Bürgerstiftung Lebensraum: Zeit und Ideen sind begehrte Spenden

Von: Sabine Rother
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Unverzichtbar: Bürgerstiftungen brauchen ein gutes Netzwerk, um Projekte zu realisieren. Foto: stock/Westend61
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Ulrich Lieser gehört zum Vorstand der Bürgerstiftung Lebensraum Aachen. Foto: Ralf Roeger

Aachen. Sie ergreifen die Initiative, haben Freude an Gemeinsamkeit und erreichen oft Erstaunliches: Die Mitglieder der Bürgerstiftung Lebensraum Aachen sind offen für jede Art von gesellschaftlichem Engagement. Am kommenden Wochenende (25./26. September) tagt der jährliche Bürgerstiftungskongress des Bundesverbandes Deutscher Stiftungen in Aachen.

Es ist das 46. Treffen des Arbeitskreises Bürgerstiftungen. Die Aachener Stiftung besteht seit zehn Jahren, ein Jubiläum. Wir sprachen mit Ulrich Lieser (57), Vorstandsmitglied der Bürgerstiftung Lebensraum Aachen, über Entwicklung und Ziele dieser Arbeit.

Sie sind Gastgeber dieses bundesweiten Kongresses, wie kommt es dazu?

Lieser: Am 17. Juni sind wir zehn Jahre alt geworden. Deshalb haben wir uns darum beworben, diesmal den Kongress auszurichten. Eine große Aachener Versicherung unterstützt uns durch die Bereitstellung von Räumen, damit wir gute Gastgeber sein können.

Wie viele Stiftungen werden ihre Vertreter nach Aachen schicken?

Lieser: Es kommen rund 80 Akteure von 60 Bürgerstiftungen aus ganz Deutschland.

Welche Stiftungen gibt es in der Region?

Lieser: Die nächstgelegene Bürgerstiftung ist in Stolberg. Nordrhein-Westfalen ist das Bundesland mit den meisten Bürgerstiftungen.

Gibt es von größeren Vereinigungen wie Kathy-Beys-, Hertie- oder Konrad-Adenauer-Stiftung Unterstützung für regionale Initiativen?

Lieser: Ja, durchaus. Die Hertie-Stiftung hat uns zum Beispiel bei unserem Start-Projekt zur Förderung von Jugendlichen mit Migrationshintergrund im Ausbildungsbereich geholfen. Sie erhalten Stipendien.

Wie würden Sie den Begriff Bürgerstiftung umschreiben?

Lieser: Jeder, der Lust und Energie hat, kann etwas tun. Man muss dazu kein großer Mäzen sein. Wir haben Stifter, die einen finanziellen Beitrag leisten, sowie Zeit-Stifter, die in den Projekten mitarbeiten und Freizeit spenden, beides ist gut. Man muss nicht einmal Mitglied sein, wenn man eine gute Idee hat.

Die Thematik des diesjährigen Treffens kreist um Fragen zu Flucht und Asyl, ein Zufall? Oder haben Sie das Motto angesichts der steigenden Flüchtlingszahlen gewählt?

Lieser: Nein, Migration und Vertreibung sind schon länger unser Thema, das sieht man ja bei unseren Projekten. Im Willkommensprojekt engagieren sich rund 140 Menschen, dabei sind 40 aktiv vor Ort etwa in Schulen, im Bildungsbereich. Andere Projekte derzeit vom Flüchtlingsthema überschattet.

Das Projekt „Willkommen für Flüchtlinge“ läuft schon länger. Was ist darunter zu verstehen?

Lieser: Darunter fällt alles, was mit Hilfe zu tun hat. Es begann mit unbegleiteten Jugendlichen, dann ging es bei „King‘s Corner“ um Ausdrucksformen und sogar die Künstlerin Vera Sous hat ein Projekt angeboten.

Gibt es Bereiche, die von Anfang an Thema bei der Stiftung waren?

Lieser: Die Friedensarbeit gehört dazu. Im letzten Jahr stand „70 Jahre Frieden und Freiheit in Deutschland“ im Mittelpunkt. Wichtig war uns stets die Aufarbeitung unserer Vergangenheit. Das Flüchtlingsthema ist doch nicht neu. Nach dem Zweiten Weltkrieg war es schon aktuell, das vergessen manche.

Basisarbeit oder bundesweite Aktivitäten – wo sieht die Bürgerstiftung ihren Schwerpunkt?

Lieser: Das ist wie mit der Politik auf Bundesebene oder auf kommunaler Ebene. Wir sind nah am Menschen. Die Stärke von Bürgerstiftungen ist ihr breites Netzwerk.

Wie ist Ihre persönliche Sicht auf das heutige Stiftungswesen?

Lieser: Ich habe mich schon immer engagiert, einen Kindergarten und vor 30 Jahren das Ökozentrum mitgegründet. Die Bürgerstiftung liefert einen guten und soliden Rahmen. Gleichzeitig ist sie unabhängig von Einzelpersonen, Unternehmen oder der Kommune. Das gefällt mir. Jetzt ist es wichtig, dass wir an den Nachwuchs denken. Projekte für junge Leute helfen dabei.

