Bilal C.: Als Terrorist im Visier, als Dieb verhaftet

Von: Stephan Mohne, Oliver Schmetz und Marlon Gego
Letzte Aktualisierung:
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Zwischen den Niederlanden und Deutschland gependelt: Der als Terrorhelfer im Visier stehende Bilal C., der in Aachen wegen Ladendiebstahls und Betrugs verhaftet wurde, bewegte sich mehrfach dies- und jenseits der Grenze. Zuletzt lebte er in einer Aachener Flüchtlingsunterkunft.
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Lobt die Zusammenarbeit der nationalen und internationalen Sicherheitsbehörden: Aachens Polizeipräsident Dirk Weinspach. Foto: Michael Jaspers

Aachen. Ende 2015: In Aachen wird ein 20-jähriger Algerier wegen eines Diebstahls festgenommen. Bei den Ermittlungen stellt sich zudem heraus, dass Bilal C. unter verschiedenen Namen mehrfach finanzielle staatliche Unterstützung ergaunert haben soll. Für einen Haftbefehl reicht das aber nicht, der Mann wird wieder freigelassen.

16. April 2016: Bilal C. wird erneut festgenommen, wieder wegen Ladendiebstahls. Wieder kommt er rasch auf freien Fuß. Doch ab diesem Zeitpunkt wird Bilal C. strikt überwacht – und wird vor den Augen der Ermittler erneut straffällig. Nun beantragt die Staatsanwaltschaft einen Haftbefehl, der auch erlassen wird. Was bei derlei Straftaten zumindest ungewöhnlich ist.

Anklage erhoben

29. April: Bilal C. wird in der Aachener Innenstadt verhaftet und wandert in Untersuchungshaft. Vergleichen wir einmal: Anfang des Jahres gab es in Aachen den Fall eines anderen jungen Algeriers, der binnen weniger Wochen Dutzende Straftaten anhäufte – Diebstahl, räuberische Körperverletzung, Raub. Fast täglich wurde er ins Gewahrsam gebracht und wieder freigelassen, weil die Staatsanwaltschaft keinen Grund für einen Haftbefehl sah.

Erst nach mehreren Berichten unserer Zeitung über den Fall änderte sich das doch noch. Nun Bilal C.: zwei Diebstähle in Aachen, möglicherweise noch ein paar in anderen Städten und Betrug. Also strafrechtlich deutlich kleinere Kaliber – und dennoch ein Haftbefehl? Zwischenzeitlich hat die Aachener Staatsanwaltschaft Anklage gegen Bilal C. wegen „gewerbsmäßigen Diebstahls“ und „gewerbsmäßigen Betrugs“ erhoben. Dem Algerier müsste also bald der Prozess gemacht werden. Doch es ist etwas dazwischengekommen.

Kein Zufall

11. Juni: Der „Spiegel“ meldet, die Aachener Polizei habe einen Terrorhelfer des Islamischen Staates (IS) festgenommen – allerdings rein zufällig, eben wegen Diebstahls. Es handelt sich um besagten Bilal C. Er soll dem Nachrichtenmagazin zufolge, das sich auf französische Geheimdienstinformationen beruft, Kontakt zu dem in Frankreich inhaftierten Salah Abdeslam und dem im November bei einer Razzia umgekommenen Abdelhamid Abaaoud gehabt haben.

Also Drahtziehern der Terroranschläge in Paris. Demnach habe er Einreisemöglichkeiten für die Paris-Attentäter über die Flüchtlingsroute erkundet. Zudem gebe es eine Verbindung zu Ayoub El K., der im August in einem Thalys-Zug auf Fahrgäste geschossen hatte, bevor er überwältigt werden konnte. Ein Top-Terrorhelfer, der sich als Ladendieb von der Polizei schnappen lässt – wie putzig.

Nur: Das alles war kein Zufall. Jedenfalls nicht in dem Sinne, dass die Polizei einen Ladendieb schnappt und erstaunt feststellt, dass es sich um einen mutmaßlichen Terroristen handelt. Vielmehr handelte es sich um eine willkommene Gelegenheit. Dazu später mehr.

