Bis heute sichtbar: Spuren des Ersten Weltkriegs in der Region

Von: Alexander Barth
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Er wurde im Ersten Weltkrieg zum Schicksalsbauwerk für 2000 russische Kriegsgefangene: Der 1150 Meter lange Göhltalviadukt bei Moresnet heute... Foto: Alexander Barth (3), Staatsarchiv Eupen (2), Sammlung Ruland
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...und während der Bauphase in den Jahren 1915/1916. Die Brücke gehörte zu der Eisenbahnlinie, die eigens zur Versorgung der Front in Flandern angelegt wurde. Foto: Alexander Barth (3), Staatsarchiv Eupen (2), Sammlung Ruland
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„Er war der einzige Sohn“: Die Eupener Zeitung nennt Jakob Ponten als ersten getöteten Soldaten aus dem damals zum Deutschen Reich gehörenden Eupen. Foto: Alexander Barth (3), Staatsarchiv Eupen (2), Sammlung Ruland
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Makabere Aussicht: Vom Aussichtsturm auf der Moorenhöhe verfolgten die Eupener Bürger die Schlacht zwischen deutschen und belgischen Truppen um Lüttich. Foto: Alexander Barth (3), Staatsarchiv Eupen (2), Sammlung Ruland
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Grüße aus „Preußisch-Sibirien“: Auf dem Truppenübungsgelände Elsenborn wurden seit 1894 Rekruten ausgebildet, in den Kriegsjahren gelangten sie oft ohne Umwege an die Front in Flandern. Foto: Alexander Barth (3), Staatsarchiv Eupen (2), Sammlung Ruland
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Das Mahnmal für Antoine Fonck erinnert an den ersten getöteten belgischen Soldaten. Foto: Alexander Barth (3), Staatsarchiv Eupen (2), Sammlung Ruland

Eupen/Elsenborn. Der Einmarsch deutscher Truppen in das neutrale Belgien am 4. August 1914 markiert den Beginn des „Großen Krieges“ im Westen. Wenn auch die erbitterten Schlachten der Folgejahre anderswo ausgetragen wurden: Der Krieg hat Spuren in der Grenzregion hinterlassen.

Bis heute sind sie sicht- und spürbar – durch Bauwerke, Denkmäler und überlieferte Ereignisse, denen sich immer wieder auch Biografien und Schicksale zuordnen lassen.

Eine schlichte Gedenktafel auf dem kleinen Friedhof im belgischen Moresnet erinnert an den Tod von neun russischen Soldaten. Sie steht aber auch stellvertretend für das Schicksal von rund 2000 ihrer Landsleute, die in den Jahren 1915/1916, quasi in Sichtweite, als Zwangsarbeiter eingesetzt waren. Der Grund für den Einsatz ist nicht zu übersehen: Auf 1150 Metern Länge überspannt der Viadukt bei Moresnet das Göhltal. Weil die Strecke Aachen-Herbesthal zur Versorgung der Front in Flandern völlig überlastet war, wurde im Mai 1915 mit dem Bau der gewaltigen Brücke als Teil der Entlastungsstrecke bis Tongeren begonnen.

Die blanken Zahlen künden vom riesigen Aufwand: Rund 14.000 Arbeitskräfte waren mehr oder weniger freiwillig im Einsatz, unter ihnen 400 Männer aus dem Zwergstaat Neutral-Moresnet, 1100 aus sogenannten „anderen feindlichen Ländern“.

Besonders die Russen sollen unter menschenunwürdigen Bedingungen zur Arbeit getrieben worden sein, sagt der Historiker Herbert Ruland. Kontakte mit der Bevölkerung waren bei Todesstrafe verboten. Dennoch steckten Bewohner von Moresnet ihnen immer wieder Nahrungsmittel zu. Die Russen bedankten sich mit selbst gefertigtem Holzspielzeug für die Kinder.

Über das spätere Schicksal der Zwangsarbeiter ist wenig bekannt. Immer wieder sollen sich einzelne das Leben genommen haben, berichtet Ruland, andere versuchten die Flucht in die benachbarten Niederlande, scheiterten aber immer wieder an dem Hochspannungszaun, der ab 1915 die Grenze zwischen Belgien und den Niederlanden sichern sollte. Hier endeten auch die Leben der neun Männer, denen die Tafel auf dem Friedhof in Moresnet gewidmet ist.

Die Chaussée Charlemagne ist nicht gerade für Sehenswürdigkeiten bekannt. Über einen Höhenzug führt sie an Thimister-Clermont vorbei, einem der ersten Orte hinter der damaligen preußischen Grenze. Ein Denkmal aus hellem Stein steht ein wenig zurückgesetzt am Straßenrand. Wer es nicht kennt, fährt womöglich achtlos vorbei. Wer sich die Zeit zum Anhalten nimmt, kann hier einem Nationalhelden näherkommen.

