Düren - Borderline: Christina und die Welt zwischen den Extremen

Borderline: Christina und die Welt zwischen den Extremen

Von: Isabelle Hennes
Letzte Aktualisierung:
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Borderline-Patienten setzen oft eine Maske auf, damit ihr Umfeld, Freunde und Kollegen, nicht merken, dass es ihnen in Wirklichkeit schlecht geht. Vielleicht wird ihnen irgendwann einfach alles zu viel. Dann sehen einige nur noch den einen Ausweg, sich umzubringen.

Düren. Christina ist egal, ob ihr Leben weitergeht oder nicht. Sie macht die Flasche auf und trinkt, bis sie leer ist. Valium. Ihr Hausarzt hat ihr das Medikament verschrieben, damit sie besser schlafen kann. Aber Christina will nicht schlafen, sie will sterben.

Der Inhalt der Flasche hätte gereicht, um daran sterben zu können, aber Christina hatte Glück. Mitte der 90er Jahre ist sie erst Anfang 20 und wohnt noch bei ihren Eltern. Die Eltern finden sie und rufen den Notarzt. Nicht alle Schicksale enden so gut wie das von Christina.

Eine Maske aufgesetzt

Christina, die anders heißt, aber ihren Namen nicht in der Zeitung lesen möchte, lebt in einer Kleinstadt im Rheinland und ist Mitte 30. Sie sieht nicht aus, als sei sie ihres Lebens müde. Sie wirkt auch nicht wie jemand, dem es an Selbstwertgefühl mangelt, im Gegenteil. Ihr Auftritt ist selbstbewusst, ihr Händedruck fest, sie hat mal Versicherungskauffrau gelernt. Doch sie sagt: „Das ist eine Maske. Mit der Zeit lernt man, sich hinter guter Laune zu verstecken.” Eine Maske, hinter der Christinas Krankheit unsichtbar werden soll.

Es dauert lange, bis Christina klar ist, was mit ihr los ist. Mit 17 fügt sie sich zum ersten Mal selbst Schmerzen zu. „Man lebt normal, dann kommen diese Phasen und man ist depressiv”, sagt sie. Christina ist eine Borderline-Patientin. Sie leidet an einer emotional-instabilen Persönlichkeit, sagen die Mediziner. Borderline ist eine Persönlichkeitsstörung, die zwischenmenschliche Beziehungen, die Stimmung und das Selbstbild des betroffenen Menschen beeinflusst. Christina handelt, fühlt und denkt deshalb anders. Hinzu kommen depressive Phasen.

Irgendwann wird ihr alles zu viel. Wenn sie starken Emotionen ausgesetzt ist, ist da dieser Druck, anders kann sie es nicht beschreiben. „Es ist dann so, als ob ich eine aufgeblasene Luftmatratze bin, es aber kein Ventil gibt, um die Luft abzulassen.”

Das Ende der Beziehung mit ihrem langjährigen Freund ist so eine Situation. „Ich habe ihm am Telefon gedroht, dass ich mir etwas antue, und er hat einfach aufgelegt.” Die Trennung ist so belastend für sie, dass sie nicht mehr leben will und die Valiumflasche leer trinkt, 1997 ist das. Der Arzt, der sie behandelt, stellt damals keine Fragen, aber er ahnt, was los ist. Er setzt Christina auf eine Warteliste für einen Therapieplatz.

Aus den Augen verloren

Ein halbes Jahr vergeht, aber sie bekommt keinen Therapieplatz. „Irgendwann habe ich das dann aus den Augen verloren”, sagt Christina. „Man wartet sehr lange auf einen Platz”, sagt Katharina Mohnke, Psychiaterin an der LVR-Klinik Düren. Christinas Leben geht trotzdem weiter, irgendwie. Geht es ihr schlecht, verkriecht sie sich zu Hause. Teils aus Scham, teils auch wegen des Unverständnisses ihrer Mitmenschen. Ist sie unter Menschen, tut sie so, als sei alles gut.

„Es will ja auch keiner hören, dass es einem schlecht geht”, sagt Christina heute. Es fragt sich so leicht hin, „wie geht es Dir?”, aber dass die Antwort nicht „gut” lauten könnte, erwartet eigentlich niemand. Christina will aber eigentlich auch gar nicht mehr über ihre Krankheit reden, weil kaum jemand sie versteht. „Da ist das Bewusstsein gar nicht da, dass es eine Krankheit ist”, sagt Psychiaterin Mohnke. Selbst Christinas Eltern können nicht nachvollziehen, was in ihrer Tochter vorgeht und verschweigen die Vorkommnisse.

