„Blind Date“: Und am Ende gibt es kein Halten mehr

Von: Hermann-Josef Delonge
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So soll es sein beim „Blind Date“ auf Burg Wilhelmstein: tolle Musik, beste Stimmung, ausverkauftes Rund. Foto: Wolfgang Sevenich

Würselen. Die Chronistenpflicht gebietet es zu erwähnen, dass es an diesem Abend auf Burg Wilhelmstein eigentlich beständig geregnet hat; in nicht allzu großer Entfernung grollte sogar ein Gewitter. Doch das soll es auch schon gewesen sein mit den Schlechtwetternachrichten, denn eigentlich war es völlig egal.

Am Ende des Abends waren nämlich alle im mal wieder ausverkauften Rund der Freilichtbühne auf den Beinen und tanzten; man darf davon ausgehen, dass sie das nicht taten, um sich die Kälte aus den Beinen und das Wasser von den Schultern zu schütteln. Der tosende Schlussapplaus mag ebenfalls als Beweis für den Erfolg dieses herausragenden Programms herhalten.

„Blind Date“ auf Burg Wilhelmstein, das hat beste Tradition. Mit diesem Termin startet die Saison in Würselen-Bardenberg. Die Zuschauer wissen nicht, was sie erwartet; die Künstler verzichten auf ihr Honorar; der Reinerlös kommt dem Hilfswerk „Menschen helfen Menschen“ unserer Zeitung zugute, für das Chefredakteur Bernd Mathieu als Vorsitzender sprach. Was dann gut zweieinhalb Stunden lang unter der Moderation von Robert Esser, Redakteur unserer Zeitung, folgte, war in seiner Mischung das perfekte Rezept für dieses Format.

Wenn das Schlagsaiten-Quantett tatsächlich den eher undankbaren Arbeitsauftrag hatte, das Eis zu brechen, dann war dieser Job schon nach wenigen Minuten erledigt. Was diese vier Musiker aus der Region mit ihren akustischen Instrumenten auf die Bühne brachten, war ein im besten Sinne respektloser, quicklebendiger Husarenritt über das Spannungsfeld zwischen Latin-Pop, Flamenco, Rock-Elementen, Gypsy-Swing und – ja, tatsächlich – Klassik. Denn Brahms‘ 5.

Ungarischer Tanz war auch zu hören, verbunden mit einem Gewinnspiel, bei dem das Publikum Gelegenheit bekam, musikhistorische Sachkenntnis zu beweisen. Aufgabe gelöst. Dass Georg „Schorscho“ Palm, Holger „Django“ Remmel (beide Gitarre), Guido „Guido“ Breidt (Cajon) und Tom „Tommo“ Stolpe (Bass) filigrane Könner auf ihren Instrumenten sind, haben sie bei unzähligen Gigs bewiesen; dass sie eine Heavy-Metal- und Punk-Vergangenheit und ihr Zubrot mitunter als Straßenmusiker verdient haben, glaubt derjenige sofort, der ihren souveränen Auftritt auf der Burg miterleben konnte. Nur die Frage, warum sich die Truppe „Quantett“ nennt, blieb ungeklärt. Vielleicht, weil ihnen „Quartett“ zu langweilig war. Würde jedenfalls passen.

Langweilig ist ein Adjektiv, das man in Verbindung mit Abdelkarim nie gebrauchen würde, auch wenn der Sohn marokkanischer Eltern in seiner Proll-Checker-Uniform (Comic-T-Shirt, ausgeleierte Lederjacke, Trainingshose) extrem schluffig rüberkommt. Mag sein, dass der kahlrasierte Schädel und der Salafistenbart, gerne in Kombination mit weit aufgerissenen Augen, bei dem ein oder anderen Zeitgenossen die üblichen Reflexe auslöst, aber genau diese Klientel nimmt sich der in Duisburg lebende Hüne liebend gerne vor.

„Düren Döner“

Wobei: Geboren wurde er ja in der Bielefelder Bronx. Bielefeld? Gibt’s doch gar nicht! Für solche Witze hat Abdelkarim nur ein müdes Lächeln übrig, vor allem, wenn sie von Leuten aus einer Region kommen, in denen Städte mit Namen liegen, die wie eine türkische Imbissbude („Düren Döner“) klingen. Von genau diesen Momenten, der Interaktion mit den Leuten vor der Bühne, lebt der 34-Jährige, der sich zwischen Slapstick, improvisierter Stand-up-Comedy und politischem Kabarett austobt.

Abdelkarim spielt mit Vorurteilen und Klischees, entlarvt den alltäglichen Rassismus mit einem einzigen Satz („Die Flüchtlinge nehmen uns die Arbeitslosenplätze weg“) und nimmt alteingesessene Migranten genauso aufs Korn wie „Urdeutsche“, neue Nazis oder übermotivierte Integrierer, die ihm – natürlich gut gemeint – ein Butterbrot schenken wollen: belegt mit Banane statt Schweinefleisch und einem Hartz-IV-Antrag. Das Programm des „Deutschen, gefangen im Körpers eines Grapschers“ (Abdelkarim über Abdelkarim), bewegt sich zwischen seinem „Gangsterkumpel“ Ali und dem Mann in der Supermarktschlange, der nicht vorgelassen werden will, weil er ihn im „Blick behalten“ möchte. Fanatikern, ob Islamisten oder Rassisten, tritt er aus Überzeugung mit Humor und einem gelassenen „Ruhig, Brauner!“ entgegen. Nicht die schlechteste Methode.

Bei Thorbjørn Risager weiß man gar nicht, wo man zuerst anfangen soll. Was der hagere Däne mit seiner Band The Black Tornado zum Ende des Abends auf die Bühne legte, wird das Publikum vermutlich nicht so schnell vergessen. Die siebenköpfige Truppe erscheint in Outfit und Habitus wie die Reinkarnation der Blues Brothers, Vollgas ist ihre bevorzugte Gangart. Die Musiker schaffen es tatsächlich, mit ihrem bodenständigen Mix aus Blues, Boogie, Soul und Rock’n’Roll (ein Fundus, den sie gnadenlos plündern) irgendwie topmodern zu klingen.

Vor allem jedoch sind Thorbjørn Risager & The Black Tornado (Peter Skjerning, Gitarre, Sören Böjgaard, Bass, Emil Balsgaard, Orgel, Peter Kehl, Trompete, Hans Nybo, Saxofon, Martin Seidelin, Drums) eine fantastische Liveband, die eigentlich ständig auf Tour ist. Was man an ihrem fast perfekten Zusammenspiel merkt. Von Routine allerdings keine Spur – die Jungs haben selbst unendlich viel Spaß auf der Bühne, und der übertrug sich auf Burg Wilhelmstein eins zu eins und vom ersten Akkord an aufs Publikum. Das Programm bestand vorwiegend aus energiegeladenen Up-tempo-Eigenkreationen und ein paar langsamen Nummern, garniert mit wenigen Coverstücken (das unsterbliche „Let The Good Times Roll“ quasi als Rausschmeißer). Hut ab, und das nachhaltig!

Und so ist die Bilanz dieses Abends ein Tipp: Wenn Sie Gelegenheit dazu haben, das Schlagsaiten-Quantett, Abdelkarim und/oder Thorbjørn Risager & The Black Tornado irgendwo live zu erleben – nichts wie hin. Gelegenheit dazu besteht: das Quantett ist immer wieder in seiner Heimatregion unterwegs, und die Dänen machen am 17. September beim Septemberspecial in Aachen Station.

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