Aachen - Birgitta Falk ist die Hüterin eines besonderen Schatzes

Birgitta Falk ist die Hüterin eines besonderen Schatzes

Von: Sabine Rother
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Religiöse Kunst berührt sie: Die Kunsthistorikerin Dr. Birgitta Falk ist neue Leiterin der Domschatzkammer Aachen. In Essen hat sie zuvor die Schatzkammer des Doms und der Kirche St. Ludgerus betreut. Foto: Andreas Steindl
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Das Simeonsreliquiar in der Domschatzkammer muss saniert werden. Foto: Andreas Steindl

Aachen. Eine Wohnung in Aachen hat sie bereits, sogar mit Blick auf den Dom. Auch das Büro im staufischen Gewölberaum ist ihr schon vertraut. Ansonsten ist für Birgitta Falk, neue Direktorin der Domschatzkammer, zunächst Pendeln angesagt zwischen Essen, wo sie die Domschatzkammer und die Schatzkammer St. Ludgerus betreut hat, und Aachen.

Schließlich müssen ihre beiden Töchter, 15 und 18 Jahre alt, dort noch zur Schule gehen. Die Familie steht hinter ihr. „Mein Mann ist Kunsthistoriker an der Universität Münster, er hat natürlich auch seinen Arbeitsbereich“, lächelt sie. Entspannt und zugleich mit einer klaren Ausrichtung konnte sich die 55-Jährige bereits erste Ziele setzen, um die Arbeit ihres Vorgängers Georg Minkenberg fortzuführen, der 21 Jahre lang Leiter der Schatzkammer war und im Frühjahr dieses Jahres gestorben ist.

Was verbindet Sie mit Aachen?

Falk: Ich habe an der RWTH studiert und zu dieser Zeit als Domführerin gearbeitet. Wenn ich sehe, wie die Domführer heute – die Erwachsenen und die Kinderführer – das noch immer mit Begeisterung tun, bin ich gerührt. Die Liebe zur Kunstgeschichte habe ich durch die Arbeit am Dom entwickelt. Der Kontakt ist nie abgebrochen, auch 1995 war ich bei der Eröffnung der neugestalteten Domschatzkammer dabei.

Der Essener Domschatz ist nicht unbedeutend, was genau hat Sie außer der guten Erinnerung nach Aachen gelockt?

Falk: Essen war meine Traumstelle, ich habe dort 14 Jahre lang gearbeitet und viel gestalten dürfen. Und ich wäre auch nur für Aachen weggegangen. Aachen bedeutet für mich, zu meinen wissenschaftlichen Wurzeln zurückzukehren. Ein weiterer Aspekt ist die große Herausforderung, diesen Schatz in der heutigen Zeit ganz unterschiedlichen Gruppen von Besuchern zu erklären und nahezubringen.

Was hat Ihre Familie gesagt?

Falk: Sie war einverstanden. Dann habe ich mir noch mal alles in Ruhe in Aachen angesehen, die Schatzkammer, den Dom, auch die organisatorischen Strukturen. Erst danach habe ich meine Bewerbung abgegeben.

Warum ist Ihnen der Dialog mit den Menschen, die in die Domschatzkammer kommen, so wichtig?

Falk: Ich möchte, dass sie etwas mitnehmen, nicht nur historisch, sondern auch theologisch, dies ist schließlich der Schatz einer seit 1200 Jahren lebendigen Kirche. Die Herausforderung ist, eine gute Vermittlung zu bieten, denn man versteht das Besondere des Schatzes nicht ohne Begleitung. Außerdem sollen die Gäste das gute Gefühl mitnehmen, dass wir uns um sie bemüht haben.

Sie haben im Museum und in einem Schloss gearbeitet. Was interessiert Sie an einer Domschatzkammer?

