Bläserphilharmonie tritt beim World Music Contest an

Von: Andrea Zuleger
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Dirigent des Orchesters ist der Stuttgarter Tobias Haußig. Foto: Hajo Hoffmann, WMC
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Spaß ist auch jede Menge dabei: Carolin Aust, die einzige weibliche Tubistin der Truppe, spielt seit einem guten Jahr bei der Bläserphilharmonie Aachen mit. Foto: Hajo Hoffmann, WMC
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Haben sich in Aachen schon einen guten Ruf erspielt: die Bläserphilharmonie Aachen. Foto: Hajo Hoffmann (4), WMC (3)
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Achim Lindt (2.v.l.), Doktorand der Informatik, stammt aus Heinsberg und spielt Trompete. Er hat gemeinsam mit anderen Bläsern das Orchester 2014 gegründet. Foto: Hajo Hoffmann, WMC

Aachen. Erst vor drei Jahren wurde die Bläserphilharmonie Aachen gegründet. Jetzt hat sich das studentische Orchester für den World Music Contest (WMC) in Kerkrade qualifiziert. Die Idee, sich überhaupt beim WMC zu bewerben, kam von außen, von Zuhörern, die die Konzerte besuchen, die die Bläserphilharmonie halbjährlich gibt.

Abends verwandelt sich das Aachener Informatikzentrum in einen großen Probensaal. Denn hier treffen sich die Aachener Studentenorchester in der Aula, den Sälen und den Seminarräumen. Abends laufen hier Menschen mit Noten und großen und kleinen Koffern durch die Flure, sie haben Tuben und Posaunen statt Laptops dabei. „Das kennen schon alle, die hier arbeiten.

Abends tönt Musik aus allen Räumen, in den Gängen sind viele Musiker unterwegs“, sagt Achim Lindt, einer der Vorstandsmitglieder der Bläserphilharmonie Aachen. Der 36-jährige Trompeter hat Glück: Da er selbst Doktorand und wissenschaftlicher Mitarbeiter in der Fachgruppe Informatik ist, hat er es nicht weit von seiner Arbeit bis zum Probentreffen. Damit ist er gegenüber den rund 85 Musikern des Ensembles klar im Vorteil. Denn in Zeiten wie diesen sind eigentlich ständig Proben.

Carolin Aust hat es da schon ein bisschen schwerer. Die 23-jährige Studentin der Fachrichtung Mobilität und Verkehr ist Tubistin und spielt seit gut einem Jahr bei der Aachener Bläserphilharmonie mit. Mit ihrem schwergewichtigen Instrumentenkoffer ist sie derzeit viel unterwegs, eine Orchester-Probe jagt die nächste, daneben kommen noch Probentreffen nur mit den anderen drei Tubas oder ein Proficoaching für ihr Register.

Für Laienmusiker, die nebenher noch Studium, Jobs und eventuell Familie organisieren müssen, ein ganz ordentliches Pensum. Aber das hat einen Grund: Die Bläserphilharmonie wird beim WMC, dem World Music Contest, dabei sein, dem weltweit größten internationalen Wettbewerb für Blasmusik, der seit 1951 alle vier Jahre in Kerkrade stattfindet. Hunderttausende Besucher zählt das Festival, das ab nächste Woche Donnerstag für vier Wochen lang an unterschiedlichen Spielorten stattfindet. Mehr als 20 000 Musiker werden aus 32 Ländern dabei sein. Insgesamt gibt es nur sechs Gruppen aus Deutschland – eine davon ist die Bläserphilharmonie Aachen.

Achim Lindt, selbst Mitgründer des Orchesters und Vorstandsmitglied, hat immer noch ein Grinsen im Gesicht, das vom einen Ohr zum anderen reicht: „Wir haben uns als Orchester erst vor drei Jahren gegründet. Beim WMC sind Philharmonien dabei, die es schon 50 Jahre gibt, die haben seit 20 Jahren Erfahrung mit dem Wettbewerb. Dass wir als Newcomer tatsächlich jetzt dabei sind, macht uns total stolz.“ Und sie haben es sogar geschafft, sich auf Anhieb für die höchste Schwierigkeitsstufe (abgesehen von der Konzertstufe, für die man aber eingeladen werden muss) zu qualifizieren. In der 1. Division treten sie gegen insgesamt 20 andere Gruppen an, nur zwei andere kommen ebenfalls aus Deutschland.

Wer von dieser Art Musik (noch) nicht viel Ahnung hat, wird vielleicht ein Bild einer Blaskapelle im Kopf haben, wie sie in Uniform und mit viel Kawumm durchs Dorf zieht und dann nach ein paar Umdrehungen irgendwann am Schützenfestzelt stoppt. Doch die Musik des Aachener sinfonischen Blasorchesters hat damit nicht mehr viel zu tun. Es ist genauso anspruchsvoll wie andere sinfonische Orchester besetzt. Mit Schlagzeug, Trompeten, Hörnern, Flöten, Euphonien, Harfe und Klavier, aber auch vielen ungewöhnlichen Instrumenten wie zum Beispiel Kontrabass-Posaune, Kontrabass-Klarinette, Kontra-Fagott.

Das Musikrepertoire reicht von Originalkompositionen von Richard Wagner und Richard Strauss über Leonard Bernstein bis zu Stücken von ganz jungen Komponisten wie dem Spanier Oscar Navarro oder dem Schweizer Thierry Besancon. Die Partituren sind komplex, die technischen Anforderungen an die Musiker hoch.

Bleibt noch die Sache mit dem Kawumm: Bei Blasmusik ist Druck dahinter, gleich ob es sich um eine Brass-Band, eine Schützenkapelle oder ein Sinfonie-Orchester handelt. Das ist auch bei der Bläserphilharmonie nicht anders.