Was bedeutet das Gütesiegel, das während des Kongresses in Aachen wieder Stiftungen verliehen wird?

Lieser: Es gibt zehn Merkmale, an denen sich Bürgerstiftungen orientieren sollten, dazu gehört die Unabhängigkeit. Das Siegel ist ein Ausweis dafür, dass eine Bürgerstiftung „echt“ ist, das ist wichtig, wenn man Stifter und Spender überzeugen will. Der Name Bürgerstiftung ist rechtlich leider nicht geschützt.

Wie stark ist die Bürgerstiftung Lebensraum Aachen?

Lieser: Mit den Zinsen aus einem Grundkapital von derzeit 165.000 Euro könnte man momentan lediglich die Briefmarken für unsere Korrespondenz finanzieren. Das ist nicht viel. Tatsächlich leben wir von Spenden, die wir für konkrete Projekte akquirieren.

Was sind das zurzeit für andere Projekte?

Lieser: Ein Beispiel ist das Thema Thermalwasser. Geplant ist ein Straßenmuseum in der Aachener Innenstadt, das die vielfältigen Aspekte des Thermalwassers beleuchtet. Im Kurpark Burtscheid an der Rosenquelle ist quasi als Probelaufeine Station mit umfangreichen Informationen zu den Aachener Quellen entstanden. Da haben wir gemeinsam mit der Stadt Aachen und mit einem privaten Sponsor ein repräsentatives Brunnenhaus mit einer Medienstation eingerichtet, da waren Profis im Einsatz. Es war schön zu sehen, dass dafür auch zehn Ingenieurbüros gespendet haben.

Mit welchen Ideen lässt sich heute noch Geld sammeln?

Lieser: Das sind oft ungewöhnliche Sachen. Ein Drogeriemarkt hat uns kürzlich zum Beispiel die Einnahmen aus zwei Stunden eines Tages überlassen. Das war großartig, wir haben natürlich Werbung für diese zwei Stunden gemacht. Bei einer anderen Aktion durften wir eine Sammelbox bei dem Flaschenautomaten in einem Supermarkt aufstellen. Die Box hat sich mit Pfandbons gefüllt.

Wie sieht es mit der Spendenbereitschaft größerer Sponsoren aus?

Lieser: Wir haben zum Glück gute und weit gestreute Kontakte, sowie Mitglieder, die hervorragend Geld einzusammeln können.

Wie überzeugen Sie denn einen potenziellen Sponsor davon, dass er ein Projekt fördern sollte?

Lieser: Durch die jeweilige Idee, die regional und sehr konkret sein sollte. Und es geht um Sympathie. Wir sind politisch nicht gebunden, das wäre ein großer Fehler. Parteipolitische Auseinandersetzungen, wie sie die Menschen überall beobachten, wird es bei dieser Bürgerstiftung nicht geben. Ein Projekt muss den Bürgern einer Region nützen.

Wo ist es denn im Moment besonders schwer?

Lieser: Bei unserem umfangreichen Thermalwasser-Projekt. Da sind die großen Stiftungen zögerlich und sagen, dass die Stadt Aachen mehr zahlen soll, weil es ihr doch nützt. Aber die Kassen der Stadt sind leer.

Wie verhalten sich Verwaltungen gegenüber den Bürgerstiftungen?

Lieser: Ich teile nicht die Generalschelte über Politik und Verwaltung. Da gibt es immer wieder tolle Leute, und die kennen wir zum Glück.

Aber einfach ist es doch nicht immer, oder?

Lieser: Die deutsche Bürokratie hat einen Level erreicht, der sich auf vieles auswirkt. Das macht die Arbeit manchmal zäh und schwerfällig.

Was verbindet diese Art der Stiftungen noch mit den bekannten wohltätigen Bürgerstiftungen des Mittelalters?

Lieser: Es gab früher den Stiftungsgedanken aus religiöser Überzeugung, der zugleich mit Eigennutz verbunden war, ob in wirtschaftlicher Hinsicht oder weil man an sein Seelenheil dachte. Der heutige Bürgerstiftungsgedanke stammt aus der Mitte der 90er Jahre und ist geprägt von der Einstellung: Uns geht es gut, alle können sich regional und sozial engagieren. Schon Studenten oder Leute mit wenig Geld bringen sich ein.

Bedeutet Bürgerstiftung ein neues Selbstbewusstsein der Bürger?

Lieser: Ganz ohne Zweifel gibt es ein wachsendes Bedürfnis der Menschen in Deutschland, sich für etwas zu engagieren. Der Vorteil einer Bürgerstiftung ist ihr breites Spektrum vor Ort.

Wie bewältigen Sie den Dschungel der Gesetze und Bestimmungen?

Lieser: Davon darf man sich nicht abschrecken lassen. Wir haben zum Glück einen Profi bei der Verwaltung der Finanzen. Aber das wäre zum Beispiel auch ein Bereich, den man sponsern könnte, etwa durch eine entsprechende hauptamtliche Kraft, die ein Spender bezahlen würde. Als ehrenamtlicher Vorstand haftet man persönlich, das ist ein wichtiges Thema.

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