Falk: Ich wollte immer in eine Schatzkammer. Anders als im Museum hat man hier kein Sammelsurium an Dingen, die eher durch Zufall zusammengetragen wurden. Das hier ist gewachsen, in Aachen in 1200 Jahren. Die Dinge waren in Benutzung, sie beziehen sich aufein­ander. Und es gehört eine nicht unbedeutende Kirche dazu. Der Aachener Dom besitzt den bedeutendsten Kirchenschatz außerhalb des Vatikans.

Mit welchem Zeitraum hatten Sie es in den beiden Schatzkammern in Essen zu tun?

Falk: Der Essener Dom geht bis ins 9. Jahrhundert zurück mit wesentlichen Bauteilen aus der ottonischen Zeit. Essen besitzt die wichtigste Sammlung von Goldschmiedekunst aus dem 10. und 11. Jahrhundert, die es weltweit überhaupt noch gibt. Der Werdener Schatz hat ebenfalls bedeutende frühmittelalterliche Werke. Da bestand enormes Forschungspotenzial.

Ein interessanter Aspekt für Sie ist die Beziehung der Stücke unterein­ander. Haben Sie ein Beispiel?

Falk: Etwa die Karlsbüste in der Domschatzkammer, die sich in Miniatur am Karlsreliquiar wiederfindet.

Gibt es für Sie jetzt schon Lieblingsstücke oder Objekte, mit denen das Wiedersehen besonders freudig war?

Falk: Eines dieser Stücke ist die ,Madonna mit dem Stifter‘ vom Niederrhein aus dem 14. Jahrhundert. Es ist eine unfassbar schöne und herausragende Figur, und sie repräsentiert gut diese Aachener Marienkirche.

Gibt es ein Defizit in Aachen in Bezug auf die Marienkirche, die der Aachener Dom ja ist?

Falk: Na ja, es wird viel vom Unesco-Baudenkmal, vom Kulturerbe, vom touristischen Anziehungspunkt geredet. Da ist es mir ein Anliegen, verstärkt darauf hinzuweisen, dass Maria die Patronin und der Dom bis heute eine Marienkirche ist, seit 1200 Jahren!

Was ist mit der Chormantelschließe, die wir auf dem Foto sehen? Ist sie auch ein Lieblingsstück?

Falk: Allerdings, es gibt meiner Kenntnis nach keine, die kostbarer ist. Aus jeder Epoche haben wir herausragende Stücke, etwa das sogenannte Simeonsreliquiar aus dem 14. Jahrhundert.

Warum liegt Ihnen so besonders viel daran?

Falk: Ich mag es sehr gern. Eine Freundin hat ihre Magisterarbeit darüber geschrieben. Viele meiner Kommilitonen haben im Bereich des Doms ihre Themen für Doktorarbeiten gefunden, einer hat seine Dissertation über den Barbarossaleuchter, eine andere über den Heinrichsambo verfasst, und ich wollte ursprünglich meine Doktorarbeit über die Karlsbüste schreiben.

Haben Sie aber nicht. Warum?

Falk: Es hat nicht genug für eine Dissertation hergegeben, weil einfach keine Quellen da sind. Ich habe mich dann auf die Reliquiarform konzentriert und über die Stücke geschrieben, die zur Karlsbüste hingeführt haben. Sie ist das Endprodukt einer kunsthistorischen Entwicklung.

Was erwarten Sie von Ihren Mitarbeitern?

Falk: Alle, die durch den Dom führen, leisten eine Menge. Es ist so wichtig, dass es für die Besucher Menschen gibt, die sie begrüßen und denen sie Fragen stellen können. Ich sehe mich selbst vor 30 Jahren in dieser Situation. Dem gebe ich den Vorzug gegenüber Maschinen, die man sich ans Ohr hält.

Wie halten Sie es mit Beschriftungen bei den Kunstwerken?

Falk: Es gibt viele Museumsmenschen, die eher für kurze Texte sind. Ich bin eine Verfechterin längerer Texte, die mehr erläutern. Ich neige zu zehn bis zwölf Zeilen. Ich habe ja hier im Dom große Unterstützung durch Leute, die mich korrigieren dürfen, damit die Informationen populär und gut verständlich sind. Wenn Kunsthistoriker etwas schreiben, ist das nicht immer so.