Und vielen der Musiker ist eine gewisse Bodenständigkeit nicht fremd, oft haben sie selbst in einer Dorfkapelle angefangen. Das war bei dem gebürtigen Heinsberger Achim Lindt so, der mit sechs anfing, in die Trompete zu blasen, bei Carolin Aust aus dem Sauerland, die zuerst mit Flöte begonnen hat und dann zum Leidwesen ihrer Mutter („Das kleine Mädchen hinter dem dicken Instrument“) mit 15 Jahren zu der tieferen und deutlich cooleren Tuba gewechselt ist: „Die Entscheidung bereue ich nur manchmal, wenn ich diesen Koffer durch die Gegend trage.“

Auch Tobias Haußig, der Dirigent der Philhamonie, wurde schon früh von der Blasmusik angesteckt. Der einzige Profimusiker stammt ursprünglich aus Berlin, lebt in Stuttgart (wo es eine deutlich größere Tradition für Blasmusik gibt) und kommt zu den Proben nach Aachen. So kurz vor dem WMC ist er wohl mehr hier als zu Hause. Er hat als Kind mit dem Klavier begonnen und ist dann ins Bläserfach gewechselt: „Ich habe als kleiner Junge an Weihnachten eine Bläserkapelle vor der Kirche gesehen und meine Eltern so lange genervt, bis sie einwilligten“, erzählt er: „Es wurde dann erst mal die Flöte, aber irgendwann habe ich die Trompete bekommen“, lacht er. Der 34-Jährige, der zwölf Jahre das Junge Ensemble Berlin leitete, ist seit der ersten Orchesterprobe der Bläserphilhamonie ihr Dirigent.

Achim Lindt hat ihn angesprochen, und da die Chemie direkt passte, ist er dabei geblieben. In diesen drei Jahren ist viel passiert, „von der ersten für mich sehr emotional bewegenden Probe“, wie Achim Lindt sagt, über die jährlichen gut besuchten Konzerte in der Aula der RWTH bis zur WMC-Teilnahme. „Das ist eine starke Entwicklung, musikalisch sowieso, aber auch als Team. Die Motivation der Musiker ist toll, wir ziehen jetzt eigentlich alle an einem Strang. Es ist keiner dabei, der zu den Proben kommt und seinen Kram nicht kann“, sagt Tobias Haußig.

Die Idee, sich überhaupt beim WMC zu bewerben, kam von außen, von Zuhörern, die die Konzerte besuchen, die die Bläserphilharmonie halbjährlich gibt. „Wir haben schon in Ruhe darüber nachgedacht. Aber der WMC findet ja auch nur alle vier Jahre statt. Und dann haben wir uns entschieden, es diesmal zu versuchen und nicht noch vier Jahre zu warten“, erzählt Tobias Haußig.

Als Bewerbungsstück haben sie die moderne Komposition „Time for Outrage!“ des Luxemburger Musikprofessors und Komponisten Marco Pütz eingereicht. „Und dann kam der Anruf aus Kerkrade. Harrie Reumkens, der künstlerische Leiter des WMC, sagte mir, dass er noch gar nicht gewusst hätte, was für ein Bläserniveau es in Aachen gebe. Und dann waren wir dabei!“, strahlt Achim Lindt.

Was jetzt dabei rauskommt, ist für das Orchester fast nebensächlich. Vor dem Hintergrund, dass viele brillante Orchester dabei sind, auch aus Amerika, Russland, China, Belgien und den Niederlanden, wo die Blasmusik eine viel tiefere Tradition hat als in Deutschland, sei es vermessen, einen Anspruch zu formulieren, sagt Haußig. „Eine Platzierung anzustreben, ist ja Quatsch im Moment. Die Erfahrung und der Weg dahin sind spannend. Wir haben jetzt eine Vorstellung davon, wo wir hinwollen. Und egal, wie gut wir sind, wir können in den drei Jahren nicht das aufholen, was andere in 20 Jahren aufbauen – auch nicht mit den finanziellen Mitteln, die uns zur Verfügung stehen.“ Aber über die RWTH und Aachen hinaus bekannter zu werden, um die Arbeit weiter ausbauen zu können, „das wäre ein toller Nebeneffekt der Teilnahme“, sagt Achim Lindt. Und für die einzelnen Musiker hat sich der WMC eh schon gelohnt: „Wir gehen hier ganz gut an unsere Grenzen. So viel, wie ich im letzten Jahr gelernt habe, habe ich selten irgendwann gelernt“, sagt Tubistin Carolin Aust.

Am dritten WMC-Wochenende (Sonntag, 23. Juli, 16.40 Uhr) werden sie es wissen. Wenn sie in der Rodahalle in Kerkrade spielen, zeigt sich auch, dass es ein Vorteil sein kann, die Stücke zeitgenössischer Komponisten auszuwählen. Marco Pütz hat nicht nur einen Probentag mit der Philharmonie gemacht, er wird auch aus Luxemburg zu ihrem Auftritt anreisen, um die Aufführung der Harmonie-Version seines Stückes zu hören. Daneben wird die Bläserphilharmonie das Pflichtwerk spielen, das die Leitung des WMC ausgesucht hat – das ist das eigentliche Wertungsstück. Insgesamt haben sie eine knappe Stunde Zeit für ihre Präsentation.

Direkt im Anschluss werden die Punkte der vierköpfigen Jury des WMC vergeben. Die Punktzahl gibt es sofort, welche Platzierung es bedeutet, das wird das Orchester aber erst am letzten Tag des WMC, am 30. Juli, erfahren. „Mal sehen, wie es ausgeht“, sagt Achim Lindt, „aber was ich mir wirklich wünsche, ist, dass die Zuschauer da sitzen und denken: Wow, die kommen aus Aachen.“

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