Brückenabriss im Aachener Kreuz: Keine Chance für Schaulustige

Von: Claudia Schweda und Andreas Gabbert
Letzte Aktualisierung:
luftbild
Von oben besehen, sieht die Aufgabe überschaubar aus: Ab Samstag, 20 Uhr, fällt der rechte Teil der Brücke über die A4. Die Arbeiter haben genau 24 Stunden Zeit. Foto: M. Kistermann

Würselen. Helmut Helzle hat derzeit alle Hände voll zu tun. Und seinen 64. Geburtstag vor vier Tagen wird er am Wochenende wohl kaum mit der Familie feiern können - beruflich bedingt. Der Bauingenieur in Diensten des Landesbetriebs Straßen.NRW ist der Projektleiter des Umbaus des Aachener Autobahnkreuzes.

Und am Samstag steht ab 20 Uhr das bislang wohl Spannendste seiner gesamten Laufbahn auf dem Programm: Genau 24 Stunden Zeit sind eingeplant, um die östliche Hälfte der zentralen Brücke über die A4 abzubrechen. Gesperrt sind nur der Kernbereich unter der Brücke und die vier inneren Schleifen. Die andere Hälfte der A44-Brücke und die Ränder des Verkehrsknotenpunktes sind für den Verkehr weiterhin freigegeben.

Herr Helzle, sind Sie aufgeregt?

Helzle: Ja, klar.

Was kann schief gehen?

Helzle: Ach, eigentlich nichts. Aber das ist schon ein Ereignis. Ein Riesenprojekt. Offen ist zum Beispiel, ob die Verkehrsführung während der Sperrung funktioniert. Was passiert genau, wenn die Menge Autos, die vom Europaplatz oder aus Richtung Holland kommen und nach Köln wollen, nach Aachen-Brand fahren, dort wenden und so in Richtung Köln geführt werden? Da müssen wir gucken, wie weit es sich staut.

Mit Staus rechnen Sie sicher?

Helzle: Es wird Sonntag rund ums Kreuz auf jeden Fall zu Verkehrsbehinderungen kommen. Aus der Erfahrung heraus wird es ab 11 Uhr enger. Wahrscheinlich löst sich der Stau Sonntag auch nicht mehr auf, bis wir um 20 Uhr die Sperrung aufheben.

Und was kann beim Abbruch selbst schief gehen?

Helzle: Das einzige, was passieren kann, ist, dass die Zeit nicht reicht; dass die beauftragte Firma es nicht schafft, in 24 Stunden die Fundamente der alten Brückenhälfte mit herauszuholen. Die 24 Stunden reichen auf jeden Fall, um alle Aufbauten auf der Brückenhälfte, die Fahrbahnplatte und die Mittelstützen inklusive Fundamente wegzunehmen. Vielleicht auch die Außenteile. Wenns gut klappt, sind sie beide weg, wenns ´n bisschen weniger gut klappt, ist nur die eine Seite weg, und wenns gar nicht klappt, sind beide Außenseiten nach dem Wochenende noch da.

Und dann? Wieder eine Vollsperrung?

Helzle: Nein. Um Gottes Willen. Dann würde in der Woche oder am nächsten Wochenende nur einmal für wenige Stunden eine Fahrbahn ein bisschen verengt. Das wärs.

Wie plant man einen solchen Abbruch?

Helzle: Zuerst mal muss man gucken, dass man eine vernünftige Firma findet. Weil wir aus Sicherheitsgründen die Brückenhälfte mit einem Mal abreißen, muss da schon eine große Firma ran, die auch entsprechendes Gerät hat. Die, die da in Frage kommen, können Sie an einer Hand abzählen.

Von welcher Baggergröße reden wir denn für Samstagnacht?

Helzle: Jeder wiegt 35 Tonnen. Wenn so ein Gewicht gegen eine Stütze schlägt, fällt die von alleine um.

Was heißt „jeder”?

Helzle: Wir haben acht solcher Riesendinger im Einsatz. Die fangen oben auf der Brücke an und zerstören die Fahrbahnplatte, bis nur noch die tragenden Balken übrigbleiben. Dann fahren sie runter auf die A4, beißen von unten die Balken mit riesigen Scheren weg und hauen die Stützen um.

Acht große 35 Tonnen Bagger bei Fluchtlicht, die 1500 Kubikmeter Beton und Stahl abreißen. Das ist ein echtes Spektakel. Mit wie vielen Schaulustigen rechnen Sie?