Die Welt kennt seinen Namen nicht. In Belgien aber erinnert man sich an Antoine-Adolphe Fonck aus Verviers als ersten Toten des Krieges im Westen. Am Vormittag des 4. August 1914 soll der damals 21-jährige Fonck auf einem Aufklärungsritt gewesen sein, als er vorrückende deutsche Soldaten entdeckte.

Der junge Mann soll sich allein den Invasoren gestellt und auf sie gefeuert haben, ehe er auf dem Rückzug tödlich getroffen wurde, heißt es in Erzählungen. Über die Bergung des Toten wird widersprüchlich berichtet: einmal heißt es, Kameraden seines 2. Lanzenreiterregiments hätten ihn gefunden, in einer anderen Version sollen es Bürger des nahen Dorfs gewesen sein, die den Toten fanden.

In den folgenden Jahren wurde Fonck zu einer Art Ehrenbürger des Ortes, sein Grab befindet sich auf dem Friedhof von Thimister. Seit 1923 steht das Mahnmal an der Chaussée, von wo es sich wunderbar ins Herver Ländchen blicken lässt. Mit den Jahren erhoben sich Stimmen, die am Status Foncks als erstem Kriegstoten zu kratzen versuchten, was sich in einer makaberen Zeitrechnung niederschlug: So soll ein Gendarm namens Bouko aus Gemmenich ganze zehn Minuten vor Fonck getötet worden sein.

Die Sprüche auf den zu Tausenden verschickten Feldpostkarten lassen keinen Zweifel an der Gemütslage der preußischen Rekruten aufkommen, die es seit dem Ende des 19. Jahrhunderts und bis ins letzte Kriegsjahr 1918 hinein in die Hochlagen der Eifel verschlug. „Oh Elsenborn, dich schuf der liebe Gott im Zorn“ ist dort zu lesen, „Preußisch-Sibirien“ lautete der wenig wohlwollende Spitzname für eine Region, die bis zum Bau der Vennbahn ab 1883 nahezu unerschlossen war. Wenn der Einzugsbefehl den Zielort Elsenborn auswies, bedeutete das: ein Leben auf Zeit im Nirgendwo, in karger Natur und ohne Aussicht auf Freizeitgestaltung.

Schienen, die entlang der Reichsgrenze bis ins neutrale Luxemburg führen, ein Militärgelände unweit der Demarkationslinie – manche Historiker sehen schon im Bau des Lagers und dem Anschluss an die Vennbahn Maßnahmen zur Vorbereitung für einen Krieg mit Frankreich. Dieser Umstand dürfte die jungen Rekruten kaum beschäftigt haben. Aus ganz Deutschland kamen sie auf den Eifelhöhen zusammen, um ihren Militärdienst leisten zu müssen – wohl kaum an einem anderen Ort wird das Wort „müssen“ in diesem Zusammenhang derart oft genannt.

Viele fühlten sich regelrecht strafversetzt in die Eifelkälte – Bedingungen, wie sie sonst nirgendwo im Reich herrschten. Immer mehr Zeichen deuteten aber auf den kommenden Ernstfall hin: Bereits Jahre vor 1914 wurde „auf Elsenborn“ mit scharfen Waffen trainiert – deutlich öfter, als an zugänglicheren Standorten im Reich.

Heute wird der Truppenübungsplatz Elsenborn von der belgischen Armee für Manöver genutzt. Wo man im Jahr 1894 noch Zelte als Unterkünfte aufstellte, herrschen längst moderne Strukturen. An die frühen Jahre erinnern nur noch einzelne Exponate im Truschbaum-Museum, das die Geschichte des Lagers in „Preußisch-Sibirien“ nachzeichnet.

Schon vor 100 Jahren war die Moorenhöhe in der Eupener Unterstadt ein exponierter Platz für den weiten Blick gen Westen. Besonders der 16 Meter hohe Aussichtsturm zog in den ersten Augusttagen Einwohner und Besucher an – Grund war ein makaberes Szenario, das sich westlich der damaligen Grenzstadt Eupen bot. Vor allem abends war von dort der Kampf um Lüttich zu sehen. Vor 100 Jahren verfolgten hier Eupener Bürger das unheilvolle Geschehen, das sich rund 20 Kilometer weiter westlich abspielte: der Kampf um Lüttich, sichtbar durch Granateinschläge, Feuersalven und Explosionen.

Auch in anderen Orten der Grenzregion erlebte man das frühe Kriegsgeschehen mit, in Hauset etwa notierte der Pfarrer „Luftschimmer, Scheinwerfer, Leuchtkugeln und Kanonenbummen“. Mitte August 1914 war das „Schauspiel“ vorbei, der Krieg weitergezogen. Die traurige Realität kehrte jedoch bald zurück: Nur wenige Wochen später erschien in der Zeitung das Bild von Jakob Ponten – der erste Soldat aus Eupen, der in diesem Krieg sein Leben verlor.

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