Jülich - Blendendes Beispiel aus Jülich für gleich zwei Kontinente

Blendendes Beispiel aus Jülich für gleich zwei Kontinente

Von: Volker Uerlings
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Jülicher Foto: nicht zu sehen) reflektiert wird.

Jülich. Der Begriff „Leuchtturm” wird kurioserweise im Binnenland gern gebraucht, immer wieder. Beinahe inflationär. Ein schlankes Gemäuer hat ihn verdient: der Jülicher Solarturm. Er ist nicht nur eine 60 Meter hohe Landmarke, sondern bei guter Witterung ein buchstäblich blendender Blickfang.

Oben an der Spitze bündeln sich die von Spiegeln gezielt reflektierten Sonnenstrahlen, wo sie die Luft auf eine mittlere Temperatur von 700 Grad Celsius erhitzen und für das Auge ein kaum fassbares Flimmern erzeugen.

Dass die Turmspitze diese Temperaturen aushält, ist die eigentliche Ingenieursleistung „Made in Germany”, die die alternative Stromfabrik auf der Welt einzigartig macht. Das Jülicher System ist wie geschaffen für Nordafrika und damit ein heißer Kandidat für das milliardenschwere Solarprojekt „Desertec”. Hinter diesem Namen verbirgt sich ein deutsches Konsortium, das am 13. Juli in München gegründet werden soll.

„Wüstenstrom aus Afrika für Europa” - das ist die kurze Umschreibung des Ziels, das Investitionen von bis 400 Milliarden erforderlich macht, um 15 Prozent des deutschen Strombedarfs für 2050 aus Sonnenlicht zu erzeugen. Wie lukrativ das sein muss, kann ermessen, wer den Kreis der „Interessenten” kennt: Eon, RWE, Münchner Rück und viele mehr gehören dazu.

Diese Einschätzung überrascht Professor Bernhard Hoffschmidt nicht. Der Leiter des Solar-Institutes Jülich (SIJ) der FH Aachen weiß schon lange, dass solarthermische Kraftwerke über ein enormes Potenzial verfügen. „Ich habe mich mein ganzes Berufsleben lang mit dieser Technik auseinandergesetzt.” Seit 2003 macht er das in Jülich, wo er der Kopf der „größten Forschungseinrichtung an einer deutschen Fachhochschule ist”. Sein bislang größter Erfolg ist es sicherlich, dass er im Verbund mit vielen Partnern und Geldgebern das „Solarthermische Demonstrations- und Versuchskraftwerk” binnen weniger Jahre Wirklichkeit werden ließ. Hoffschmidt: „Es ist das einzige rein deutsche System. Es ist hier entwickelt worden und wird jetzt hier auch demonstriert.” Dem Transrapid war das in voller Schönheit nicht vergönnt.

Die ökonomische Antwort

Viele fragten sich dennoch, was eine solche Technik in diesen Breiten zu suchen hat - auch als die Stadtwerke Jülich GmbH als lokaler Bauherr und Betreiber ins Boot stiegen. Geschäftsführer Ulf Kamburg sieht es so: „Auch ein örtlicher Energieversorger ist sich dessen bewusst, dass die momentane Erzeugung einem Wandel unterworfen ist und erkennt seine Verantwortung.” Die ökonomische Antwort gab es vergleichsweise schnell. Schon Wochen nach dem Probebetrieb besichtigte eine Delegation aus Algerien vor Ort die binnen 13 Monaten gebaute Anlage am Rande des Jülicher Gewerbegebietes Königskampf und war begeistert.

Die Nordafrikaner sagten von politischer Seite gleich zu, ein solches Kraftwerk in ihrer Heimat zu errichten. Wenn nun auch die privatwirtschaftlichen Verträge unterzeichnet sind, kann der Jülicher Erbauer, die Kraftanlagen München GmbH, nach der Fertigstellung im Nordkreis Düren gleich mit dem Bau des nächsten Kraftwerks loslegen.

Der Vierte im Jülicher Bunde ist das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt, der frühere Arbeitgeber von Professor Hoffschmidt. Hier hat er viele Jahre geforscht und Materialien getestet. Das war die Saat. Die Früchte seiner Ingenieursarbeit erntet er heute, denn an der Spitze des Solarturms kommt ein Material zum Einsatz, das er gefunden hat, das hohe Temperaturen verträgt und nun im Solar-Institut schon weiterentwickelt wird, während die Forscher im Ausland noch lange nicht so weit sind.

