Bischofsenkel und Second-Hand Grabplatten

Von: Cornelia van Schewick, kna
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Bonn. Er wirkt wie ein unscheinbarer alter Grabstein. Wer die Grabplatte von Jakob Simonis zum Rempel im Kreuzgang des Bonner Münsters sieht, bleibt da nicht lange stehen.

Doch die Platte birgt eine Kuriosität: Sie gehört zu einem unehelichen Enkel des Kölner Erzbischofs Hermann IV. von Hessen. Er lebte im 16. Jahrhundert - und galt seinerzeit als frommer Mann.

Diese und andere Geschichten verrät der erste Kreuzgangführer zum Bonner Münster, der am Dienstag dort der Öffentlichkeit vorgestellt wurde.

Er deckt die Geheimnisse um 24 Grabmäler auf und verschafft Einblick in das „Leben mehr oder weniger mit dem Bonner Münster verbundener Persönlichkeiten des Mittelalters, der Frühen Neuzeit und der Moderne”, erklärt Buchautor Stefan Bodemann.

„Mitten im Leben vom Tod umfangen” heißt das Buch des Kunsthistorikers. Die beigefügten Fotografien von Norbert Bach zeigen die Steine mit ihren sonst häufig schwer lesbaren lateinischen Inschriften. Erstmals wurden diese im Original und deutscher Übersetzung abgedruckt.

Durch die Untersuchung der Grabplatten wird Geschichte lebendig: „Teilweise sprechen sie mit dem Betrachter”, schwärmt Bodemann. Die untersuchten Erinnerungsmäler umfassen eine Zeitspanne von rund 750 Jahren.

Die meisten von ihnen haben erst im 19. Jahrhundert ihren Platz im Kreuzgang gefunden, nachdem das Münster das Patrozinium der später abgerissenen Nachbarkirche Sankt Martin übernommen hatte. Vorher lagen die Platten im Münster, das über den Märtyrergräbern der beiden Stadtpatrone Cassius und Florentius entstanden war.

Die ältesten Grabmäler stammen aus dem späten zehnten Jahrhundert. Da sie keine Jahreszahlen tragen und nur Tag und Monat des Todesdatums angeben, war lange vermutet worden, dass sie älter seien.

Oft erinnern die Inschriften an die Verantwortung, die der Einzelne im Hinblick auf ein Leben nach dem Tod hat. Sie vermitteln die Überzeugung, dass sich ein gutes Leben hier auf Erden im Himmel rentieren wird. „Wer sich dort Schätze sammelt, indem er hier auf dieser Erde Gott und den Nächsten liebt, dem können auch Wirtschaftskrisen nichts anhaben”, zieht Kunsthistoriker Bodemann seine persönliche Lehre aus den mahnenden Appellen.

Eine weitere Kuriosität findet sich in einer Ecke des Kreuzganges. Es handelt sich um eine Grabplatte, die offenbar zweimal eingesetzt wurde: Am Rand trägt sie die Inschrift für den Kanoniker Cornelius Krufft aus dem 16. Jahrhundert, innen die Lebensdaten des Priesters Johannes Nopelius aus dem 17. Jahrhundert.

Dieser „Second-Hand-Grabstein” sei ein Phänomen, begeistert sich Bodemann. Zwar sei die mehrfache Nutzung von Gräbern durchaus üblich gewesen - jedoch nicht die mehrfache Verwendung von Grabsteinen. Hinweis: Am Samstag führt Bodemann von 11 bis 16 Uhr stündlich Kurzführungen zu den Grabplatten.
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