Aber Christina geht es noch nicht besser. Sie rammt sich ihren Autoschlüssel ins Bein, nimmt Schlaftabletten, hat Weinkrämpfe. Und immer wieder ist sie total erschöpft. „Ich dachte, wenn ich genug Tabletten nehme, ist es halt gut”, sagt sie. „Wenn nicht, habe ich eben Pech gehabt.” Christina denkt, es interessiere sich niemand für sie, es sei egal, ob sie tot sei oder lebe. Von Selbstwertgefühl keine Spur. Zum Druck, den die Krankheit auf sie ausübt, kommt der Druck ihrer Umwelt. Bloß nichts anmerken lassen, Kollegen können misstrauisch werden, Freunde können auf Distanz gehen.

Kurz vor der Hochzeit ihres Bruders, Ende 2004, wird sie wegen Verdachts auf Alkoholvergiftung ins Krankenhaus eingeliefert. Im Beisein anderer Patienten stellt ein Arzt Christina unangenehme Fragen: „Warum sind Sie hier? Warum haben Sie so viel getrunken?” Christina schämt sich. Sie bittet um ein Gespräch unter vier Augen ohne die anderen Patienten und deren Besucher im Krankenzimmer - es wird ihr verwehrt.

Hilfe findet sie dann im selben Jahr bei einem Arzt bei Siegburg. Dort fühlt sie sich zum ersten Mal wirklich verstanden. Hausärzte seien nicht grundsätzlich mit einem Menschen wie Christina überfordert, sagt die Dürener Psychiaterin Katharina Mohnke. „Aber ein gebrochenes Bein ist etwas anderes als Borderline.” Es gibt kein Patentrezept. Es kommt immer auf das Bedürfnis des Einzelnen an.

„Wie der Arzt mit dem Patienten umgeht, ist letztendlich Einstellungssache: Wie begegne ich dem Menschen? Und glaube ich demjenigen, der mir gegenüber sitzt und von sich selbst sagt, er will sich umbringen?”, sagt Mohnke. Aus psychologischer Sicht werden Suizidversuche oft als „Schrei nach Hilfe” interpretiert. Manche niedergelassenen Ärzte scheuen sich vor komplizierten Patienten, vielleicht, weil der Patient sie überfordert, vielleicht, weil er mehr Zeit braucht als ein Patient mit leichtem Schnupfen.

Abbau von Spannungen

Kurze Zeit später bekommt Christina in den LVR Kliniken in Düren einen Therapieplatz. „Jetzt bin ich mit Menschen zusammen, die das selbe Problem haben”, sagt sie. Nach all den schlechten Erfahrungen, die sie mit Ärzten gemacht hat, und der gesellschaftlichen Isolation ist ihr die Erleichterung anzumerken. Die Therapie besteht zum einen in einer klassischen Gesprächstherapie, in der die kritischen Phasen ihres Lebens aufgearbeitet werden und zum anderen aus Entspannungs-, Kreativ- und Sporttherapie. Joggen als gesunder Abbau von Spannungen.

Seit der Therapie hat Christina endlich Antworten darauf gefunden, warum sie anders ist als andere. „Das Verhältnis zu meinen Eltern war immer sehr distanziert.” Herzliche Umarmungen und elterliche Nähe gab es nicht. Als Sechsjährige musste sie erfahren, dass sie kein Wunschkind war; wegen ihr kamen die Eltern nicht mehr um eine Heirat herum. In der Therapie lernt sie, ihre Selbstachtung wiederzugewinnen. In Achtsamkeitsübungen muss sie beschreiben, was genau sie fühlt. Sie muss lernen, Gefühle zu verstehen und in Worte zu fassen, damit sie reguliert werden können; damit der Zustand „Mir geht es schlecht” von den Therapeuten besser verstanden werden kann.#

„Der Patient soll ein Gefühl dafür bekommen, ob ihm Skills nutzen können”, sagt Dirk Melmert, Psychologe an der LVR-Klinik. Mit sogenannten Skills lernt Christina, den Druck anders auszugleichen. Sie zieht den Ärmel ihres Pullovers hoch und zeigt auf ihren Arm: Sie trägt enge Gummibänder. Auch die sind Teil der Therapie. „Die tun auch weh, aber davon bekomme ich keine Narben.” Christinas stationäre Therapie dauert drei Monate. „Ich würde die Therapie immer wieder machen.” Schon während ihrer Zeit in Düren hat sie beschlossen, dass sie in einer ambulanten Gruppe weiter an sich arbeiten wird.

Bis heute hat sie vor allem gelernt, sich kleine Ziele für die Zukunft zu stecken. „Vielleicht etwas kürzer treten im Job”, sagt sie, als müsse sie sich dafür entschuldigen. Vor allem will sie versuchen, mit ihrem Leben zufrieden zu sein - nicht irgendwann, sondern jetzt.
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