Breite Blutspur durch den Osten Belgiens

Von: Joachim Zinsen
Letzte Aktualisierung:
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Eine Postkarte dokumentiert die Zerstörungen in Battice. Auch hier erschossen deutsche Soldaten Anfang August 1914 als Racheakt für vermeintliche Partisanenüberfälle zahlreiche Zivilisten. Foto: Sammlung Ruland
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Neun Tage nach der Eroberung von Visé wüteten deutsche Truppen in dem belgischen Städtchen. Anschließend war der Ort nur noch ein Trümmerfeld. Stolz posieren zwei kaiserliche Soldaten. Foto: Sammlung Ruland
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Die deutsche Presse erzählt Schauermärchen: Immer wieder berichten Zeitungen über „hinterhältige belgische Zivilisten“, die arglose deutsche Soldaten angreifen. Foto: Sammlung Ruland

Aachen. Am 16. August 1914 starb das alte Visé. Neun Tage, nachdem das beschauliche belgische Städtchen an der Maas von deutschen Truppen erobert worden war, rückten Königsberger Pioniere in den besetzten Ort ein. Was in den folgenden Stunden geschah, darüber gibt es Aussagen mehrerer Zeitzeugen.

Übereinstimmend berichten sie von einem gewaltigen Saufgelage der deutschen Soldaten. Manche von ihnen sollen wie wild mit ihren Gewehren um sich und wohl auch aufeinander gefeuert haben. Plötzlich habe jemand geschrien: „Man schießt auf uns.“ Daraufhin sollen die Soldaten, die hinter den Schüssen Zivilisten vermuteten, in einen wahren Blutrausch verfallen sein. Ein Journalist aus den neutralen Niederlanden, der die Ereignisse verfolgte, schrieb kurze Zeit später: „Die Soldaten, die am stärksten betrunken waren, feuerten in verschiedenen Teilen der Stadt gleichzeitig auf Türen und Fenster, so dass die Bewohner im Inneren zu schreien anfingen, was die rasenden und betrunkenen Soldaten nur noch mehr erregte. Sie erzwangen sich den Zugang zu mehreren Häusern und schlugen die erschreckten Einwohner nieder, wenn diese versuchten, sie aufzuhalten.“

Zwei Tage lang wütete die Soldateska in Visé. Der Ort wurde geplündert, rund 600 Häuser wurden niedergebrannt, 23 Einwohner getötet. Die Deutschen trieben anschließend viele Bewohner von Visé über die Grenze in die Niederlande, andere – mehr als 600 – deportierten sie ins Deutsche Reich. Am 18. August glich das Städtchen einem Trümmerfeld.

Fahne gehisst – erschossen

Visé ist kein Einzelfall. Schon mit Beginn des Überfalls auf Belgien begingen deutsche Truppen erste Massaker an der Zivilbevölkerung. Battice, Herve oder Dolhain sind nur einige Orte, in denen die Soldaten in den Tagen unmittelbar nach dem 4. August erschießen, plündern und brandschatzen. Mal wurde, wie in Gemmenich am 6. August, ein Mann an die Wand gestellt, weil er eine belgische Fahne an seinem Haus gehisst hatte. Mal waren es, wie in Melen, mehr als hundert Männer, Frauen und Kinder, die exekutiert wurden. Durch dutzende Orte zogen die deutschen Eindringlinge eine breite Blutspur hinter sich her, vor allem im Gebiet zwischen der deutsch-belgischen Grenze und der Maas. Allein hier wurden nach Angaben der Historiker John Horne und Alan Kramer bis zum 8. August mindestens 850 Zivilisten ermordet und 1300 Häuser abgefackelt. Die beiden Dubliner Wissenschaftler haben diese Verbrechen in ihrem Buch „Deutsche Kriegsgreuel 1914 – Die umstrittene Wahrheit“ ausführlich dokumentiert. Insgesamt gehen sie in ihrem Standardwerk von mehr als 6000 Zivilisten aus, die in Belgien und Nordfrankreich in den Jahren 1914/1915 von deutschen Truppen erschossen wurden.

Dass es zahlreiche mörderische Übergriffe gegeben hat, ist in der Geschichtsschreibung längst unstrittig. Diskutiert wird, was sie ausgelöst hat. „Ein direkter Befehl der Obersten Heeresleitung zu solchen Massakern ist nach meiner Kenntnis bisher nicht nachgewiesen worden“, sagt der Historiker Herbert Ruland von der Autonomen Hochschule der Deutschsprachigen Gemeinschaft in Belgien. „Aber die Übergriffe haben zum Teil unter den Augen von höchsten Militärs stattgefunden. So zum Beispiel in der Umgebung von Herve. General Otto von Emmich, der den Angriff auf Lüttich leitete, richtete hier am Nachmittag des 4. August sein Hauptquartier ein. Er und General Erich Ludendorff waren mittendrin, als gegen Zivilisten vorgegangen wurde.“

Ruland nennt als einen Auslöser der Massaker eine regelrechte „Franctireur-Psychose“ unter den deutschen Soldaten, ihre ständige Angst vor Partisanenüberfällen. „Sie resultierte aus den Erfahrungen des deutsch-französischen Krieges 1870/71. Damals gab es kleine französische Einheiten, die oft in Zivilkleidung hinter den deutschen Linien operierten und einen partisanenähnlichen Kleinkrieg führten.“ Die Angst vor solchen „Franctireurs“ sei 1914 von der deutschen Propaganda massiv geschürt worden. „Schon in den ersten Augusttagen berichtete die zensierte deutsche Presse über schlimmste Übergriffe von belgischen Zivilisten auf deutsche Militärangehörigen“, sagt Ruland. „Da war die Rede davon, dass deutsche Soldaten von der hinterhältigen belgischen Zivilbevölkerung zwar zunächst freundlich aufgenommen, dann aber nächtens ermordet oder verstümmelt worden seien. Das waren jedoch reine Schauermärchen, die mit der Realität nichts zu tun hatten.“

Zu einem ähnlichen Ergebnis kommen auch Horne und Kramer. Sie betonen zwar, es lasse sich die Möglichkeit nicht völlig ausschließen, dass ortsansässige belgische Bürger „vereinzelt Sabotageakte verübt oder auf die deutschen Angreifer geschossen“ hätten. Aber von einem Volksaufstand der belgischen Zivilbevölkerung gegen die einmarschierenden Truppen könne überhaupt nicht die Rede sein – auch wenn Kaiser Wilhelm II. dies am 9. August 1914 behauptet habe. Im Gegenteil: Noch am 5. August, so Kramer und Horne, habe der belgische Innenminister seine Landsleute aufgerufen, den Widerstand gegen die Invasoren allein der Armee und der Garde Civique zu überlassen. Aktionen einzelner Individuen habe die belgische Regierung ausdrücklich verboten.

Die beiden Historiker sehen noch einen zweiten Auslöser für die Massaker. „Es war der Widerstand Belgiens als Nation, der die deutschen Soldaten in Wut versetzte“, schreiben die Wissenschaftler. Ein militärischer Widerstand, der die kaiserlichen Truppen überrascht habe.

Am 2. August hatte das Deutsche Reich dem neutralen Belgien ein Ultimatum gestellt und das Land aufgefordert, seine Truppen ungestört Richtung Frankreich ziehen zu lassen. Doch die gerne als ein Haufen von „Praliné-Soldaten“ verspottete belgische Armee stellte sich dem Kampf. Rund um Lüttich verschanzten sich Teile von ihr in hochmodernen, schwer bewaffneten Forts aus starkem Beton. Statt wie erhofft die strategisch wichtige Stadt quasi im Vorbeimarsch besetzen zu können, sahen sich die deutschen Truppen schnell in heftige Gefechte verwickelt. Dadurch geriet nicht nur ihr Zeitplan durcheinander. Der Sturm auf die Forts forderte auch einen enormen Blutzoll. Einzelne Einheiten verloren mehr als die Hälfte ihrer Mannschaften. Immer wieder blieben die Angriffe im schweren Artilleriefeuer der belgischen Verteidiger liegen, immer wieder mussten sich die deutschen Soldaten zurückziehen.

Das Massaker von Soumagne

So auch am 5. August. Nachdem ihr Sturm auf das Fort Fleron erneut gescheitert ist, ziehen sich Teile der 14. Deutschen Brigade in das Dorf Soumagne zurück. Dort lassen sie ihrer Wut und Enttäuschung freien Lauf. Zunächst werden Häuser geplündert und die Bewohner in die Kirche des Ortes gesperrt. Kurz Zeit später sortieren die deutschen Soldaten mehrere Dutzend Männer aus, führen sie auf ein Feld und erschießen sie. Um sicher zu sein, dass niemand überlebt, stoßen die Soldaten mit Bajonetten in den Berg aus Opfern. Doch einer der Männer übersteht das Massaker, weil er, wie er kurze Zeit später einer belgischen Untersuchungskommission erzählt, die Kraft gefunden habe, nicht zu schreien, als sich zwei Mal ein Bajonett in seinen Körper bohrt.

In Soumagne kamen an diesem Tag 118 Einwohner um. Mehr als 100 Häuser wurden zerstört. Als Begründung für das Massaker sollen die deutschen Soldaten gegenüber den Dorfbewohnern geäußert haben: „Es sind eure Brüder, die vom Fort Fleron auf uns schießen.“ Die Überlebenden, etwa 300 bis 400 Personen, wurden laut Kramer und Horne zwei Tage später von den Deutschen beim Einmarsch in Lüttich als lebende Schutzschilde missbraucht.

Die Massaker an der belgischen Bevölkerung führten schon 1914 zu einer weltweiten Welle der Empörung, nicht zuletzt in den neu-tralen Ländern, insbesondere in den USA. „Deutschland wurde das Recht abgesprochen, sich weiter als Kulturnation zu betrachten“, sagt Herbert Ruland. „Gleichzeitig wurden Hilfskommitees zur Versorgung der belgischen Zivilbevölkerung gegründet – beispielsweise die ,Commission for Relief in Belgium‘ des späteren US-Präsidenten Herbert C. Hoover.“

Die deutsche Reichsregierung antwortete darauf 1915 mit einem Weißbuch. In ihm waren Aussagen deutscher Soldaten gesammelt, die die These vom Franctireurkrieg untermauern sollten. Der darin verbreitete Mythos, belgische Zivilisten hätten die kaiserlichen Soldaten immer wieder hinterrücks überfallen, hielt sich über Jahrzehnte und prägte lange das Bild vieler Deutscher von den Ereignissen in Belgien. Erst 1958 stellte eine deutsch-belgische Historikerkommission fest, dass das Weißbuch als ernstzunehmende Quelle ausscheidet, weil die darin getätigten Aussagen „planmäßig verfälscht worden sind“.

In Belgien haben die Massaker über Jahrzehnte das Verhältnis zu Deutschland nachhaltig gestört. Vor allem, weil nie einer der Täter von damals vor Gericht gestellt, geschweige denn verurteilt worden ist.

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