Helzle: Die Polizei wird vor Ort sein und jeden Schaulustigen vertreiben. Wo wollen die denn hin, um etwas zu sehen? Wir raten allen: Kommt gar nicht erst! Auf der Aachen zugewandten Seite sehen sie nichts. Sie müssen also auf die Ostseite Richtung Köln. Aber die beiden Fahrstreifen aus Richtung Aachen-Brand auf die A4 und von der A4 in Richtung Düsseldorf sind dick unter Verkehr. Da fährt ja alles, was eigentlich unter der Brücke durchfahren wollte. Über diese Fahrstreifen zu Fuß drüberzulaufen, um zur Baustelle zu kommen, ist lebensgefährlich. Also hätten wir eine Fußgängerbrücke bauen müssen, damit die Leute in die Nähe der Baustelle kommen. Das ist dann doch etwas übertrieben.

Kann man denn die Arbeiten sehen, wenn man von Düsseldorf Richtung Belgien oder umgekehrt oben auf der Brücke fährt?

Helzle: Das wäre viel zu unfallträchtig. Nein. Wir haben einen Bauzaun mit Sichtschutz aufgestellt.

Und von unten? Wenn jemand extra von Eschweiler aufs Kreuz zufährt, um einen Blick auf die Baustelle zu erhaschen?

Helzle: Die Autofahrer werden auf der A4 aus Richtung Eschweiler sehr schnell nach rechts abgeleitet. Wirklich was sehen kann man da nicht. Viel besser verfolgen kann man die Arbeiten über die Live-Bilder der speziell dafür aufgebauten Webcam, die unter www.ak-aachen.de ins Internet gestellt werden.

Sind Sie zufrieden mit dem Verlauf des Kreuzumbaus?

Helzle: Ja. Wobei - die fünf Winterwochen vor Weihnachten sind weg. Die tun uns schon weh. Aber wenn das der einzige Wintereinbruch bleibt, an dem wir nicht bauen können, dann sind wir zufrieden. Und Staus haben wir mit den Bauarbeiten bisher nur ganz selten ausgelöst - und wenn überhaupt, dann an Samstagen; etwa als wir für Kanalquerungen oder den Behelfsbrückenbau einspurig führen oder kurz voll sperren mussten.

Haben Sie den Eindruck, dass die Autofahrer mit der Verkehrsführung während der Bauphase zufrieden sind?

Helzle: Am Anfang habe ich sehr viele E-Mails gekriegt. Aber in der letzten Zeit gar keine mehr. Ich gehe also davon aus, dass die Leute im Moment wenig zu meckern haben. Probleme entstehen vor allem, weil es sehr viele Leute gibt, die nicht auf die Schilder gucken. Das ist derzeit zum Beispiel wichtig, wenn man auf der A44 von Düsseldorf kommt und nach Belgien einfach geradeaus weiterfahren will. Dafür muss man auf die linke Spur rüberwechseln. Das ist auf der Autobahn ungewöhnlich. Das irritiert den Verkehrsteilnehmer. Aber die Schilder sagen das eindeutig aus. Die Leute gucken nur nicht. Deswegen merken sie im letzten Moment: Oh, halt, ich muss nach links rüber! Es hat zum Glück noch keinen Unfall gegeben.

Das grenzt an ein Wunder, bei einer Strecke von knapp 500 Metern, die nach der Baustelle vor dem Kreuz zum Wechseln bleiben.

Helzle: Meiner Meinung nach ist das sehr ordentlich ausgeschildert. Das Problem ist: 80 Prozent fahren immer die gleiche Strecke - die gucken eh nicht. Von den restlichen 20 Prozent haben noch zehn Prozent ein Navi. Dann bleiben noch zehn Prozent, die wirklich auf die Schilder gucken. Aber ein bisschen besser wird es wohl werden, wenn die Baustelle zwischen Broichweiden und dem Kreuz in zwei, drei Wochen von der Autobahn verschwindet.

Sind Sie während des Abrisses der Brückenhälfte im Kreuz die ganzen 24 Stunden auf der Baustelle?

Helzle: Das wird sich zeigen. Irgendwann in der Nacht werde ich wohl versuchen, mal eine Mütze Schlaf zu bekommen. Aber viel wird das nicht werden.

Am Samstag wird von 8 bis 18 Uhr die Aus- und Auffahrt der Anschlussstelle Aachen-Laurensberg an der A 4 in Richtung Niederlande gesperrt. Die Umleitungen sind über die Anschlussstelle Aachen-Zentrum mit dem „Roten Punkt” ausgeschildert. Hintergrund sind laut Landesbetrieb Gehölzarbeiten, die von der Autobahnmeisterei nur von der Aus- bzw. Auffahrt aus erledigt werden können. Die Autobahn selbst ist nicht betroffen.
Leserkommentare

Leserkommentare (0)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert