Maastricht - Brand in den Mergelgrotten: Schlossherr Harkema und das Feuer

Brand in den Mergelgrotten: Schlossherr Harkema und das Feuer

Von: Christoph Pauli
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Opfer des Rauchs: 10.000 Wein- und Champagnerflaschen in Peter Harkemas Keller sind nach dem Feuer in den Mergelgrotten... Foto: Christoph Pauli
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... beim Chateau Neercanne mit ölig-klebrigem Ruß überzogen. Der Schaden geht in den sechstelligen Bereich. Foto: Peter Harkema
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Maastricht. Der süßliche Brandgeruch hat sich auch nach ein paar Tagen noch nicht vertreiben lassen, er liegt wie eine Wolke über dem Schloss. Die Propeller der Lüfter rotieren, aber es wird noch ein Weilchen dauern, bis die olfaktorische Belastung verflogen ist. Peter Harkema sagt, dass er den Geruch kaum noch registriere, er hat sich in den letzte Tage schon fast an ihn gewöhnt.

Harkema ist der Direktor des bekannten Chateaus Neercanne in Maastricht. Seit 33 Jahren ist er dort mit seiner Frau Ans der „Schlossherr“. Das Chateau aus dem 17. Jahrhundert liegt unmittelbar an der belgisch-niederländischen Grenze. Wegen der vielen Barockgärten auf vier Ebenen wird es auch der „Balkon der Niederlande“ genannt.

Die Harkemas selbst wohnen auf dem Gelände in einer Höhle – wenn man so will in einer Diensthöhle. Das klingt viel unkomfortabler als es in Wahrheit ist. Auf der Rückseite des Schlosses liegen die Mergelgrotten. Eine Touristenattraktion. Die Harkemas nutzen eine dieser „Höhlen“ als gemütliches Zuhause. Der Direktor könnte stundenlang aus den vergangenen Jahrzehnten erzählen. Aber gerade hat er ein großes Unglück erlebt, das noch schlimmer hätte enden können als ohnehin schon.

Vor knapp zwei Wochen, am 20. Juli, entdeckte seine Frau Rauch in der Wohnung. „Es war Donnerstag um 21.15 Uhr“, sagt ihr Mann. Das Datum hat sich, nun ja, eingebrannt. In den weitverzweigten Grotten war ein Feuer ausgebrochen.

War es Brandstiftung?

Nach bisherigen Erkenntnissen brach das Feuer an fünf Stellen fast zeitgleich aus. Im Nachbardorf ist die Rede von Brandstiftung. Der Eingang zu den Höhlen ist in Belgien, und ein Landwirt von der belgischen Seite hatte in dem Labyrinth mit Erlaubnis der Gemeinde Riemst etwa 800 Kubikmeter Heu gelagert. Allerdings bereits auf niederländischer Seite, denn die Grenze verläuft mitten durch die Grotten. Nach dem Feuer gab es zwei Festnahmen, aber die Männer sind wieder frei. Im Dorf munkelt man von einem Streit mit dem Landwirt, bewiesen ist nichts.

Die enormen Rauchwolken haben den gesamten Grenzbereich zwischen Kanne und den Maastricht eingenebelt. 80 Feuerwehrleute waren vor Ort. Die Brandexperten entschieden sich, das Heu teilweise kontrolliert abbrennen zu lassen, aber viele Kubikmeter wurden auch aus den Gängen geholt. Die kilometerlangen unterirdischen Höhlen wirkten wie eine Art Kamin, der den Rauch über viele Bereiche verteilt. Der Rauch und das Kohlenmonoxid suchten sich ihre Wege.

Bewohner wurden evakuiert, eine Woche lang wurden Brandwachen gestellt, der Schaden alleine in den Mergelgrotten geht in den sechsstelligen Bereich. Immer noch werden die Eingänge bewacht, um zu verhindern, dass Touristen die einsturzgefährdeten Bereiche betreten.

Das Chateau Neercanne nutzt die Grotten für die eigene Logistik. Hier sind Küche, Patisserie, Lounge, Partykeller, der Kühlbereich und der große Weinkeller untergebracht. Nach dem Feuer sind die Geräte unbrauchbar. Eben noch weiße Möbel sind nun mit ölig-klebrigem Ruß überzogen. Der Boden ist eingeschwärzt. Die Räume werden monatelang nicht mehr benutzbar sein.

Der Betrieb läuft trotzdem weiter: Zwei Tage nach dem Brand wollten zwei Hochzeitsgesellschaften in Höhle und Festsaal feiern. „Wir wollten nicht absagen“, sagt der Direktor. Improvisieren gehört zum Geschäft. Kurzfristig wurde draußen ein Pavillon installiert. Die andere Gruppe durfte im Restaurant feiern. Gästen, die vorab einen Tisch reserviert hatten, wurde telefonisch die besondere Lage mitgeteilt. Es wurde ein feiner Abend, zum ersten Mal legte ein DJ im Fine-Dining-Bereich auf. „Es war großartig“, sagt Harkema.

Man muss sich den Schlossherren immer noch als fröhlichen Menschen vorstellen. Das historische Chateau ist bei dem Unglück verschont geblieben. Der Hotelier freut sich über die Hilfsbereitschaft, die er und sein Team erfahren. Die Gäste kommen weiterhin, ein Spezialist hat sich gemeldet, der schon einmal die Brandfolgen in einer Kirche mit Mergelstein beseitigt hat. „Das Unglück ist fast ein bisschen Werbung für uns“, meint Harkema. „Wir müssen wieder neu anfangen“, hat er seinem Chefkoch Hans Snijders gesagt. Seit 1986 besitzt das Restaurant durchgehend einen Michelinstern. Bei Trip advisor wird es als bestes von 336 Restaurants in Maastricht geführt.

Die tiefgefrorenen Vorräte mussten alle vernichtet werden. Im Chateau haben sie im Innenhof inzwischen die Kühlschränke aufgestellt. Vorgekocht wird im Restaurant Château St. Gerlach, das zur Hotelkette gehört. Inzwischen gibt es bereits wieder eine kleine Karte. Der Guide Michelin ist informiert über das Unglück, der Stern ist nicht gefährdet, da brennt nichts an, auch wenn die Voraussetzungen für die gehobene Küche in den nächsten Monaten schwierig sein werden.

Peter Harkema erzählt gerne die Geschichte von den europäischen Staats- und Regierungschefs, die sich vor 26 Jahren in Maastricht zum Gipfel trafen. Auf der Tagesordnung stand die Vorbereitung des Euros. Um das Treffen ein bisschen angenehmer zu gestalten, lud die Gastgeberin, die niederländische Königin Beatrix an diesem 9. Dezember 1991 ein in das Terrassenschloss. Die Väter und Mütter des Euros aßen zu Mittag in der französischen Sterneküche. Natürlich ging es auch in den Weinkeller, an der Wand haben die Repräsentanten im weichen Mergelstein unterschrieben. Ihre Signatur ist mit einer Glasplatte geschützt.

Das war natürlich auch eine der Fragen, die nach dem Brand schnell aufkamen: Wie hat das Andenken im Weinkeller das Feuer überstanden? Unter Atemschutz machten sich ein paar Feuerwehrmänner auf in das Gewölbe, sie kamen stolz mit einem „Selfie“ zurück: Entwarnung.

Vielleicht waren Mitterand, Kohl, Major oder Andreotti die ersten Gäste, die ihre Namen in den Sandstein geritzt haben. Inzwischen haben sich tausende Besucher bei Kerzenschein und einem Aperitif in den Mergelgrotten verewigt. „Das ist unser Gästebuch“, sagt Harkema und grinst. Es hat kaum gelitten.

Gelitten haben indes die Wein- und Champagnervorräte. 10.000 Flaschen lagern im Gewölbe, eine feine Staubschicht umschließt jetzt die Gefäße. Mit dem Rauch ist auch ein kleiner Ölfilm in das Labyrinth gezogen. Das Öl hat sich in kleinen Dosen an den Flaschen zwischen Korken und Flaschen abgesetzt. Vielleicht ließen sich die Weine jetzt noch trinken, in ein paar Monaten sind sie ungenießbar, haben Önologen bereits vorhergesagt. Die gesamte „Ernte“ ist vernichtet, der Schaden geht deutlich in den sechsstelligen Bereich.

Die wahren Schätze

Der Trost für die Schlossbetreiber: Die wahren Schätze liegen in einem anderen Tageskeller, der verschont blieb. In den nächsten Tagen schauen die Versicherungsexperten vorbei, dann fällt die Entscheidung über die „Brandweine“. Harkema hat eine Idee, die er noch nicht detailliert vorstellen kann. Aber vielleicht kann man die Weine am Ende noch für einen karitativen Zweck irgendwie verwenden?

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