Bombardier: Noch werden die fertigen Züge ausgeliefert

Von: Heiner Hautermans
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600 Familienschicksale hängen
600 Familienschicksale hängen am Fortbestand von Bombardier in Aachen, dies wurde in der offenen Betriebsversammlung vor dem Verwaltungsgebäude an der Jülicher Straße erneut deutlich. Foto: Ralf Roeger

Aachen. Das Ziel ist nach wie vor klar: „Wir bleiben”, riefen mehrere hundert Talbötter, die sich am Ende der offenen Betriebsversammlung bei den Händen fassten und diese in die Höhe reckten.

Zuvor hatten zahlreiche Redner ihre völlige Fassungslosigkeit über die Schließungspläne des Bombardier-Konzerns erklärt und ihre Unterstützung zugesichert. Gänsehaut hervorrufend etwa Immobilienmaklerin Caroline Reinartz, von IG Metall-Chef Franz-Peter Beckers als „gerade operiert und eine der gefährlichsten Bürgerinnen Aachens” angekündigt. „Das hier ist ein Stück von uns und ein Stück von unserem Herz,” rief sie den Beschäftigten auf Öcher Platt zu. Sie hoffe, dass der Beschluss rückgängig gemacht werde.

Das ist auch die Maxime des Handels der Arbeitnehmervertreter. Klar ist nämlich für sie, dass bestimmte Vorgaben des Betriebsverfassungsgesetzes bislang nicht erfüllt worden sind. So muss die Arbeitnehmervertretung frühzeitig und umfassend über derartig weitreichende Entscheidungen informiert worden, und dies sei bislang nicht erfolgt. Nachgeholt werden soll es am Donnerstag in einer Sitzung des Betriebs- und Wirtschaftsausschusses.

Gesamtbetriebsratsvorsitzender Michael Wobst hatte das Gremium schon am Montag zu einer Art Probelauf nach Aachen geladen und machte vor der Belegschaft klar, wohin die Arbeitnehmervertreter tendieren. Die Entwicklung sei schon lange absehbar gewesen: „Das hat etwas mit einer verfehlten Markt- und Produktstrategie über Jahre zu tun. Das nennt man Missmanagement. Die Folge müssen wir alle ausbaden.”

So habe sich der Schienenhersteller aus der Fertigung von Dieselfahrzeugen verabschiedet, mit dem Ergebnis, dass ein Großauftrag aus Deutschland jetzt nach Polen gegangen sei. Außerdem gebe es einen Beschluss, sich nicht um kleine und mittlere Serien zu bewerben: „Man hat den Eindruck, dass das Management erwartet, dass der Markt sich Bombardier anpasst und nicht umgekehrt.” Auch der Aufsichtsrat sei bislang mit dem Beschluss für Aachen noch nicht befasst worden. Wobst erwartet, dass die Geschäftsführung am Donnerstag bei der Sitzung in Aachen den Schließungsbeschluss aussetzt.

Auch Johannes Hauber, Vorsitzender des Europäischen Bombardier-Betriebsrates fordert, dass die Entscheidung zurückgenommen werden müsse: „Ich sage Dank für den Mut, so auf diese unverschämte Entscheidung des Managements zu reagieren.” Auch er kritisierte falsche Produktionsentscheidungen, auf die man seit Jahren aufmerksam mache: „Gegen Beratungsresistenz hilft nur Druck von unten.” Allerdings geschehe auch auf politischer Ebene zu wenig. Lippenbekenntnisse, Verkehre auf die Schiene zu verlagern, folgten keine Taten: „Dagegen müssen wir zu Felde ziehen.”

Man werde aber nicht nur als Bittsteller auftreten, erklärten der Aachener Betriebsratschef Josef Kreutz und IG Metall-Chef Franz-Peter Beckers. Vertragsstrafen in zweistelliger Millionenhöhe drohten, wenn die vorhandenen Aufträge nicht rechtzeitig abgewickelt würden: „Wir sind in der Lage, hier richtig in die Suppe zu spucken.” Vorläufig habe man aber beschlossen, die ersten Züge in Richtung Stuttgart und die Rhein-Main-Region fristgerecht auszuliefern: „Das ist eine Frage der Ehre.” Wie man aber am Donnerstag reagieren werde, wisse man noch nicht.

Kreutz dankte auch allen Unterstützern und der Gewerkschaft: „Je höher der Organisationsgrad ist, desto besser können wir rüberkommen.” Die Gewerkschaft der Polizei hat nicht nur ihre Solidarität bekundet, sondern - mit Genehmigung des Präsidenten - extern und intern Unterschriften gesammelt, entsprechende Schreiben kamen aus vielen Aachener Unternehmen, Vereinigungen und Institutionen. Brötchen werden geliefert, Kuchen gebacken, auch die IHK sei diesmal dabei - im Gegensatz zum Bildröhrenwerk.

Arbeitsdirektorin Susanne Kortendick sei am Freitag ziemlich verunsichert nach Berlin zurückgefahren. Am Donnerstag werde sich zeigen, ob die Argumente aus Aachen Gehör gefunden hätten.
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