang. Er ist betrunken und eingeschlafen. Sein Smartphone hält er in der Hand, das Display leuchtet. Eine Einladung für Räuber. Rosen beugt sich zu dem Mann herunter: „Ist alles klar? Gehen Sie lieber nach Hause.“ Der junge Mann ist verdutzt, steht auf und geht. Er sei schon zweimal in Aachen überfallen worden, sagt er noch. Gelernt hat er daraus scheinbar nichts.

Genauso will die Bürgerstreife handeln: Leute, die alleine unterwegs sind, möchten sie auf Risiken hinweisen. Ebel: „Aber wir können keine Gruppen wegschicken.“

Dann klingelt sein Telefon. Er schaut aufs Display, geht ran und verabredet sich mit einem Polizisten, der in zivil unterwegs ist. Sie treffen sich. „Machst du heute Überstunden?“, fragt Ebel. Dazu will der Polizist nichts sagen.

Die uniformierten Beamten beäugen die Bürgerstreifen skeptisch. Sie fahren langsam an ihnen vorbei und schauen genau, was sie treiben. „Das sind keine freundlichen Blicke. Damit müssen wir vorerst klar kommen“, sagt Rosen. Die Polizei duldet die Bürgerstreife zwar, scheint aber nicht glücklich mit ihr zu sein: „Die wollen nicht, dass wir hier sind. Aber wegen der großen Resonanz auf unsere Aktion können sie nicht sagen, dass sie uns nicht wollen“, sagt Ebel. Er nennt das „Politikgeplänkel“. Mit der Polizei abgestimmt hätten sie sich nicht, „wir laufen neben denen her“, sagt Ebel.

Abschreckung oder Provokation

Ein konkretes Ziel des Projekts zu benennen, fällt Ebel schwer. „Weniger Raubüberfälle wären toll“, sagt er. Und die Leute sollen sich wieder sicherer fühlen. „Wir wollen nicht die Könige der Straße werden. Wir wollen, dass man entspannt durch Aachen laufen kann.“ Jeder in der Gruppe beschreibt das ein wenig anders. Steffen Kreitz möchte, dass die Leute wieder mehr aufeinander achten – „wie auf dem Dorf“. Andreas Ganser will verhindern, dass sich unbescholtene Bürger aus Angst bewaffnen. Stefanie Beckmann will als Frau ein Zeichen setzen.

Das nächste Ziel ist erstmal der Treffpunkt mit den anderen Gruppen. Es gibt Kaffee, Kuchen und Brötchen – soviel Zeit muss sein.

Wer für die Raubserie in Aachen verantwortlich ist? Darüber will Ebel nicht mutmaßen. Er und Rosen sind sich aber bewusst, dass ihre Aktion auch gefährlich werden könnte. Sie wollen mit ihrer Präsenz abschrecken. Es ist aber denkbar, dass sie provozieren. Dass irgendwann eine Bürgerstreife angegriffen wird. Oder dass die Täter zeigen wollen, dass sie trotz allem Überfälle begehen können. „Das ist eine Theorie. Wenn die schon keinen Respekt vor der Polizei haben, warum sollen die dann Respekt vor uns haben“, sagt Rosen.

Dann ist Rosen plötzlich hellwach. Ein Mann kommt auf das jüngste und schmächtigste Mitglied der Bürgerstreife zu. Er ist offensichtlich betrunken oder hat Drogen genommen. Er beschimpft ihn, droht ihm. Sofort stellen sich drei Männer aus der Bürgerstreife dazwischen – alle drei Statur Kleiderschrank. Auch sie haben Mühe den offenbar verwirrten Mann zu beruhigen. Als er endlich abzieht, ruft er noch etwas über Salafisten, Rechtsradikale und reckt die Hand zum Hitlergruß.

Diesmal lässt Karsten Rosen sein Handy in der Tasche.

Leserkommentare

Leserkommentare (18)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert