Braunkohle: Der Gewerkschafter kommt zur rechten Zeit

Von: Marlon Gego
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„Dass Deutschland Exportweltmeister ist, das beginnt genau hier im Rheinischen Revier, in der Grube“: Michael Vassiliadis (SPD), Vorsitzender von 650 000 IGBCE-Mitgliedern in Deutschland. Foto: Marlon Gego

Titz. Wenn Michael Vassiliadis sich erst mal warm geredet hat, dann hört er so schnell nicht wieder auf, dann kommt mal auf den Tisch, was ohnehin schon lange raus musste.

Also rief Vassiliadis seinen Leuten zu, so laut, dass es wahrscheinlich noch fünf Kilometer weiter im Klimacamp zu hören war: „Protestieren, liebe Kolleginnen und Kollegen, das dürfen sie. Aber rumzumoralisieren und so zu tun, als würden sich die Bergleute an der Welt versündigen, das dürfen sie nicht.“ „Sie“, das sind die Umweltaktivisten im Klimacamp. Das Publikum tobte.

Die Delegation aus Cottbus

Michael Vassiliadis (SPD) ist Vorsitzender der Industriegewerkschaft Bergbau, Chemie, Energie (IGBCE), die bundesweit 650 000 Mitglieder hat, in der auch viele RWE-Mitarbeiter im Rheinischen Revier organisiert sind. Donnerstagabend sprach Vassiliadis an der IGBCE-Mahnwache in der Nähe der A 61-Abfahrt Jackerath, die dort anlässlich der Klimaproteste im Rheinischen Revier eingerichtet worden ist. Name der Mahnwache: „Schnauze voll!“ Mit Ausrufezeichen.

Die weiteste Anreise hatte am Donnerstag eine Delegation des IGBCE-Bezirks Cottbus, sechs Männer waren quer durch die Republik gefahren, fast 700 Kilometer. Sie berichteten von den „Ende Gelände“-Protesten vergangenes Jahr in der Lausitz, als 4000 Umweltaktivisten nicht nur in einen Tagebau, sondern sogar ins Kraftwerk „Schwarze Pumpe“ eingedrungen waren. Sie berichteten von der Angst und von den seelischen Verletzungen, die einige Bergleute damals erlitten. Für einen Berufsgewerkschafter wie Vassiliadis eine Steilvorlage.

„Dass 2015 im Rheinischen Revier und vergangenes Jahr in der Lausitz die brutale Gewalt der Aktivisten kaum juristische Konsequenzen hatte“, rief Vassiliadis ins Mikrofon, „das untergräbt das Vertauen in den Rechtsstaat, besonders das der Bergleute.“ Die 400, vielleicht knapp 500 Menschen, die Donnerstagabend an der Mahnwache standen, applaudierten langanhaltend.

Was die Nerven der Bergleute besonders strapaziert, ist die ständige Diskussion über die Braunkohle und damit über ihre Arbeitsplätze. Vassiliadis erinnerte daran, dass die Energiekonzerne, die in Deutschland noch Bergbau betreiben, schmerzhafte Zugeständnisse an die Bundesregierung hätten machen müssen, dass bis 2030 etwa 40 Prozent CO2-Emissionen einzusparen seien.

Im Gegensatz zu anderen Branchen, die einfach weitermachen wie bisher, sagte Vassiliadis, und meinte vor allem die Automobilindustrie. Dass verschiedene Interessengruppen an der Vereinbarung zwischen Energiekonzernen und Bundesregierung nun immer wieder versuchen würden zu rütteln, sei nicht akzeptabel.

Vassiliadis warnte vor dem „Brachialausstieg aus einer weiteren Schlüsseltechnologie“. Wenn nach dem Atomausstieg nun auch entgegen den Absprachen das schnelle Ende aus der Braunkohle diskutiert würde, dann bedeute dies das Ende des Industriestandortes Deutschland, das Ende der Exportrekorde.

Dabei gehe es nicht um die Frage: Klimaschutz ja oder nein?, sondern darum, der Welt zu zeigen, wie eine Energiewende erfolgreich vollendet werden kann. Deutschland könne für andere Industriestaaten in dieser Hinsicht Vorbild werden. „Aber das wird nicht gehen, wenn wir uns ohne Not von einer weiteren Schlüsseltechnologie verabschieden und die Wirtschaft zusammenbricht.“

Wieder gab es Applaus, die Bergleute jubelten. Es hatte den Anschein, als hätte Vassiliadis für sie gerade zur rechten Zeit mal wieder im Revier vorbeigeschaut.

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