Wie wollen Sie die Aufmerksamkeit der Menschen auf die Bedeutung der Symbolsprache von religiösen Kunstwerken lenken?

Falk: Da muss man geduldig erklären, aber das ist zugleich spannend. Viele Menschen verstehen nicht mehr, wer diese Frau mit dem Kind auf dem Schoß überhaupt ist. Gerade bei Schulklassen gibt es da viel Bedarf. Auch die Frage, wie Kirche funktioniert, was für eine Rolle der Altar spielt, wird gestellt. Wir müssen heute viel mehr an Grundwissen auffüttern als noch vor 20 oder 30 Jahren.

Wo setzen Sie an? Was nehmen selbst Menschen wahr, die wenig über Kirche wissen?

Falk: Natürlich wirken Gold und Edelsteine. Aber ich habe festgestellt, dass diejenigen, die richtig hinschauen, fasziniert davon sind, wie etwas gemacht ist, von der handwerklichen Kunst in einer Zeit ohne Maschinen und ohne Computerprogramme. Wie viel Zeit man sich dafür nahm. Wenn ich erzähle, dass ein Goldschmied zum Beispiel ein Stück vor 700 Jahren gemacht hat, staunen alle.

Was sagen Besucher zu den Reliquien, die sich in kostbaren Behältern befinden?

Falk: Da höre ich schon mal: ,Igitt, da ist ein Knochen drin‘, aber wenn man dann erklärt, dass das für die Gläubigen eine Verbindung zum Heiligen ist, wird auch das verstanden. Die Behälter von Reliquien – das ist eines meiner Lieblingsthemen. Darum kümmern sich gar nicht so viele Kunsthistoriker.

Was halten Sie von Knochenanalysen, wie sie bei den Gebeinen im Karlsschrein vorgenommen wurden?

Falk: Ich bin da eher zurückhaltend, denn ich denke an die Würde dieser toten Menschen. Da muss es eine Grenze geben.

Welche Beziehung haben Sie zu den Aachener Heiligtümern?

Falk: Es ist unglaublich, allein ein Kleid in der Sammlung zu haben, das 2000 Jahre alt ist, das ist sehr anrührend. Ich bin so stolz, dass ich 2021 die nächste Heiligtumsfahrt mitgestalten darf. Ein Highlight in meinem Leben.

Immer wieder werden zu hohen Festen Stücke aus der Domschatzkammer geholt, um sie im Gottesdienst einzubeziehen. Was sagt die Konservatorin dazu?

Falk: Da wohnen zwei Seelen in meiner Brust. Als Katholikin sage ich: Wunderbar, dafür sind sie ja gemacht. Als Hüterin dieses Schatzes habe ich Sorge. Ich weiß zwar, dass mit dem Lotharkreuz extrem vorsichtig umgegangen wird. Ich bin beim Bischofsgottesdienst extra einmal hinterhergegangen. Aber das Lotharkreuz ist ja auch in einem guten Zustand.

Bei welchen Stücken würden Sie es nicht empfehlen, sie herauszunehmen?

Falk: Die Karlsbüste ist trotz Konservierung ein Problemfall. Im Bereich der Brust verliert sie Email, und wir haben noch keine Lösung dafür. Das ist eins der Projekte, die dringend in Angriff genommen werden müssen. Das zweite Sorgenkind ist das Simeonsreliquiar mit der Armreliquie des heiligen Simeon.

Was sind Ihre nächsten Pläne?

Falk: Ich möchte immer mal wieder Stücke aus den Magazinen holen, auch Stoffe und Handschriften. Es gibt wunderbare Kunstwerke sowie einige Kuriosa, die man in besonderer Weise inszenieren kann. Was hier aktuell gezeigt wird, ist schließlich nur ein Viertel des gesamten Aachener Domschatzes.

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