Wer jemals mit einer Lupe und Sonnenlicht ein Loch in ein Blatt Papier gebrannt hat, kennt das technische Verfahren zur Hälfte. Die Jülicher Anlage besteht grob aus zwei Teilen. Den einen bildet ein Feld aus 2153 Spiegeln (Heliostaten), die sehr genau und computergesteuert der Sonne folgen.

Strahlung zur Turmspitze

Sie reflektieren die Strahlung zur Turmspitze, wo am Empfänger (Receiver) die auf diese Weise erhitzte Luft permanent durch einen Absorber eingesaugt wird. Der heiße Dampf durchläuft einen Kreislauf durch den gesamten Turm, an dessen anderem Ende eine Turbine angetrieben wird, die elektrische Energie erzeugt.

Eine Besonderheit der auf 1,5 Megawatt ausgelegten Anlage ist ein Nebenkreislauf der stark erhitzten Luft, die in einem Speicher landet. Das macht das Kraftwerk ein Stück weit unabhängig, denn wenn sich die Sonne einmal nicht in der gewünschten Intensität blicken lässt, kann die Stromerzeugung über den Vorrat im Speicher dennoch befristet fortgesetzt werden. Es ist ebenso möglich, das Kraftwerk als Hybridanlage zu betreiben, die neben der solaren Einspeisung auch mit Öl, Erdgas oder auch Gas aus Biomasse-Prozessen „gefahren” werden kann. 680 Grad heiße Primärluft zur Beheizung des Dampfkessels ist das erste Ziel, das in Jülich angepeilt wird. „550 Grad beherrschen wir schon sicher”, sagt Thomas Hartz, Projektleiter der Stadtwerke Jülich stolz, denn das gelang überraschend schnell. „Und die Turbine hat schon solar gedreht, der Motor ist gelaufen”, freut sich SIJ-Chef Hoffschmidt.

Der solare Tausendsassa unter den Energieerzeugern „ist geschaffen für Nordafrika”, erklärt der Professor. Der Macher im Solar-Ins- titut Jülich weiß, dass „seine Erfindung” allein durch das Vorzeigeobjekt am Rande der Herzogstadt einen Wettbewerbsvorteil hat. Das könnte beim Projekt „Dersertec” von entscheidender Bedeutung sein und deutschen Firmen viele lukrative Aufträge bescheren.

Hoffschmidt sieht auch die politischen Dimensionen: „Wir müssen den nordafrikanischen Raum entwickeln und ein Pendant zu Russland bilden.” Wenn das deutsche Konsortium den kontinentalen Anstoß gibt, „dann helfen wir uns mal selber in Europa”. 15 Prozent Strom aus der Kraft der Sonne machen unabhängiger von fossilen Ressourcen im Osten und deren machtbewussten Eigentümern.

Neben der Kraftwerkstechnik sind natürlich Leitungen von Nordafrika nach Europa unerlässlich - an mehreren Stellen wie von Marokko nach Spanien oder Tunesien nach Italien durch das Mittelmeer. „Die dafür nötigen Hochspannungs-Gleichstromnetze funktionieren”, weiß der 44-jährige Solarforscher. Und die Netze leiten natürlich auch aus Windkraft erzeugte Energie in die umgekehrte Richtung, wenn nötig.

In Jülich wird Zukunft greifbar

Kurzum: In Jülich wurde Großes angestoßen und wird Zukunft greifbar. Dazu leisteten die Wirtschaftsministerien Nordrhein-Westfalen und Bayern sowie das Bundesumweltministerium millionenschwere finanzielle Beiträge. Nicht allein deswegen kommt die Politprominenz aus Berlin, Düsseldorf und München Ende August zur offiziellen Übergabefeier nach Jülich, an der Spitze Bundesumweltminister Sigmar Gabriel. Das Projekt ist für Deutschland und Europa auch von strategischer Bedeutung. Professor Hoffschmidt formuliert es so: „Die Solarenergie hat einen Vorteil - man kann die Quelle nicht abstellen!”
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