Verdacht schon 2015

13. Juni, Aachener Polizeipräsidium: Polizeipräsident Dirk Weinspach hat wegen der jüngsten Veröffentlichungen zum Pressegespräch geladen. Ein Polizeipräsident, der ein Pressegespräch zu einem mutmaßlichen IS-Aktivisten anberaumt, gegen den nun der Generalbundesanwalt ermittelt? Normalerweise ist das undenkbar. So sagt Weinspach denn auch eingangs, dass dieses Gespräch einen „eigenen Charakter“ haben werde.

Zum Terrorverdacht werde er nichts sagen, da hätten andere die „Pressehoheit“. Er will vielmehr über die Sicherheit in Aachen reden. Und erklärt, dass von Bilal C. für die Aachener Bevölkerung zu keinem Zeitpunkt eine Gefahr ausgegangen sei. „Wir hatten ihn unter Kontrolle“, sagt Weinspach. Einen Ladendieb und Betrüger unter Kontrolle? Da wird deutlich: Bilal C. steht als möglicher Terrorhelfer schon viel länger unter Beobachtung.

Wofür in einem solchen Fall nicht die Aachener Polizei zuständig ist. Offenbar waren mehrere Bundes- und Landesbehörden Bilal C. monatelang auf den Fersen. Nach Informationen unserer Zeitung war bei übergeordneten Verfassungsschutz- und Sicherheitsbehörden schon 2015 ein Verdacht gegen Bilal C. aufgekommen. Dass er nicht wegen dieses Verdachts festgesetzt wurde, muss daran gelegen haben, dass man nicht genügend Belastungsmaterial gegen den Algerier hatte.

Bilal C. jedenfalls pendelte bisweilen zwischen den Niederlanden und Deutschland. Er soll in mehreren Städten in Flüchtlingsunterkünften untergekommen sein. Zuletzt lebte er ein einer Flüchtlingseinrichtung in der Städteregion. Wo genau, sagt der Polizeipräsident, der in dem gesamten Zusammenhang die Kooperation unterschiedlichster Behörden inklusive der niederländischen Polizei und den umfassenden Informationsaustausch hervorhebt, nicht.

Keine Auskunft gibt Weinspach darüber, welchen Aufenthaltsstatus Bilal C. hat und ob er einen Asylantrag gestellt hat. Weinspach bittet um Verständnis: Das seien Dinge, die im Ermittlungsverfahren beim Generalbundesanwalt in Karlsruhe eine Rolle spielen könnten.

Wer wusste wann was?

Die Frage bleibt: In welcher Form hatten die Behörden Bilal C. „unter Kontrolle“? Und wer wusste wann was? Der Polizeipräsident gibt darüber aus besagten Gründen keine Auskunft. Nach Informationen unserer Zeitung stand Bilal C. jedenfalls zunächst nicht auf der regionalen Liste der sogenannten „Gefährder“ in Bezug auf islamistischen Terrorismus.

Das hat sich mittlerweile geändert. Auf dieser Liste nehme Bilal C. nun eine „herausragende Position“ ein, sagt Kriminaldirektor Frank Schäfer, Leiter des Staatsschutzes der Aachener Polizei. Bilal C. hat den Behörden mit seinen kleinkriminellen Taten jedenfalls einen großen Gefallen getan. Einmal in U-Haft, kann man ihn nun doch näher unter die Lupe nehmen.

Dass es den ungewöhnlichen Haftbefehl wegen Diebstahls und Betrugs gab, sieht Weinspach damit begründet, dass nach den Kölner Ereignissen in Kombination mit möglicher Fluchtgefahr solchen Anträgen jetzt eher stattgegeben werde. Im vorliegenden Fall dürften allerdings noch andere Gründe eine Rolle gespielt haben.

Fragen zu dem Fall und seiner Chronologie gibt es viele. Die Bundesanwaltschaft ließ eine Anfrage unserer Zeitung dazu am Montag unbeantwortet.

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