Bistum Aachen untersucht neue Verdächtigungen gegen Geistliche

Von: Robert Esser
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Verschlusssache: Die katholische Kirche - auch im Bistum Aachen - hat sich über viele Jahre ausgesprochen schwer damit getan, den Missbrauch Schutzbefohlener durch Geistliche öffentlich einzuräumen. Foto: Archiv

Aachen. Der priesterliche Griff in den Schritt auf dem Titelbild der aktuellen Ausgabe des „Spiegels” geht dem Aachener Bistum zu weit. Kommentieren wollte man das am Montag nicht. Aber in eigener Sache bemüht man sich um Aufklärung.

Der Missbrauch von Kindern und anderen Schutzbefohlenen galt in der Diözese lange Jahre als Tabu-Thema. Doch mit dem Fall von Pfarrer K., der aus Willich stammt und derzeit in Südafrika auf seinen Prozess wartet, machen die ekelhaften Verbrechen, womöglich unter dem Schutzmantel der katholischen Kirche, bundesweit Schlagzeilen - und dies streckenweise in bewusst reißerischer Aufmachung.

Licht ins Dunkel soll im Bistum Aachen seit 13 Monaten Hans-Willi Winden bringen. So lange untersucht der Oberstudiendirektor der Montessori-Gesamtschule in Krefeld im Auftrag von Bischof Heinrich Mussinghoff Vorwürfe gegen Priester, die beschuldigt werden, Kinder oder Jugendliche sexuell missbraucht zu haben.

Dazu zählt Pfarrer K. nur insoweit, wie Missbrauchsverdächtigungen sein „Wirken” in hiesigen Pfarreien vor seiner Abreise nach Südafrika betreffen. Gar nicht zuständig ist Winden für ein weiteres Verfahren, das im November 2009 gegen einen Lehrer einer Bischöflichen Schule in Mönchengladbach eingeleitet wurde. Die Staatsanwaltschaft verdächtigt den Mann des sexuellen Missbrauchs, woraufhin das Generalvikariat den Pädagogen suspendiert hat. Und der ist inzwischen aus dem Bistumsdienst ausgeschieden.

„Keine akute Gefahr”

Beratend zur Seite steht Winden eine neunköpfige „Kommission für die Prüfung von Vorwürfen sexuellen Missbrauchs Minderjähriger durch Geistliche im Dienst des Bistums Aachen”. Aktuell liegen dem Missbrauchsbeauftragten Vorwürfe gegen zwei Priester vor, die unter größter Geheimhaltung auf ihren Wahrheitsgehalt abgeklopft werden. Beschuldigte, Zeugen etc. werden von Winden befragt.

Die Staatsanwaltschaft hat man bislang außen vor gelassen. „Aus meiner Sicht besteht im Zusammenhang mit diesen Fällen keine akute Gefahr für Kinder oder Jugendliche”, sagt Winden am Montag auf Anfrage unserer Zeitung. Zu den konkreten Sachverhalten wurde kirchenintern Stillschweigen vereinbart. „Einerseits wollen wir die potenziellen Opfer schützen, andererseits keine Unschuldigen öffentlich an den Pranger stellen”, erklärt der Schuldirektor.

Der Grat zwischen einem zufälligen Blick auf das Dekolleté eines Mädchens und strafwürdiger sexueller Belästigung ist aber nicht immer so schmal. „Das ist ein sehr sensibles Feld, das von Schief anschauen bis zu Eindringen in den Körper reichen kann”, formuliert Winden. Doch manchmal steckt eben auch gar nichts hinter den Vorwürfen. Wie dramatisch sich die aktuell zu klärenden Fälle entwickeln, ist völlig unklar. „Ich werde Ihnen nicht mal bestätigen, dass die Beschuldigten noch am Leben sind”, beantwortet Winden weitere Nachfragen.

Aus dem Leben geschieden sind unterdessen etliche Priester, die sich nachweislich im Bistum Aachen an Schutzbefohlenen vergangen haben. So schickte etwa das Krefelder Landgericht 1994 den Pfarrer Dieter I. für vier Jahre hinter Gitter, weil er einem arglosen Kind zunächst pornografische Videos gezeigt und dann von dem Jungen Nacktfotos und -filme angefertigt hatte. Er wurde nach dem Absitzen seiner Strafe noch jahrelang vom Generalvikariat beschäftigt.

Oder der Fall von Pfarrer M.: Er war bereits 1978 wegen sexuellen Missbrauchs Minderjähriger verurteilt worden, wie Bistumssprecher Franz Kretschmann am Dienstag bestätigte. Später setzte die Bistumsleitung den vorbestraften Pädophilen als Geistlichen in der Aachener Innenstadt-Pfarre St. Foillan ein. M. starb 2005.

Das Weite gesucht hat unterdessen Pfarrer L: Er hatte als Gefängnisseelsorger in der JVA Heinsberg Strafgefangene missbraucht. Verurteilt wurde der Priester im Jahr 2000. Jahre später wurde L. an die deutsche Gemeinde in London versetzt - im Auftrag des Bistums Aachen. Kenner der innerkirchlichen Gepflogenheiten sprechen im Zusammenhang mit diesen Beispielen von „der Spitze des Eisbergs”.

Immer wieder werden Vorwürfe laut, die katholische Kirche verschleiere Sexualverbrechen in den eigenen Reihen und verfahre mit überführten Straftätern zu harmlos. Widerspruch kommt vom Missbrauchsbeauftragten der Aachener Diözese. „Allein die Einrichtung der Kommission als Folge der Missbrauchsfälle, die ab 2001 erst in Irland und den USA, dann auch in Europa und Deutschland bekannt wurden, hat schon vieles geändert”, betont Winden.

„Die Problematik wird kirchlicherseits viel ernster genommen als früher. Jeder Verdachtsfall wird konsequent geprüft und verfolgt”, sagt er. Dass in der Öffentlichkeit der Eindruck entstehe, man verschweige Informationen zu Ermittlungen, sei ausschließlich auf den Schutz von Opfern und womöglich zu Unrecht Beschuldigten zurückzuführen. Sonst nichts.

Verdachtsfälle sofort melden

Wer den Verdacht hat, dass Minderjährige von einem Geistlichen missbraucht werden, sollte dies sofort der Kommission von Hans-Willi Winden unter Telefon 02151/561394 oder 02181/48217 melden. Auch entlastende Zeugenaussagen zu bekannten Fällen oder Selbstanzeigen von Tätern werden unter diesen Nummern entgegengenommen.
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